Hätten die ZSC Lions den Trainer nicht schon gewechselt, so hätten in den vergangenen Tagen Spekulationen um einen Kommandowechsel die Berichterstattung auf allen Kanälen dominiert. Die Zürcher haben sieben von elf Spielen verloren. Eine solche Bilanz kann sich eigentlich kein Trainer einer Meistermannschaft leisten.

Eigentlich. Aber die ZSC Lions haben die Übungsleitung bereits ausgewechselt. Sieben Pleiten in elf Partien – das ist die Bilanz des neuen Trainers Arno Del Curto.

Aber nach dem Untergang gegen den SC Bern am vergangenen Sonntag (1:3) war im Hallenstadion überhaupt keine Spur von Volkszorn zu spüren. Verbale Schmähungen oder Pfiffe hatte es in der ausverkauften Arena während des Spiels keine gegeben.

Damals, als sie kein Geld hatten

Die ZSC Lions sind auf eine beinahe rührende Art und Weise auch in der Krise populär. Es ist fast so wie damals in den 1980er- und 1990er-Jahren, als diese Hockeyfirma noch ZSC hiess und sich Jahr für Jahr im sportlichen und wirtschaftlichen Existenzkampf zu bewähren hatte. Siege gegen Aussenseiter vom Format eines Langnau wurden wie Meistertitel gefeiert und Niederlagen gegen die Titanen heroisiert. Wir leiden, wir kämpfen, wir verlieren, also sind wir!

Der erste Sieg unter Arno Del Curto gegen Langnau (4:1) ist im Hallenstadion bejubelt worden wie eine Meisterschaft und die Pleite gegen den SC Bern zur Heldentat verklärt worden. Wir erleben eine wundersame Rückkehr zu den Ursprüngen der alten ZSC-Romantik.

Heute Abend spielen die ZSC Lions und Lugano im Hallenstadion etwas mehr als 300 Tage nach dem Playoff- Final nur noch darum, wenigstens an den Playoffs teilnehmen zu dürfen. Den Vorsitz in Lugano hat die Milliardärin Vicky Mantegazza und bei den ZSC Lions der Milliardär Walter Frey.

Geld steht an beiden Orten in unbeschränktem Mass zur Verfügung. Und trotzdem treten die ZSC Lions als Titelverteidiger inzwischen so auf wie damals, als sie kein Geld hatten und ZSC hiessen.

Die finanzielle Lage war Anfang der 1990er-Jahre so angespannt, dass der Trainer zwischendurch mit der eigenen Bancomatkarte Geld bezog, um seinen Ausländern auszuhelfen. Sie hätten sonst nicht einmal mehr die Mittel gehabt, um sich und ihre Familien zu verpflegen. Weil wieder einmal die Löhne nicht bezahlt werden konnten. Der ZSC-Trainer hiess damals wie heute Arno Del Curto.

Weder in Zürich noch in Lugano macht also Geld bessere Trainer und Spieler. Karl Marx, der einst die Utopie einer Gesellschaft ohne Geld entworfen hatte, wäre begeistert. Karl Marx im Hockey zu bestätigen, hätten sich weder Vicky Mantegazza noch Walter Frey je träumen lassen.

«Nur» noch ein guter Trainer?

Die Playoffs und Titelverteidigung sind für die ZSC Lions nach wie vor möglich. Aber ein wenig sieht es halt so aus, als sei auch Arno Del Curto beinahe am Ende seines Lateins. Die Frage ist nicht, ob Arno Del Curto ein guter Trainer ist. Er ist es.

Aber ein guter Trainer muss nicht automatisch auch ein guter ZSC-Trainer sein. Die Frage ist vielmehr, ob Arno Del Curto noch der wahre Arno Del Curto ist. Weil nur der wahre Arno Del Curto die Zürcher aus der Krise zu erlösen vermag.

Es gibt beunruhigende Anzeichen, dass er «nur» noch ein guter, normaler Trainer geworden ist. Nach der letzten Pleite (1:3 gegen den SCB) hat er freundlich Auskunft gegeben. Eigentlich ein Wunder. Als er in Davos oben noch der wahre, der rockende und rollende Arno war, mochte er nach solch bitteren, durch Eigenfehler der Stars verursachte Niederlagen nicht mit Chronistinnen und Chronisten plaudern und verzog sich grollend, um seinen Zorn zu kühlen, in die Kabine.

Die grossen Fragen

Aber das geht jetzt nicht mehr. Er muss beim ZSC zum ersten Mal in seiner langen, sich über ein Vierteljahrhundert hinziehenden Trainerkarriere «in der Furche laufen». Sich also den Strukturen einer hochprofessionellen Eishockey-Firma anpassen, und er hat nicht mehr eine ganze Hockey-Firma, die sich ihm anpasst wie in Davos oben. Also gibt er nach der Pleite gegen den SCB Auskunft.

Er tut es mit einer Milde, die für diesen Feuerkopf in so einer Situation schier unheimlich wirkt. Ach, wie hätte er, als er noch der wahre Arno Del Curto war, über die Fehler referiert! Mit den Händen gesprochen! Sich in Hitze geredet! Die wahren Schuldigen genannt! Altersmilde mit 62 Jahren?

Leise Resignation in einer schwierigen Situation? Oder die staatsmännische Gelassenheit eines wahrlich grossen, sechsfachen Meistertrainers, der weiss, dass es schon noch gut kommt? Die Ruhe vor einem gewaltigen Sturm zur Titelverteidigung? Die ersten Ausläufer dieses Sturmes müsste allerdings Lugano heute im Hallenstadion zu spüren bekommen.