Das Bild ist wie ein Gemälde. Gut möglich, dass es im Haus der beiden Hauptdarsteller einmal einen Ehrenplatz bekommt. Es zeigt einen stolzen Fussballspieler und dessen stolzen Sohn. Man sieht, wie der Spieler den Kleinen vor sich in der Höhe hält und ahnt, wie glücklich die beiden in diesem Moment sind.

Auch Admir Mehmedi hat das Bild gesehen. Er sagt: «Das sind die besten Momente in einem Leben.» Kurz bevor der Fotograf an jenem Tag das kleine Kunstwerk schoss, hatte Mehmedi ein wichtiges Tor für seine Mannschaft erzielt. Was den Glückshormonen zweifellos noch einen zusätzlichen Schub gab.

«Im Mai wird Noar zweijährig. Er ist inzwischen alt genug, dass ihn meine Frau zu mir aufs Spielfeld hinunterbringen und er dort erleben kann, was sein Papi gerade erlebt», erzählt Mehmedi. «Und er nach einem Sieg sogar schon ein bisschen mitfeiern kann.» Wie eben an jenem Samstagnachmittag im vergangenen September, als dem Papi in der Nachspielzeit für Wolfsburg das 2:2 gegen Hertha Berlin gelang und dem VfL damit einen Punkt rettete.

Jammern hilft nicht

Exakt ein halbes Jahr später geht es Mehmedi noch immer gut. Der kleine Noar hat zu kicken begonnen und der Vater vor drei Wochen mit einem Doppelpack, seinen Saisontoren Nummer vier und fünf, Borussia Mönchengladbach abgeschossen. Natürlich, die 0:6-Klatsche am vergangenen Samstag bei Bayern München war dann schon ein herber Dämpfer, wie auch die Nachricht am Dienstag, dass Trainer Bruno Labbadia die Wölfe am Ende der Saison verlassen wird.

Aber jammern hilft nicht, zumal Wolfsburg noch immer den guten siebten Rang belegt mit intakten Chancen auf einen Europacupplatz. Was für viele eine ziemliche Überraschung ist, nachdem der VfL in der vergangenen Saison beinahe abgestiegen wäre.

Zuschauen nervt

Nicht aber für Mehmedi. «Ich habe um die Qualitäten unserer Mannschaft gewusst. Seit dem vergangenen Sommer gelingt es uns nun endlich, sie abzurufen.» Zwischen der letzten und dieser Saison bestehe ein grosser Unterschied, sagt Mehmedi. Es seien gute Charaktere dazugekommen und das Team sei eng zusammengerückt. Möglich, dass auch das Erlebnis der heil überstandenen Relegationsspiele gegen Holstein Kiel die Mannschaft zusammengeschweisst hat.

Partien, die der ein halbes Jahr zuvor von Bayer Leverkusen verpflichtete Schweizer wegen eines Bänderrisses nur als Zuschauer hatte mitverfolgen können. «Das war schon sehr bitter und extrem nervraubend, denn ich war mit grossen Ambitionen nach Wolfsburg gekommen», sagt Mehmedi. «Zum Glück haben wir den Klassenerhalt dann doch noch geschafft.»

Aber ihm und seiner jungen Familie gefällt es in Wolfsburg so gut, dass die Mehmedis vielleicht selbst bei einem Abstieg in der Autostadt geblieben wären. «Wir haben hier alles, was wir brauchen und fühlen uns pudelwohl», sagt Mehmedi. Sein Schweizer Teamkollege Renato Steffen wohnt mit seiner ebenfalls jungen Familie gleich nebenan, und manchmal gehen sie miteinander einen Kaffee trinken.

«Ich habe Wertschätzung gespürt»

Weit weg ist in diesen Tagen das Seuchenjahr 2018, in dem Mehmedi wegen der besagten Verletzung auch noch die WM in Russland verpasste und im ganzen Jahr nur in zwei von zehn Länderspielen – gegen Island und England – mitwirken konnte. «Noar hat mir in jener Zeit definitiv über die verpasste WM-Teilnahme hinweggeholfen», sagt Mehmedi.

Aus der Ferne hat er dann mitverfolgt, wie seine langjährigen Nati-Teamgefährten Valon Behrami und Blerim Dzemaili nach der Weltmeisterschaft einem sanften Umbruch zum Opfer fielen. Beide waren schon damals dabei gewesen, als Mehmedi im Juni 2011 unter Ottmar Hitzfeld beim 2:2 in England debütiert hatte. «Es gilt, die sportlichen Entscheidungen des Trainers zu akzeptieren», sagt Mehmedi.

Während seiner langen Verletzungspause hätten sich er und Vladimir Petkovic immer mal wieder eine SMS geschrieben und auch die Physios sich gemeldet und erkundigt, wie es ihm gehe. «Ich habe Wertschätzung gespürt», sagt Mehmedi.

Admir Mehmedi mit Natitrainer Vladimir Petkovic.

Admir Mehmedi mit Natitrainer Vladimir Petkovic.

Die Nations League gewinnen

Jetzt aber freut er sich darauf, in acht Tagen in Tiflis gegen Georgien sein 61.  Länderspiel zu bestreiten. Weil er im Winter die ganze Rückrundenvorbereitung mitmachen konnte und endlich schmerzfrei wurde, ist er beim VfL Wolfsburg zu einer starken Form aufgelaufen.

Dass ihn Labbadia hinter den Spitzen im Zentrum einsetzt, kommt ihm entgegen. «Ich geniesse viele Freiheiten. Das liegt mir und schlägt sich in den Leistungen und Statistiken nieder», sagt Mehmedi. Er ist heiss auf die Nati und sagt: «Ich will mit ihr im Juni in Portugal die Nations League gewinnen und im nächsten Jahr an die EM reisen.»

Zuerst steht aber noch einmal ganz der VfL Wolfsburg und dessen Bundesligaspiel am Samstag gegen Fortuna Düsseldorf im Fokus. Es wäre cool, wenn Mehmedi am frühen Abend seinen Sohn hochheben und mit ihm den Sieg und den 28. Geburtstag von Papi feiern könnte.