Süsser die Glocken nie klingen
als zu der Weihnachtszeit,
’s ist, als ob Engelein singen
wieder von Frieden und Freud’.

… und vielleicht gar vom Meistertitel.

Natürlich haben die Spieler der Young Boys keine Weihnachtslieder gesungen, als sie am Sonntagabend in ihren gelben Trainerblusen in den Teambus nach Bern eingestiegen sind. Das werden sie vermutlich tun, wenn sie im Kreis ihrer Liebsten um den Weihnachtsbaum sitzen. Gut möglich, dass an diesem dann sogar die Super-League-Tabelle hängt. An Weihnachten von Platz eins zu grüssen, das haben die Berner vor acht Jahren letztmals geschafft. Als sie mit vier Punkten Vorsprung auf Basel überwinterten und …

Alles rausgehauen

Gesungen hat bei YB gestern also noch keiner, gelacht aber schon. Nach der Niederlage in Thun und dem Remis gegen GC hat wohl jeder Gelbschwarze mitbekommen, wie erste Unkenrufe davon gekündet haben, der Tabellenführer werde den einst erklecklichen Vorsprung von acht Zählern auf den FCB noch im alten Jahr verspielt, oder wie es im Fall von YB heisst: veryoungboyst, haben. Doch so weit ist es nicht gekommen. «Wir haben uns vorgenommen, alles rauszuhauen, was wir noch an Energie haben», sagte Trainer Adi Hütter, «und dies ist uns gelungen.»

«Wir haben uns vorgenommen, alles an Energie rauszuhauen»

«Wir haben uns vorgenommen, alles an Energie rauszuhauen»

Ziemlich eindrücklich sogar. Im 33. Pflichtspiel dieser Saison in drei Wettbewerben hat YB in der Super League zum 14. Mal gewonnen und damit seinen Vorsprung von zwei Punkten auf den Serienmeister vom Rhein verteidigt. Der 4:2-Erfolg über den FC Luzern vor 8980 schlotternden Zuschauern war gewiss verdient. Vor allem in der ersten Halbzeit hatten die Gäste die abstiegsgefährdeten Zentralschweizer im Würgegriff, zeigten, warum sie zu Recht ganz oben in der Rangliste stehen.

Mit Sekou Sanogo, der den Bernern in den letzten Wochen schmerzlich gefehlt hatte, war das Kraftwerk ins Mittelfeld zurückgekehrt. Mit Glanz und Gloria, denn der Afrikaner schoss das 1:0 und das 4:1. Im 164. Super-League-Spiel war es erst sein zweiter Doppelpack. Dazwischen hatten der famose Roger Assalé und Miralem Sulejmani getroffen.

«Es ist wichtig, dass wir als Leader in die kurze Pause gehen»

Letzterer ist blendender Laune, als er in der Swissporarena zum Interview erscheint. «Das war ein souveräner Sieg. Wir haben sehr diszipliniert gespielt», sagt der Serbe, bevor er verrät, dass er die knapp drei Wochen Ferien in der Schweiz verbringe. «Ich gehe mit der Familie in die Berge; aber keine Sorge, ich werde nicht Ski fahren.» Dafür aber auf dem Handy das eine oder andere Mal die Tabelle anschauen. «Es ist schon extrem wichtig, dass wir als Leader in die kurze Pause gehen», sagt Sulejmani.

«Es ist schon extrem wichtig, dass wir als Leader in die kurze Pause gehen»

«Es ist schon extrem wichtig, dass wir als Leader in die kurze Pause gehen»

In 14 Saisons seit Einführung der Super League 2003 hatten die Young Boys in den ersten 19 Runden insgesamt sagenhafte 111 Punkte auf den FCB eingebüsst und es nur einmal geschafft, das alte Jahr an der Spitze abzuschliessen. Doch gerne erinnern sie sich nicht an die Spielzeit 09/10. In jener lagen sie nach acht Runden 13 Punkte vor Basel, an Weihnachten immer noch 7, doch am letzten Spieltag gewann der FCB die Finalissima und schnappte YB den Titel weg.

Diese Gruselgeschichte kennt jeder in Bern. Vielleicht auch deshalb versuchen nun alle, den Ball flach zu halten und demütig zu bleiben. «Wir haben noch nichts in der Hand», warnt Hütter, der eine Baumeister des YB-Hochs.

Spychers Lob

Der andere ist Sportchef Christoph Spycher. «Ich gehe mit einem guten Gefühl in die Winterpause. Viele unserer Spieler sind sich eine so hohe Belastung nicht gewohnt gewesen. Aber sie haben es tipptopp gemacht und wichtige Erfahrungen gesammelt», sagt Spycher. Ihm gefällt speziell die gute Mentalität, welche das Team an den Tag legt. Das Bestreben des Sportchefs ist es nun, die Mannschaft zusammenzuhalten. «Und dann wollen wir im selben Stil wie bisher weitermachen.»

YB und das gegnerische Tor im Visier: Basels Renato Steffen.

YB und das gegnerische Tor im Visier: Basels Renato Steffen.

Die Zeiten ändern sich schnell

Wie schnell sich die Zeiten ändern. Als der FC Basel zum letzten Mal gegen GC im Letzigrund spielte (9. Runde), lag der Serienmeister nach einem dürftigen 0:0 gegen den Rekordmeister acht Punkte hinter Leader YB. Knapp drei Monate sind seither verstrichen und der Rückstand ist in den letzten Wochen auf bloss noch zwei Punkte zusammengeschrumpft.

Beinahe hätte der FCB den Young Boys noch den ersten Tabellenplatz vor der Winterpause weggenommen

Beinahe hätte der FCB den Young Boys noch den ersten Tabellenplatz vor der Winterpause weggenommen

Um ein Haar hätten die Basler YB gar noch den Wintermeistertitel streitig machen können. «Wenn man unsere Form anschaut, dann dürfte es durchaus weitergehen», sagt Mittelfeld-Taktgeber Luca Zuffi. Doch Super League ist nicht Premier League oder anders gesagt: Während in England durchgespielt wird, verreisen die Schweizer Profi-Fussballer nun in die Ferien. Erst Anfang Februar geht der Meisterschaftsbetrieb wieder los. Eine Pause zur falschen Zeit für den FCB. Könnte man meinen.

Mit Grätschen aus der Krise

Doch es gibt keinen einzigen Basler Akteur, der sich über die Pause beschwert. Luca Zuffi ergänzt nach seiner Formanalyse: «Es ist schon gut, dass wir uns nun erholen können. Man merkt es langsam in den Knochen nach der kurzen Sommerpause.» Und einer anstrengenden ersten Saisonhälfte, muss man ergänzen. Auf den Umbruch im Sommer folgte die Krise. Der FCB stolperte aus den Startlöchern, verlor sogleich das Auftaktspiel gegen YB und gleich darauf den Captain. Der Rückstand auf den Leader aus Bern wuchs so bis zu besagtem Spiel gegen GC auf acht Punkte an.

Ironischerweise schaffte der FCB die Kehrtwende aber kurz vor diesem Spiel, in dem der Rückstand auf den Leader auf ein Rekordausmass anwuchs. Nämlich im Spiel gegen den FCZ (1:0). Der FCB verlor zuvor Punkte gegen Mannschaften wie Lausanne, Lugano oder St. Gallen. Monster Basel verkam zum Kuscheltierchen. Und dann kämpfte man sich gegen Erzrivale Zürich aus der Krise, gewann mit Grätschen die Gunst des Publikums zurück.

Verkehrte Welt in Basel

Das Selbstvertrauen war noch fragil. Aber es war ein Anfang. Es folgte die Gala gegen Benfica. 5:0 – Rekordsieg in der Königsklasse. Man liess weitere Siege in der Champions League folgen: erst in Moskau gegen ZSKA, dann im Joggeli gegen Manchester United und in Lissabon gegen Benfica. Vier Mal spielte der FCB zu null. Zwölf Punkte in der Gruppenphase. Auch das ein Rekord. Sportchef Marco Streller sagt: «Eigentlich haben wir uns das Selbstvertrauen für die Meisterschaft in der Champions League geholt.» Verkehrte Welt in Basel also.

Überhaupt blickt der Sportchef höchst zufrieden auf diese ersten sechs Monate zurück. «Vor zwei Wochen lagen wir noch sieben Punkte hinter YB, jetzt sind es bloss noch zwei», stellt er nüchtern fest. Und er meint: «YB ist über die ganze Zeit betrachtet zu Recht auf dem ersten Platz. Und es ist sicher schön für sie, dass sie Wintermeister sind, aber davon kann man sich nicht viel kaufen.»

Abgerechnet wird erst am Schluss

Abgerechnet wird am 19. Mai. Bis dahin bleiben den Baslern 17 Runden, um den Rückstand auf die Berner wettzumachen. Viel, viel Zeit, um den neunten Titel in Serie doch noch klarzumachen. Noch zwei Mal trifft er auf YB, kann also aus eigener Kraft Meister werden. «Das haben wir uns fest vorgenommen. Jetzt gilt es, die Batterien aufzuladen für die Rückrunde. Die Jungs haben sich die Ferien redlich verdient», sagt Streller.

«Die Jungs haben sich die Ferien redlich verdient»

«Die Jungs haben sich die Ferien redlich verdient»

Rund drei Wochen haben die FCB-Stars nun frei. Während Manuel Akanji erst nach Jamaika und dann nach Dubai jettet, bleibt Luca Zuffi wohl zu Hause in der Schweiz. Trainer Raphael Wicky fliegt heute nach Los Angeles und fährt dann ein paar Tage Ski in Zermatt. «Ich freue mich sehr auf die Ferien, aber ich freue mich auch jetzt schon darauf, die Jungs am 8. Januar wieder in Basel willkommen zu heissen und den Weg mit ihnen weiterzugehen. Es macht einfach Spass mit dieser Mannschaft», sagt er.

Es muss in den Ohren der Berner wie eine Drohung tönen. Denn die Basler haben nicht nur Spass, sondern auch ihren Nimbus wieder zurück. Da ändert auch eine Winterpause nichts daran. Das Monster ruht bloss für ein paar Tage.