Gänsehaut-Stimmung im Stade de Suisse. Im sechsten und letzten Auftritt in der Champions League holen die Young Boys die Sterne vom Himmel, feiern den ersten Sieg in der Königsklasse. 2:1 schlagen sie Juventus Turin, einen der ganz grossen Favoriten auf den Sieg in diesem Wettbewerb. Und das in einem Spiel, das die Turiner eigentlich unbedingt gewinnen wollten. Schliesslich stand für sie der Gruppensieg auf dem Spiel. Wenn Manchester United nicht gleichzeitig in Valencia gepatzt hätte, Ronaldo & Co. wären auf Platz 2 abgerutscht, hätten schon im Achtelfinal Duelle gegen Messi oder Neymar riskiert. 

Logisch, die Gäste treten nicht mit ihrer besten Mannschaft an. Klar, YB hat Glück. Zweimal trifft Superstar Ronaldo den Pfosten, einmal rettet die Latte für Marco Wölfli, der bei diesem letzten Auftritt in der Königsklasse im Tor steht und mehrfach stark hält. Und dennoch sieht es so aus, als wäre er auch Sekunden vor Schluss machtlos. Dybala trifft – erst knappe 20 Minuten vor Schluss eingewechselt - zum zweiten Mal. Doch der Schiedsrichter annulliert den Treffer wegen eines Abseits von Ronaldo. Ein richtiger Entscheid. Kurz darauf ist es überstanden. Freudentaumel in Bern. Ein Abschied mit Ausrufezeichen von der grossen Bühne. Und einem Banner der YB-Stars für ihre Fans: «Merci für e meisterlech Support».

Die Champions League war für YB das Sahnehäubchen

Die Euphorie der YB-Anhänger war so etwas wie der rote Faden dieser Kampagne. Vom ersten bis zum letzten Spiel war für sie die Champions League ein Fest. So etwas wie das Sahnehäubchen auf die Torte, die sich das Team im Frühling unter den Nagel gerissen hat. Mit diesem Knall, dieser Gefühlseruption im Heimspiel gegen Luzern, dem ersten Meistertitel nach 32 Jahren. Alle Heimspiele ausverkauft. Unvergesslich auch die gelbe Wand in Manchester.

YB celebrates after winning the UEFA Champions League group stage group H matchday 6 soccer match between Switzerland's BSC Young Boys Bern and Italy's Juventus Football Club Turin, at the Stade de Suisse in Bern, Switzerland, Wednesday, December 12, 2018. (KEYSTONE/Anthony Anex)

YB celebrates after winning the UEFA Champions League group stage group H matchday 6 soccer match between Switzerland's BSC Young Boys Bern and Italy's Juventus Football Club Turin, at the Stade de Suisse in Bern, Switzerland, Wednesday, December 12, 2018. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Zugleich musste die Mannschaft Lehrgeld bezahlen. Vor allem in den ersten beiden Spielen gegen Manchester United in Bern und gegen Juventus in Turin. Zweimal taucht YB, zweimal 0:3, zweimal keine Chance. Doch das europäische Überwintern verspielt sie in erster Linie gegen Valencia. Nur 1:1 im Heimspiel trotz drückender Überlegenheit. Und auswärts tauchen die Berner diskussionslos mit 1:3. Mit etwas Glück hätte YB dann im Old Trafford ein Unentschieden holen können, aber letztlich zerstört Marouane Fellaini die Berner Träume in der Nachspielzeit, legt sich den Ball mit der Hand vor und schiebt zum 0:1 ein. Der Exploit kommt im letzten Spiel. Leider zu spät. 

YB-Sportchef Spycher erwartet einen hektischen Winter

Es wäre vermessen gewesen, in dieser Gruppe ein Weiterkommen zu erwarten. Obschon diese Berner Mannschaft eine der stärksten ist, die der Schweizer Fussball je gesehen hat. Aber dieses «Dream Team» wurde vermutlich in die schwierigste Gruppe gelost, in der je ein Schweizer Team gespielt hat. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass mehr möglich gewesen wäre. Das hat YB im letzten Spiel gegen Juve gezeigt. Erstmals gelingt es den Bernern, in dieser Kampagne in Führung zu gehen. Prompt bescheren sie dem Schweizer Fussball eine weitere Sternstunde. Gegen einen der Topfavoriten auf den Sieg in der Königsklasse, gegen das Juve von Ronaldo.

YB celebrates after Guillaume Hoarau, center, scored 2-0, during the UEFA Champions League group stage group H matchday 6 soccer match between Switzerland's BSC Young Boys Bern and Italy's Juventus Football Club Turin, at the Stade de Suisse in Bern, Switzerland, Wednesday, December 12, 2018. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)

YB celebrates after Guillaume Hoarau, center, scored 2-0, during the UEFA Champions League group stage group H matchday 6 soccer match between Switzerland's BSC Young Boys Bern and Italy's Juventus Football Club Turin, at the Stade de Suisse in Bern, Switzerland, Wednesday, December 12, 2018. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)

Vielleicht aber war es auch das Maximum, was man von einem Neuling auf diesem Niveau erwarten kann. YB musste lernen – und es hat gelernt. Die mit Abstand beste Offensive der Liga war anfänglich zu nachlässig, die beste Verteidigung der Schweiz zu anfällig. Nicht so gegen Juve. Auch weil für einmal das Glück auf Berner Seite spielt. Eine Sensation zum Schluss, eine Art Dankeschön bei den Fans.

Für den einen oder anderen Spieler wird es zudem der Abschied aus Bern (YB bestreitet das letzte Spiel vor dem Jahreswechsel in Neuenburg) gewesen sein. Kevin Mbabu, Djibril Sow oder Roger Assalé: YB wird in der Winterpause wohl den einen oder anderen Publikumsliebling verlieren. Nach dem der Transfermarkt im Sommer – wegen der durch die WM verkürzten Pause – erstaunlich ruhig blieb, rechnet Sportchef Christoph Spycher mit einem hektischen Winter. Als Trost wird es den Bernern die eine oder andere Million in die Kasse spülen.

Investieren die Young Boys geschickt und haben sie ein bisschen Glück bei der Auslosung, scheint eine neuerliche Champions-League-Teilnahme 2019 kein Ding der Unmöglichkeit. Auf lange Frist aber wird die Sternen-Liga zur Sehnsuchtsliga für Schweizer Klubs. Ohne Exploit des FC Zürich droht die Schweiz in der Uefa-5-Jahreswertung aus den Top 15 zu fallen. Geschieht das, wird der Weg in die Königsklasse ab 2020 selbst für den Schweizer Meister noch steiniger. Also geniessen wir diese Sternstunde für den Schweizer Fussball. Mehr dürften es in Zukunft kaum werden.