Sein Erfolgsrezept hat ihn schon oft in den Wahnsinn getrieben. Obwohl Oliver Hegi längst gelernt hat, besser damit umzugehen. «Dank mentalem Training», wie der Europameister am Reck und EM-Bronzemedaillengewinner am Barren sagt. Aber es lässt sich nun mal nicht alles therapieren. Sein Perfektionismus fördert Leid und fordert Leidensfähigkeit.

«Aber der Wille, es perfekt zu machen, hat Oliver nun zum Europameister gemacht», sagt Nationaltrainer Bernhard Fluck. Wenn Hegi eine Übung turnt, will er sie perfekt beherrschen. Er übt alle Elemente so lange, bis es keine Steigerung mehr gibt. «Das hat Vor- und Nachteile», sagt der 25-jährige Aargauer.

Oliver Hegi ist zurück in der Schweiz

Oliver Hegi ist zurück in der Schweiz

Der Aargauer Kunstturner Oliver Hegi, der an der EM Gold und Bronze gewann, gab bei seiner Rückkehr dem Regionalsender Tele M1 Auskunft.

Wenn er eine Übung einmal beherrscht, dann so präzis und technisch sauber ausgeführt, dass die Wertungsrichter kaum Gründe für Abzüge finden. «Das hat ihm Gold gebracht», sagt Fluck. Wenn Hegi aber im Training ein neues Element lernt, fordert das viel. «Ich mache alles so lange, bis es so funktioniert, wie ich es will. Wenn es nicht klappt, ist die Enttäuschung dann sehr gross. Wenn es länger nicht klappt, wird es mental so richtig schwierig», sagt Hegi.

Begabung – aber vor allem Fleiss

Der Aargauer leidet sich zum Erfolg. «Selbst wenn wir Trainer längst mit der Ausführung zufrieden sind, ist für Oliver noch längst nicht Schluss», sagt Fluck. Hegi selbst hat dank jahrelanger mentaler Arbeit gelernt, besser mit dem Frust umzugehen, den das Streben nach Perfektion mit sich bringt. «Ich stecke Tiefschläge und Enttäuschungen besser weg.» Was heute nicht geht, übt er morgen noch einmal.

Es ist die Basis für den Erfolg. «Um so präzis zu turnen, braucht es Begabung, zweifellos», sagt Fluck. «Aber vor allem ist es das Resultat von jahrelangem und sehr hartem Training.» So richtig vorwärts geht es seit Ende 2016. Damals hat Hegi sein Training etwas umgestellt. Er baut seither die Erkenntnisse aus der Arbeit im Mentalbereich stärker ein. «Eine erfolgreiche Übung beginnt damit, mit welchen Gedanken ich ans Gerät gehe», sagt er.

Hegi investiert deutlich mehr Zeit in die Vorbereitung, aber auch in die Nachbetrachtung, in den Umgang mit Freude und Enttäuschung. Zusätzlich hat er seine Ernährung umgestellt. «Ich möchte nicht ins Detail gehen. Aber sagen wir es so: Ich ernähre mich heute deutlich sportgerechter und arbeite gerade nach dem Training mit proteinhaltigen Ergänzungsprodukten.»

Ruhe dank Selbstvertrauen

Belohnt für die Umstellungen wurde Hegi erstmals 2017 mit EM-Silber am Reck. «Seither weiss ich, dass ich es draufhabe, mit den Besten mitzuhalten. Ich muss es nicht mehr beweisen», sagt Hegi.

Dieses Selbstvertrauen ermöglichte ihm in den EM-Finals am vergangenen Sonntag, nahezu perfekt zu turnen. «Dass ich meine Übung technisch draufhabe, wusste ich aus den Trainings. Das Selbstvertrauen ermöglichte, das ich im Wettkampf ruhig blieb.»

Oliver Hegis Reck-Übung im Video

Erst einem Schweizer (Ernst Fivian 1959) war es zuvor gelungen, an einer EM zwei Einzelmedaillen zu gewinnen. Und erst zwei andere Schweizer (Jack Günthardt 1957 und Pablo Brägger 2017) konnten am Königsgerät Reck EM-Gold gewinnen. Brägger fehlte an der EM in Glasgow verletzt und Hegi ist dadurch in die Rolle des Teamleaders gerutscht.

Es war eine neue Aufgabe, die er mit Bravour meisterte. «Oliver ist einer, zu dem man aufschauen kann», sagt Fluck. «Er animiert mit seinem Wille, etwas perfekt zu beherrschen, die anderen, Selbst in der Freizeit schaut er, dass seine Teamkollegen nie den Fokus verlieren.»

Die unendliche Reise

Hegi gönnt sich nun drei Tage Pause. Danach geht es bereits zurück ins Training. Das Streben nach Perfektion ist eine unendliche Reise. «Man kann sich in Sachen Schwierigkeitsgrad immer steigern», sagt er. Zumindest seine Reck-Übung will Hegi aber vorerst beibehalten. «Ich glaube, dass ich damit weiterhin konkurrenzfähig bleibe.» Zumindest bis zur WM 2019 in Stuttgart.

Ob das auch bis zu den Olympischen Spielen 2020 so sein wird, bleibt abzuwarten. «Die Sommerspiele in Tokio sind mein grosses Ziel. Jeder Athlet träumt davon, auf der grösstmöglichen Bühne zu brillieren», sagt Hegi. Dafür würde er in Kauf nehmen, dass ihn sein Erfolgsrezept erneut in den Wahnsinn treibt. Dann, wenn es eine neue Reck-Übung braucht. Eine perfekte Übung natürlich.