Puh, wie schweisstreibend ist doch diese Stadt! Es braucht eine gute Kondition, wer Wladiwostok zu Fuss erkunden will. Auf einer 30 Kilometer langen und 13 Kilometer breiten Halbinsel liegend, schmiegt es sich vom Pazifischen Ozean her an die umliegenden Hügel und erinnert damit ein wenig an San Francisco. Der frühere sowjetische Regierungschef Nikita Chruschtschow hat einmal gesagt: «Wir wollen aus Wladiwostok das San Francisco des Ostens machen.»

Wir sind angereist, um zu sehen, ob die WM auch dort begeistert, wo nicht gespielt wird und es keine Fan-Feste gibt. Und wo sogar das Fernsehschauen anstrengend ist. Weil Wladiwostok 6418 Kilometer Luftlinie südöstlich von Moskau liegt, sieben Zeitzonen weiter, erfolgt hier der Anpfiff der Spiele um vier Uhr in der Früh. Eine Mammutaufgabe für werktätige Menschen, WM und Job unter einen Hut zu bringen.

Und überhaupt: Gibt es hier am Ende der Welt, im Ostsibirischen Tiefland, auch Russisch Fernost genannt, eigentlich ein Interesse für eine WM? Nur 100 Kilometer von der Grenze zu China entfernt und einen Katzensprung von Nordkorea.

Von Moskau nach Wladiwostok.

Von Moskau nach Wladiwostok.

Die sowjetischste Stadt

Nach einem achtstündigen Flug aus Moskau reicht die Zeit noch, um ein bisschen auszuloten, wie es in dieser Stadt mit seinen 592 000 Einwohnern um das WM-Stimmungsbarometer bestellt ist. Wir beginnen unseren Spaziergang am Hafen beim riesigen Platz «Bortsow Revolutsii». Und sehen bald: Wladiwostok ist sowjetischer als die russischen Städte, die wir bisher gesehen haben.

Es gibt mehr von diesen eintönig grauen Betonklötzen, die einst für Regierung und Verwaltung hingestellt wurden. Das Wetter mit den tief hängenden Wolken und Regenspritzern passt dazu. Vor allem aber wimmelt es von Denkmälern und Statuen, die oft besonders tapferen Soldaten gewidmet sind.

Keine Anzeichen der WM

Der renovierte Bahnhof, dort, wo die Transsibirische Eisenbahn endet, ist jedoch apart. Es gibt auch ein U-Boot-Museum, ein Ozeanium und gleich daneben das Stadion, wo der Zweitligist Luch-Energia seine Heimspiele austrägt.

Was aber deutet in Wladiwostok darauf hin, dass in diesem Land gerade der grösste Sportevent der Welt stattfindet? Nichts, wie wir nach drei Stunden ernüchtert feststellen. Weder Fähnchen in den Strassen noch ein Ball in einem Schaufenster deuten auf den Anlass hin. Und niemand trägt ein Fantrikot. Hat es vielleicht damit zu tun, dass die russische Mannschaft ausgeschieden ist? Wäre es sonst anders? Die Nagelprobe wartet am Abend, wenn wir uns in einer Beiz den ersten Halbfinal ansehen werden.

Anders als hier (Bild) in der Schweiz: Es herrscht kein Trubel in Wladiwostok während der WM in Russland.

  

Heimat der Pazifikflotte

Wie Kaliningrad ist Wladiwostok erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion für Ausländer zugänglich geworden. Die Stadt war ab 1860 in vierzig Jahren zu einer protzigen Festung ausgebaut worden, passend zu ihrem Namen: Beherrsche den Osten. Der Hafen hatte eine grosse militärische Bedeutung und war bis 1991 die Heimat der russischen Pazifikflotte. Er liegt mitten in der Stadt an einem Fjord und gibt ihr bei schönem Wetter ein malerisches Antlitz. Die Bucht heisst Golden Horn, weil sie an den Bosporus in Istanbul erinnert. Eine neue Hängebrücke führt über die Wasserstrasse.

Am Abend fragen wir nach, in welchem Lokal der Halbfinal Belgien gegen Frankreich zu sehen sei. Morgens um vier? Niemand weiss etwas. In einer Bäckerei hat ein Verkäufer die Adresse eines «Clubs» auf einen Zettel geschrieben, aber gleich beigefügt, dass dieser um drei schliesse. Also morgens um vier einsam durch die Stadt schleichen und darauf hoffen, irgendwo brenne ein Lichtlein?

Die Hoffnung naht – ein belgisches Pub

Es muss ein Geschenk des Himmels sein: Auf der Svetlanskaya steht urplötzlich ein belgisches Pub vor uns. «Brugge Pub», ist gross zu lesen, und draussen flattern ein paar Fähnlein in den belgischen Farben. Nicht zu glauben: Wir haben in Wladiwostok am Tag, als Belgien seinen ersten WM-Halbfinal seit 32 Jahren spielt, ein belgisches Pub angelaufen.

Vielleicht gar das einzige in ganz Russland. Drinnen hängen belgische Schals, es gibt belgische Speisen und dreissig belgische Biersorten. Im Service arbeiten aber Russinnen. Daria spricht ausgezeichnet englisch und erklärt, das Lokal trage diesen Namen, weil das Angebot zu achtzig Prozent aus belgischem Bier bestehe.

Das Halbfinall-Duell Belgien gegen Frankreich interessiert in Wladiwostok niemanden.

  

Unbedingt früh erscheinen

Was aber ist mit dem Halbfinal? Daria blickt uns verständnislos an: «Ist heute ein Spiel?» Wir spülen unsere Verdatterung mit einem Schluck «Blanche de Namur» weg und fragen, ob sie ein Lokal kenne, wo wir uns die Partie anschauen könnten. Daria will es abklären und kommt bald mit einer Adresse zurück: «Im ‹Studio› können Sie es sehen. Man hat mir aber gesagt, Sie sollten früh erscheinen, wenn Sie einen Platz auf sicher haben wollen.»

Wir sind dann doch erst eine Viertelstunde vor Spielbeginn gekommen. Auf der Anfahrt hat unser Taxi – wir schwören es – einen Schneepflug überholt. War dieser morgens um vier auf einer Testfahrt?

«Welches Spiel? Okay, ich werde den Kanal suchen.»

Als wir ins «Studio» eintreten, weist uns der Kellner sofort einen Tisch zu. Dabei sind doch alle Tische frei. Immerhin gibt es zwei Fernseher. Es läuft gerade Werbung. Leider hängen die Kabel einer schmucken Lampendekoration vor den Bildschirmen; egal, man wird sich daran gewöhnen. Es sind genau vier Gäste da, dazu fünf Kellner. An der Bar sitzt ein Mann vor einem Laptop, links von uns knutscht ein Pärchen. Auch um vier Uhr läuft noch Werbung. Was geht da schief? Wir fragen den Kellner, der die Tortellini bringt, ob er den Sender mit dem Fussballspiel einstellen könne. «Welches Spiel? Okay, ich werde den Kanal suchen.»

Nach zehn Minuten haken wir nach. Endlich gibt der Kellner Gas. Wir sehen Belgiens Fellaini; also ist es der richtige Sender. Sogar mit Ton. Bis der Barkeeper einen Mixer aufheulen lässt – warum auch immer. Der Mann am Laptop ignoriert das Spiel weiter und das Pärchen sowieso. So entgeht ihnen allen Umtitis Siegtreffer für Frankreich. Wir sind die Einzigen, die es interessiert. Um halb sechs beginnt eine Putzfrau mit Staubsaugen. Wir fragen den Kellner, ob der Laden jetzt dichtmache. «Nein, wir schliessen nicht. Wir haben rund um die Uhr geöffnet.» Frankreich gewinnt, und wir haben es eilig, die Stätte des Desinteresses zu verlassen. Wir haben ein Geisterspiel gesehen.

Umtitis Siegtreffer (rechts) für die Franzosen gegen Belgien scheint hier in Wladiwostok niemanden zu interessieren.

    

Am Hafen ist viel Leben

Nach einem kurzen Schlaf lockt ein strahlend blauer Sommertag ins Freie. Jetzt ist Wladiwostok nicht mehr grau. Wir entdecken viel Schönes. Am Hafen, an der Uferpromenade, am Strand. Am Abend sind hier viele Menschen unterwegs. Zum Inlineskaten, Paddelbootfahren oder Spazieren. Hier leben neben Russen auch viele Chinesen, Koreaner und Japaner. Wladiwostok ist asiatisch geprägt und wegen seiner verkehrsgeografischen Lage eine bedeutende Hafenstadt und ein wichtiges Wirtschaftszentrum. Exportiert wird Fisch, Holz und Metall. Ein Problem ist indes die grosse Umweltverschmutzung.

Am Ende unseres Aufenthaltes haben wir diese Erkenntnis gewonnen: In Wladiwostok interessiert sich kein Schwein für die WM. Wir können allen Fussballmuffeln wärmstens empfehlen, während der nächsten Weltmeisterschaft die Ferien hier zu verbringen. Um vielleicht mal aus der Stadt hinaus in die Wildnis zu fahren. Es soll hier noch den Sibirischen Tiger geben.

Den zweiten Halbfinal haben wir uns übrigens im Hotelzimmer angeschaut.