Nach knapp 68 Minuten war die Partie zwischen Luzern und GC vom vergangenen Sonntag zu Ende. Mehrere Dutzend GC-Chaoten kletterten über die Absperrung zum Spielfeldrand, bedrohten GC-Spieler und machen Anstalten, das Feld zu stürmen. Sie erreichten dadurch nicht nur, dass Polizeikräfte den Rasen der Luzerner Swissporarena betreten mussten, sondern auch den vorzeitigen Spielschluss.

Die Chaoten forderten nach einer Unterhaltung mit Vereinspräsident Stephan Rietiker und Torhüter Heinz Lindner die Herausgabe der GC-Trikots, wozu es letztlich auch kam. Er habe «contre cœur» gehandelt und schäme sich dafür, sagte Rietiker an der gestrigen Medienkonferenz seines Vereins. Aber es sei darum gegangen, Schlimmeres zu vermeiden. «Es war kein Kniefall, sondern es ging um Deeskalation», so Rietiker.

Der neue GC-Präsident machte auch klar, was nun aus seiner Sicht geschehen muss: «Die Politik, der Fussballverband und die Klubs sind gefragt. Es braucht eine Mischung zwischen Dialog und Repression.» Autosünder würden in der Schweiz härter bestraft als viele Kriminelle. «In Deutschland, beim American Football in den USA oder in England würden diese Leute im Kastenwagen abgeführt», so Rietiker.

Dialog und Repressionen

Sind aus Zürich in dieser Hinsicht einigermassen klare Worte zu vernehmen, klingen die Verantwortlichen andernorts noch etwas zögerlicher. Beim FC Luzern, auf dessen Platz sich alles abspielte, heisst es: «Wir sind aufgrund von anderen Vorfällen, die in dieser Saison schon in unserem Stadion passiert sind, in einem Austausch mit der Liga», so FCL-Medienchef Markus Krienbühl.

In diesem Jahr haben die Luzerner Ultras bereits für Schlagzeilen gesorgt, als sie zweimal gegen frühe Anspielzeiten protestierten. Aus Sicht des Vereins sei dies der einzige Weg, «mindestens auf dieser Ebene miteinander zu sprechen». Zu den Forderungen von GC-Präsident Rietiker möchte der FC Luzern keine Stellung beziehen. «Weil wir nicht der Meinung sind, dass eine Diskussion in der Öffentlichkeit besonders zielführend ist.»

Ob es für den FCL konkret denkbar wäre, bei den Gästefans künftig Ausweiskontrollen durchzuführen, bleibt somit offen. «Als Klub kannst du nicht alleine Massnahmen ergreifen, das muss zusammen mit der Swiss Football League (SFL) passieren», sagt Krienbühl. Das Ziel sei eine einheitliche Regelung, die für alle Super-League-Klubs gelte.

Bei der angesprochenen SFL heisst es auf Anfrage ebenfalls noch wenig konkret: «Wir werden unsere immensen Bemühungen gemeinsam mit den Klubs weiterführen, genauso wie den Weg des Dialogs», teilt SFL-Sprecher Philippe Guggisberg mit. Der Fall vom Sonntag liege nun bei der Disziplinarkommission der SFL vor. «Diese ist angehalten, den Fall mit der erforderlichen Dringlichkeit zu behandeln.»

Es besteht Handlungsbedarf

Ausweiskontrollen inklusive Abgleich der Daten mit der nationalen Hooligan-Datenbank sind eine der möglichen Massnahmen, welche das sogenannte Hooligankonkordat vorsieht. Es besteht seit 2007, vor sieben Jahren wurde der Konkordatstext um weitere Massnahmen ergänzt. Darunter die Möglichkeit eines national gültigen Rayonverbots (zuvor lokal begrenzt) und das Ahnden eines blossen Mitführens von Pyrotechnik als gewalttätiges Verhalten.

Welche der noch nicht praktizierten Möglichkeiten nach Vorfällen wie jenen vom Sonntag künftig in Betracht gezogen werden könnten, ist jedoch auch für die dafür verantwortliche Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren (KKJPD) zum jetzigen Zeitpunkt noch unklar. «Klar ist für mich nach den jüngsten Vorfällen rund um Spiele der Super League, dass Handlungsbedarf besteht», schreibt auf Anfrage Roger Schneeberger, Generalsekretär der KKJPD. «In welche Richtung die zu treffenden Massnahmen gehen, möchte ich nicht vorwegnehmen.»

Denn entscheiden wolle man, nachdem ein im April veranlasster Bericht über die Auswirkungen des Hooligankonkordats erscheint. Das Papier soll auch konkrete Handlungsempfehlungen beinhalten. «Dieser Prozess wird allerdings bis Mitte 2020 dauern», so Schneeberger. Über allfällige Massnahmen werde man in den Monaten Mai und Juni diskutieren. Wie diese aussehen könnten, kann Schneeberger aber ebenfalls noch nicht sagen: «Ich möchte nicht spekulieren.»

Sperrung des Gästesektors

Auch der Luzerner Justizdirektor Paul Winiker (SVP) möchte dies nicht tun. «Es wäre verfrüht, aufgrund dieses Vorfalls einzelne Massnahmen anzukündigen.» Deutlich macht Winiker jedoch, dass das am Sonntag Vorgefallene für ihn «unter keinen Umständen» zu tolerieren ist. «Ich verurteile diese Aktion aufs Schärfste.»

Obwohl auch Winiker noch nicht sagen kann, welche Massnahmen künftig ergriffen werden könnten, weist er auf ein bereits bestehendes Eskalationsmodell hin, welches zum Beispiel bis zur Sperrung des Gästesektors gehe. «Es ist jedoch Sache der Liga und der Klubs, dieses Modell auch anzuwenden.»

Was auch immer die Folgen der Aktionen wie jener vom Sonntag sein werden – fest steht: Die GC-Chaoten geraten nun aufgrund ihrer Drohungen gegen Spieler auch wegen möglicher Nötigung ins Visier der Justiz. Die Luzerner Staatsanwaltschaft hat eine entsprechende Untersuchung eingeleitet. Ob auch der FC Luzern eine Anzeige gegen die GC-Hooligans erstatten wird, ist unklar.

Sicher ist: «Es sind Video- und TV-Aufnahmen vorhanden, wovon schnellstmöglich eine Auswertung gemacht wird», sagt FCL-Sprecher Markus Krienbühl. Dass es zum Vorfall kommen musste, hat Christian Wandeler, Geschäftsleiter der Fanarbeit Schweiz, nicht überrascht. «Glücklicherweise kam es aber zu keinen Gewaltszenen.» Auch er befürwortet bei der Vorbeugung gegen solche Ereignisse einen Mix aus Repression und Dialog. «Man sollte aber den Dialog stärken.»