«YB hat einen Chabis zusammengekauft!» Knapp fünf Jahre sind vergangen seit unserem letzten Gespräch mit Martin Weber. Niedergeschlagen ist die YB-Legende damals im Stadionrestaurant «Eleven» gesessen und hat gehadert: «Ich begreife die Welt nicht mehr.» Ein paar Tage zuvor hatte Gelb-Schwarz das Cupspiel beim drittklassigen FC Le Mont 1:4 verloren und Weber sagte: «YB ist ein Flickwerk.»

Tempi passati. Am Freitagmorgen, am Tag nach der Champions-League-Auslosung, schwärmt Weber: «Ein Traumlos! Es passt zur Situation. YB hat einen Flow. Das Glück fliegt ihm nur so zu.» Nicht, dass Weber denkt, die Berner hätten gegen Juventus, Manchester United und Valencia gute Achtelfinal-Chancen, aber die hochkarätigen Gegner werden in Bern für unvergessliche Fussballfeste sorgen.

Das sieht auch einer von Webers «Nach-Nachfolgern» so. Captain Steve von Bergen, wie einst «Tinu» ein unzimperlicher Innenverteidiger, sagt: «Diese Gruppe wird uns alles abverlangen. Aber wir werden uns nicht verstecken.»

«Auch Real kochte nur mit Wasser»

Bevor YB am 19. September das grosse Manchester United zum ersten Champions-League-Spiel in seiner Geschichte empfängt, sollte von Bergen mal bei Weber nachfragen, wie man einen Gegner dieses Kalibers schlägt. Der 60-Jährige war nämlich vor 32 Jahren dabei, als YB im Europacup der Meister die Königlichen von Real Madrid empfing und vor 32 000 entzückten Zuschauern im Wankdorf durch ein Kopftor von Urs Bamert 1:0 bezwang.

Der damalige Torschütze sagt: «Real war natürlich schon zu jener Zeit ein Gigant mit Spielern wie Butragueño, Hugo Sanchez und Michel. Aber wir sagten uns: Die kochen auch nur mit Wasser. Und Aleksander Mandziara, unser Trainer, sagte: Ihr habt nichts zu verlieren. Mit dieser Einstellung gingen wir ins Spiel – und gewannen.» Dass es im Rückspiel ein 0:5 absetzte . . .

Mandziaras «Nach-Nachfolger» ist Gerardo Seoane. Er sagt: «Wir sind der grosse Aussenseiter in unserer Gruppe. Wollen wir einem Favoriten ein Bein stellen, braucht es eine unglaubliche Leistung unsererseits und einen schwachen Tag des Gegners.» Immerhin: Am letzten Transfertag tat sich nichts mehr; auch der von Frankfurt umworbene Kevin Mbabu bleibt YB zumindest bis zum Winter erhalten.

YB wird keinen «Seich» machen

Weber, mit 499 NLA-Partien YB-Rekordspieler und heute im Beirat des Klubs, hat keine Angst, dass sein Klub nun abheben wird: «Nein, die Verantwortlichen werden die 30 Millionen Franken geschickt verwalten und keinen Seich damit machen.» Einer von diesen ist Sportchef Christoph Spycher.

Dieser hat gleich nach der Auslosung in Monaco gesagt: «Wir werden die Realität nicht aus den Augen verlieren. Wir achten darauf, mit beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben.» Die Young Boys wähnen sich gut vorbereitet auf die Mammut-Aufgabe «Champions League», packen sie aber mit dem gebührenden Respekt an.

«Wir stehen vor enormen Herausforderungen», sagt Spycher. «Das beginnt bei der Organisation der Heimspiele bis zum Handling der Doppelbelastung der Spieler.» Und, ganz wichtig: Es ist dafür zu sorgen, dass die Königsklasse nicht sämtliche Energie und Konzentration absorbiert und YB vergisst, den Titel zu verteidigen.

Trainer Seoane beschwichtigt: «Unser ganzer Fokus ist seit Freitag auf das Spiel in Sion gerichtet. Zwischen verschiedenen Wettbewerben zu switchen, ist eine Herausforderung. Aber YB ist sich dies von der Europa League gewohnt.»

Von Loser zu Winner

Aus einem Klub, der früher alles «veryoungboyste», ist ein Winner geworden, der sich zum Meistertitel und in die Champions League «geyoungboyst» hat. Ein Klub, der strotzt vor Selbstvertrauen, weil er 2018 in 27 Pflichtspielen nur zwei Mal verloren hat und der in der Meisterschaft nach fünf Runden schon wieder sieben Punkte mehr als Verfolger Basel aufweist.

Für Martin Weber ist klar: Im Schweizer Fussball hat der Wind gedreht. «YB ist heute eine ganz andere Organisation als früher. Man kann den Erfolg nicht an einer einzelnen Person festmachen, aber Spycher ist gewiss ein Hauptfaktor.» Und die Fehler, die YB früher machte, würden heute den Baslern unterlaufen.

«Jahrelang flog dem FCB das Glück zu, nun halt uns. Das beste Beispiel: YB hat in Zagreb einen fürchterlichen Match gespielt – aber trotzdem gewonnen», sagt Weber. Er ist sich sicher, dass die aktuelle Situation nicht nur eine Momentaufnahme ist, sondern YB in unserem Land den Lead nachhaltig übernommen hat. «YB ist die Nummer 1 und wird es für längere Zeit auch bleiben», sagt Weber.

Spycher und Seoane würden das natürlich nie so sagen. Sie bevorzugen die Demut. Doch sie haben mit Weber und Bamert eines gemeinsam: die grosse Vorfreude auf einen speziellen Herbst.