Davide Callà muss das Gespräch kurzfristig auf später verschieben. Nicht viel, aber so, dass es verständlich wäre, würde er dann lieber nach Hause fahren, anstatt sich Zeit für ein Interview zu nehmen. «Nein, wir machen das heute», besteht er darauf. «Abgemacht ist abgemacht.

Und ausserdem komme ich auf dem Weg nach Winti sonst eh nur in den Stau.» Winti – also Winterthur, wie Callàs Heimatstadt liebevoll genannt wird – nicht Rheinfelden, wo Callà eigentlich wohnt? «Dort habe ich meine Zelte schon lange abgebrochen.»

Aber es ist eigentlich nicht das, sondern vielmehr der andere Teil dieses kurzen Telefonats, der interessant ist. Weil es zeigt, wie Callà ist – auch in einer Situation, in der es ihm keiner übel nehmen würde, wenn er mal keinen Bock oder gar schlechte Laune hätte.

Beim FC Basel «abgesägt»

Denn Callà wurde in dieser Saison beim FC Basel «abgesägt», wie er es selber bezeichnet. Nach dreieinhalb Jahren, vier Meistertiteln und einem Cuptriumph, 120 Einsätzen, 23 Toren und 17 Assists, wird er auf einmal nicht mehr gebraucht.

Davide Callà durfte beim FC Basel nur noch im Training auf sich aufmerksam machen.

Davide Callà durfte beim FC Basel nur noch im Training auf sich aufmerksam machen.

Nur sieben Mal darf er spielen seit letztem Sommer, meist nur wenige Minuten. Dennoch hat sich der 33-Jährige bewahrt, was ihn immer ausgezeichnet hat: Anstand, Zuverlässigkeit, Humor. «Wenn ich Letzteren mal verliere, dann ist es definitiv nicht mehr gut» sagt er und – wie könnte es anders sein – lacht herzhaft.

Wie er das so oft tut in diesem Gespräch, in dem es doch eigentlich um dieses Jahr geht, «das bei all meiner Positivität auch sehr hart war.»

Eine letzte Wende

Gegen aussen trägt er das nicht. Auch wenn es, «mich natürlich gemocht, mich enttäuscht und auch mal hässig gemacht hat.» Es habe sogar Momente gegeben, da habe er gedacht: «Rutsch mir doch den Buckel runter.»

Etwas unschöner formuliert in den Gedanken, aber Davide Callà würde nie öffentlich schlecht über jemanden reden. Auch nicht über Raphael Wicky, jenen Mann, der ihm zu Beginn der Saison erklärte, dass er ihm nicht jene Minuten geben kann, die er möchte.

Und im Winter, dass er gar keine Rolle mehr spielen werde. Dennoch sagt er über den Noch-Trainer: «Dass wir nicht so gute Freunde werden, dass wir zusammen in die Ferien fahren, ist, denke ich, verständlich. Aber: Es ist Respekt, es ist Achtung da. Beidseitig.»

Humor statt Stunk - die Einstellung von Callà

Wohl auch deshalb durfte er im Kader bleiben, auch wenn ihn Wicky auf dem Platz nicht mehr wollte. «Ich bin Trainingsgast, bei dem es wurst ist, wie gut oder schlecht er ist», sagt Callà und lacht. Humor statt Stunk, so seine Einstellung, «weil die Jungs nichts dafür können.»

Er habe auch immer Vollgas gegeben, «auch wenn es am Ego kratzt und manchmal ein Kampf war. Aber ich wollte meinen Job professionell machen, ganz mich selber und im Rhythmus bleiben.»

Fussballer Davide Callà blieb, trotzdem er von Raphael Wicky nicht mehr gebraucht wurde, positiv.

Fussballer Davide Callà blieb, trotzdem er von Raphael Wicky nicht mehr gebraucht wurde, positiv.

Wären andere daran zerbrochen oder davongelaufen, sagt Callà: «Ich habe gelernt, Dinge, die ich nicht ändern kann, zu akzeptieren.» Was nach einer Floskel klingt, ist bei ihm keine. «Es geht immer weiter, und es gibt Einiges, das wichtiger ist als Fussball. Das habe ich in meiner Karriere früh gelernt. Dort hat bei mir bereits ein Wandel stattgefunden.»

Aufschwung beim FC Aarau

Es sind die beiden Kreuzbandrisse, der Knorpelschaden, der Leistenbruch, die Callà prägten. Dinge, die ihn beinahe zum Aufgeben zwangen. Ihn phasenweise arbeitslos machten. Es folgte die Chance in Aarau, der Aufstieg dort und der Wechsel zum FCB. Ein steiler, filmreifer Aufstieg in einer Karriere wie eine Achterbahnfahrt, die jetzt noch einmal eine Wende bekommen hat.

«Damit ist mein persönlicher Wandel jetzt vielleicht komplett durch.» Man glaubt es ihm. Oder würde er sonst sagen: «Vielleicht ist dieses Jahr auf dem Abstellgleis irgendwann sogar wertvoll.»

Dann, wenn er mal Trainer wird, oder Sportchef, oder TV-Experte. Entschieden ist es noch nicht. Denn zuerst will Callà noch einmal auf den Rasen zurück. Nicht nur im Training, sondern für Spiele. Denn: «Ich habe noch zu viel Feuer und Freude am Fussball, den ich so liebe. Ich bin fit, fähig zu spielen und mein Kopf hätte es nicht zugelassen, so aufzuhören.»

Ein letztes Schnippchen

Seit dem Winter und dem Gespräch mit Wicky hat er sich nach einem Ort umgesehen, wo er seine letzten aktiven fussballerischen Akzente setzen will. Es gab Anfragen aus Aarau und von Teams aus der Super-League. Am Ende aber machte der Klub das Rennen, der es hat machen müssen: Der FC Winterthur.

Seit letzter Woche ist sein Wechsel offiziell, fix war es schon länger. Gleich nach der Offizialisierung sagte Callà, er sei froh. Froh, dass alle wissen, dass es weitergeht. Und froh, dass es nach Hause geht.

«Es ist vielleicht ein anderes Niveau, eine andere Dimension. Aber es ist Fussball. Profifussball. In meiner Stadt, mit meinen Leuten. Das hat etwas Fussballromantisches.» Das hat es. Wirklich.

Gedanken an die Vergangenheit

Denn Davide Callà verkörpert noch diesen Old-School-Fussball – im positiven Sinn. Weil er authentisch ist, alles für den Fussball tut, nicht fürs Image. Dass ihn dabei ausgerechnet die Mechanismen des modernen Fussballs und die damit verbundene Priorisierung junger, schneller Spieler ein letztes Schnippchen geschlagen haben, ist bitter, aber es passt. Und er wird es verkraften. Wenn nicht er, wer dann?

Und wenn Davide Callà in der nächsten Saison auf der Schützenwiese steht, nach einem Sieg zu seinen Kollegen in der Bierkurve geht, dann wird er trotz aller Fussballromantik wohl auch mal an Basel zurückdenken. An seine Kollegen beim FCB, die ihm am meisten fehlen werden.

An sein erstes Champions-League-Spiel gegen Liverpool. An die Saisons unter Murat Yakin, Paulo Sousa und Urs Fischer, in denen er einen wichtigen Anteil hatte an den Titeln. Oder auch an einen möglichen, allerletzten Einsatz im Joggeli bei der Saisonderniere in zwei Wochen. Ob er diesen erleben darf, weiss er nicht. Zu vergönnen wäre es ihm.