Der Deutsche Fussball-Bund (DFB) hat sich schnell zu Wort gemeldet. Selbstverständlich wolle man die Vorwürfe nun aufklären, sagte DFB-Vizepräsident Reiner Koch. «Wir sind grundsätzlich für Transparenz», sagt Koch, der noch weitere Grundsätze hat. Denn «grundsätzlich», betonte der Spitzenfunktionär des mitgliederstärksten Fussballverbandes der Welt ferner, sei der «DFB immer absolut gewillt, vergangene Vorgänge aufzuarbeiten».

Diese Rhetorik ist zwingend nötig, da sich in diesen Tagen dunkle Schatten auf die Geschichte des deutschen Profifussballs gelegt haben. Denn die Evaluierungskommission an der Universität Freiburg hat dem VfB Stuttgart und dem SC Freiburg für die Jahre um 1980 «systematische Manipulation» mit anabolen Steroiden vorgeworfen. Ein System: Das erschüttert die von den Lobbyisten gern verbreitete These, dass Doping im Fussball nichts helfe. – Und allenfalls verirrte Individuen wie Diego Maradona (Ephedrin, 1994) sich auf verbotene Pfade begäben.

Vorsicht bei den Quellen

Auf welchen Quellen fusst die Theorie der Freiburger Dopinghistoriker, die seit 2007, als der Skandal über das in Freiburg organisierte EPO-Doping beim Radsportstall Team Telekom publik wurde, die Geschichte der Freiburger Sportmedizin erforschen? Basis sind 60 Aktenordner aus einem Betrugsprozess gegen den berühmt-berüchtigten Sportarzt Armin Klümper – diese «Klümper»-Akten aus den 1980er-Jahren waren erst vor einigen Monaten in einem Archiv der Freiburger Staatsanwaltschaft aufgetaucht.

Aus diesen Ermittlungsakten soll hervorgehen, dass Klümper diesen Fussballklubs in grossem Umfang Anabolika-Präparate wie Megagrisevit geliefert hat; von Umsätzen über 10 000 DM jährlich ist die Rede. Es sei zwar nicht nachweisbar, an welche Sportler diese Präparate dann verabreicht wurden. Da aber die Klubs die Rechnungen des Doktors bezahlten, sieht Kommissionsmitglied Andreas Singler in dieser Praxis eine «Struktur».

«Dopingpate» Mayer-Vorfelder

Auch der letzte Absatz in dem Kurzgutachten, das Singler ohne Abstimmung mit den anderen Mitgliedern und zur Überraschung der Öffentlichkeit publiziert hat, lässt Raum für Spekulationen. Denn darin wird behauptet, dass es allein der politische Wille auf Bundesebene, im Land Baden-Württemberg und auch in Freiburg war, dass Klümper 1976 trotz fehlender Qualifikationen derart komfortabel arbeiten konnte.

Das ist kein besonders gut versteckter Hinweis darauf, dass nach Meinung der Historiker Leute wie Dr. Gerhard Mayer-Vorfelder diese Dopingstrukturen erst ermöglicht haben sollen: Mayer-Vorfelder war nicht nur zwischen 1975 und 2000 Präsident des VfB Stuttgart, sondern auch Kultus- und Finanzminister in Stuttgart – und zwischen 2001 und 2006 auch DFB-Präsident.

Klümper provozierte öfter mit Aussagen, dass er den Athleten lieber kontrolliert die Steroide verabreiche, bevor diese per Selbstmedikation zu hohe Dosen konsumierten. Die Tatsache, dass Anabolika seit 1974 (durch das Internationale Olympische Komitee) bzw. 1977 (durch den Deutschen Sportbund) sportrechtlich verboten waren, scherte ihn dabei wenig. Aufhorchen lässt auch der Name Megagrisevit – dieses Präparat wurde 1987 schlagartig berühmt, weil Klümper damit auch die Siebenkämpferin Birgit Dressel behandelt hatte. Dressel kollabierte und starb damals, weil sie unfassbare Mengen an verbotenen Substanzen und Medikamente in sich reingestopft hatte. Der Ruf Klümpers als sportmedizinischer Guru war danach ruiniert. Und auch das Image vom ach so sauberen Sport Marke Bundesrepublik.

DFB wollte nicht kontrollieren

Man wird abwarten müssen, bis der 60 Seiten umfassende Sonderbericht zu diesem Thema publiziert worden ist (was laut Aussage der Kommissionschefin Laetizia Paoli bis Ende des Jahres dauern wird). Klar ist, dass die Strukturen des deutschen Profifussballs in der fraglichen Zeit zwischen 1977 und 1989 Verstösse gegen das Dopingverbot geradezu provozierten. Denn bis zum Enthüllungsbuch «Anpfiff» des Nationalkeepers Toni Schumacher (1987) verweigerte sich der Deutsche Fussballbund (DFB) radikal den «Rahmenrichtlinien zur Bekämpfung des Dopings», die der Deutsche Sportbund 1977 nach einer grossen öffentlichen Debatte beschlossen hatte.

Dopingkontrollen seien bei Amateuren wie bei Profis nicht erforderlich, «da nach meinen Erfahrungen von den Spielern Dopingmittel nicht genommen werden» – dies hatte Heinrich Hess, der DFB-Nationalmannschaftsarzt, bereits 1976 erklärt. Und als es bei den deutschen Sportverbänden 1979 um Verfahrensfragen bei der Dopingbekämpfung ging, erklärte der DFB-Generalsekretär Hans Passlack in einem internen Schreiben: «Die Rahmenrichtlinien des Deutschen Sportbundes zur Bekämpfung des Dopings sind keine Vorschriften mit rechtsverbindlicher Wirkung für die Spitzenfachverbände und ihre Vereine.» Erst aufgrund des enormen Drucks, den Schumachers Buch entfachte, entschloss sich der DFB zu ersten Kontrollen.

Übermotivierte Spieler – gedopt?

Dabei gab es auch schon vor dem Schumacher-Buch zahlreiche Hinweise, dass Fussballprofis mithilfe unerlaubter Substanzen ihre Leistung steigerten. So erklärte 1978 Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, der als Vereinsarzt beim FC Bayern-München seine Karriere startete, er wisse verbindlich, «dass in der Bundesliga hin und wieder gedopt wird». Das betraf jedoch vor allem Aufputschmittel, also Amphetamine. Schon 1962 hatte der Fussballverband Uruguays beim Weltverband Fifa wegen des verbreiteten Amphetamin-Missbrauchs beantragt, die Spieler während der WM 1962 in Chile zu kontrollieren – und zwar vor (!) dem Anpfiff. Die Fifa lehnte den Vorschlag ab. Die Folge waren Partien wie die berüchtigte «Schlacht von Santiago», als die Italiener wie losgelassene Kettenhunde auf die Chilenen losgingen. Der Italiener Ferrini wurde nach sechs Minuten des Platzes verwiesen. Diese WM gilt heute unter Fussballhistorikern als das brutalste Weltturnier der Geschichte.

Ephedrin und 3000 Spritzen

Die Fifa zog Konsequenzen und führte für die WM in England Amphetaminkontrollen ein. Drei Mitglieder der deutschen Vize-Weltmeister von 1966 wurden nach dem Viertelfinale tatsächlich auf das Amphetamin Ephedrin positiv getestet, aber das wurde erst 2011 bekannt. Die Mentalität, alle Möglichkeiten der Leistungssteigerung ausnutzen zu wollen, ist im Fussball auch für die 1980er-Jahre dokumentiert. Als der DFB-Arzt Heinz Liesen den Fussballprofis während der WM 1986 in Mexiko 3000 Spritzen (!) eines Herzmittels verabreichte, war das auch ein Skandal.

Aber Anabolika-Missbrauch im Fussball ist für die 1980er-Jahre bislang nicht belegt worden. Aber dass in den 1970er- und 1980er-Jahren für Fussballprofis mit Muskelverletzungen der Reha-Prozess mit Steroiden unterstützt wurde, davon ist getrost auszugehen. Erst um 1980 fand die Wissenschaft dann Beweise dafür, dass Anabolika auch die Regeneration beschleunigen.

Es gäbe viele Doping-Geschichten, die man über Zeitzeugeninterviews tatsächlich aufklären könnte – wie man das seriös macht, hat ein Recherche-Team für die ZDF-Dokumentation «Das Wunder von Bern» demonstriert. Der DFB hat sich als Aufklärer bisher keinen Namen gemacht. Im Gegenteil: Als eine Forschergruppe vor einigen Jahren um Akteneinsicht im DFB-Archiv bat, um die Vorgänge rund um Schumachers Buch zu rekonstruieren, sollte sie einen unakzeptablen Knebelvertrag unterschreiben: Öffentliche Aussagen über die DFB-Akten seien zunächst vom DFB zu genehmigen.

Der Autor

Erik Eggers ist Experte für Dopingfälle in Deutschland.

Erik Eggers ist Experte für Dopingfälle in Deutschland.

Erik Eggers (46) war zwischen 2009 und 2012 Mitglied der Forschergruppe an der Humboldt-Universität Berlin, die im Auftrag des Bundesinnenministeriums die westdeutsche Dopingvergangenheit aufarbeitete.