Ist Xherdan Shaqiri als Nummer 10 endlich da, wo er hingehört? Gibt es endlich einen Stürmer, der Tore schiesst? Wohin des Weges für den Captain Lichtsteiner? Und gelingt es Vladimir Petkovic, die Mannschaft so umzubauen, dass sie spielerisch wieder Fortschritte macht?

Fussball – und nicht Politik. Das ist die Hoffnung der Protagonisten, oder ist es gar eher Sehnsucht?

Nationaltrainer Petkovic sitzt am Tag vordem Spiel in St. Gallen auf dem Podium, er sagt: «Ich bin zufrieden mit dieser Woche, ich habe von den Spielern viele Antworten erhalten, auf und neben dem Platz.» Eine Antwort gibt er auch gleich, was seine eigene Position betrifft: «Ich bin seit meiner Geburt als Trainer unter Druck. Und das wird auch so bleiben. Aber den Druck mache ich mir selber, von aussen lasse ich das nicht zu.»

Vladimir Petkovic

«Ich bin seit meiner Geburt als Trainer unter Druck, und das wird auch so bleiben.»

Vladimir Petkovic 

Ja, das Schweizer Nationalteam hat eine wichtige Woche hinter sich. Es ging darum, den Sommer aufzuarbeiten. Um Politik auch. Um all das, was Fussballer und Funktionäre nicht wirklich gern tun. Sich auch dann ins Feld der Politik begeben, wenn es nicht darum geht, zu betonen, wie wichtig der Fussball für die Integration ist.

Fussball ist Politik. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Aber vielleicht ist sie noch nie so sehr ins Bewusstsein der Schweizer Fussball-Protagonisten gedrungen wie in diesen letzten Wochen. «Manchmal kam es mir vor, als wären wir gar nie an der WM gewesen», sagt Torhüter Yann Sommer. Er schnippt mit den Fingern. «Peng! Alles weg! Der Fussball war plötzlich unbedeutend.» Doppeladler hier, Doppelbürger da. Das war die Schweizer Fussballrealität.

Der Weg stimmt, geht es so weiter?

Aber, und das muss festgehalten sein, die Schlagzeilen dieses Sommers waren selbst verschuldet. Von flatterjubelnden Spielern, von Funktionären mit absurden Ideen. Und darum beschleicht einen ein ungutes Gefühl, wenn der Verband fast schon per Doktrin vorgibt: Ja, es wurden Fehler gemacht, Tschuldigung, aber jetzt, Deckel drauf, Thema erledigt, Fussball bitteschön!

Nein, das Thema ist nicht erledigt. Vielleicht wird es das noch einige Zeit nicht sein. Und darum ist es eine gute Idee, wenn Spieler und Trainer und Verantwortliche ihre Gedanken mit so vielen Schweizerinnen und Schweizern wie möglich teilen. So, wie sie das am Dienstag ein erstes Mal taten. Als das gesamte Team bemerkenswerte Offenheit und Geschlossenheit demonstrierte.

Die vergangenen Wochen

So sollte es weitergehen. Verband und Spieler sind gut beraten, alles zu tun, um schnellstmöglich wegzukommen vom Eindruck, nur immer aus einer Position der Verteidigung zu agieren. Genau das werden die Berater Bernhard Heusler und Georg Heitz ziemlich bald mitteilen. Die Ex-FCB-Führung arbeitet mit Hochdruck an Vorschlägen zur Modernisierung des Schweizer Fussballverbands.

Die Folge davon könnte sein, dass sich Debatten wie jene der vergangenen Wochen anders steuern lassen. Positiver. Dass nicht ein einziger Nebensatz von Shaqiri («wenn es Leute in den Bergen gibt, die sich gestört haben am Doppeladler, dann entschuldige ich mich») reicht, um ihm den nächsten Strick zu drehen. Dass nicht ein einziges Bild von Xhaka in den sozialen Medien reicht, um seine Liebe zur Schweiz anzuzweifeln.

Noch immer geht manchmal vergessen, wie viele Länderspiele die beiden zusammen schon absolviert haben (140), das ist bemerkenswert viel für zwei 25- und 26Jährige. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass Shaqiri und Xhaka auch in der Nati der Zukunft eine prägende Rolle spielen werden. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass es auch das Bewusstsein der Spieler selbst braucht, wie sie sich in der Öffentlichkeit präsentieren. An Einflüsterern mangelt es weder Shaqiri noch Xhaka. Sie müssen herausfinden, welchen Stimmen sie Glauben schenken wollen.

Das heisse Pflaster

Worum geht es in dieser Nations League für die Schweiz in den kommenden zwei Monaten? Island und Belgien sind gute Gradmesser, um die eigene Stärke zu überprüfen. Der Gruppensieg wäre eine schöne Überraschung. Genauso aber müsste der letzte Platz zu denken geben. Ein Abstieg aus der Liga A ist nicht das, was diese Nati in ihrem Selbstfindungsprozess gebrauchen kann. Umso mehr braucht es zum Auftakt gegen ein ersatzgeschwächtes Island ein positives Resultat. Zur Motivation dürfte gewiss auch beitragen, dass die Isländer etwas haben, was der Schweiz noch fehlt: der ersehnte Viertelfinal-Einzug an einer Endrunde (EM 2016).

St. Gallen, das ist seit der Affäre Frei/Streller bekannt, mag ein heisses Pflaster sein. Und doch würde es nicht überraschen, wenn die Zuschauer das Team wohlwollend begrüssen. Trotz allen zerstörerisch wirkenden Debatten: Manch einer hat nicht vergessen, dass die Schweiz unter Petkovic in den vergangenen Jahren durchaus auch tolle Spiele geboten hat, gerade zu Hause.