Es ist kurz nach 21 Uhr, als der Schweizer Mannschaftsbus die Arena von St.Gallen verlässt. Mit im Gepäck: Sechs Tore, einen überzeugenden Auftritt. Und vor allem die Gewissheit: Ja, es kann so richtig Spass machen, Fussball zu spielen. Kaum je war diese Feststellung leichter.

Als die Spieler kurz zuvor den Abend aufarbeiten, ist überall eine Mischung aus Freude und Erleichterung zu spüren. Freude über die schwungvollen 90 Minuten. Erleichterung, dass eine tolle Antwort geglückt ist nach dem blutleeren WM-Achtelfinal.

Im Schnitt 24,8 Jahre alt

Die zentrale Frage ist: War mit dieser Mannschaft bereits das Nationalteam der Zukunft zu sehen? 24,8 Jahre ist die Schweizer Startelf im Schnitt gestern. Und damit nur einen Hauch älter, als damals jene Equipe im Juni 2011 beim 2:2 gegen England (24.6), als Ottmar Hitzfeld nach den Rücktritten von Frei und Streller einen grossem Umbruch einleitete – und ein gewisser Granit Xhaka zu seinem ersten Länderspiel kam.

Im Vergleich zur WM fällt schon auf: Kein Behrami, kein Lichsteiner, kein Dzemaili, kein Djourou. Dafür mit Zakaria, Mbabu und Ajeti drei Elemente, die „frisches Blut“ ins Team getragen haben. So hat es beispielsweise Xherdan Shaqiri beobachtet. „Und das tut uns gut.“

Erfolg im ersten Spiel

Denis Zakaria gelingt im Mittelfeld ein sehr starkes Spiel. Dazu auch sein erstes Länderspieltor. Er ist zwar nicht ganz neu in der Nati. Aber seine Rolle könnte sich nun signifikant ändern. Valon Behrami ist zurückgetreten. Zakaria lieferte einen ersten kleinen Beweis, dass er in Behramis Fussstapfen treten kann. „Ich habe schon früher gesagt, dass ich glaube, bereit zu sein für den nächsten Schritt. Ich denke schon, dass ich an diesem Abend etwas Werbung für mich machen konnte“, so sein Fazit. Und weiter sagt er: „Wir haben uns gesagt: Die WM ist vorbei, jetzt gilt es, ein neues Kapitel zu schreiben. Wir tun alles dafür, dass es eine schöne Geschichte wird.“ Der erste Schritt ist eindrücklich gelungen.

Dazu beigetragen hat auch Kevin Mbabu. Der Rechtsverteidiger von YB knüpfte beim Debüt im Nationalteam nahtlos an die guten Leistungen im Verein an. „Wenn mir vor zwei Jahren, als ich in die Schweiz zurückwechselte, jemand gesagt hätte, was in dieser Zeit alles passiert, ich hätte es nicht geglaubt“, sagt er. Der Meistertitel, der Einzug in die Champions League, der persönliche Aufstieg, es waren aufregende Monate für Mbabu. Am Dienstag gegen England wird Captain Lichtsteiner wieder spielen. Aber der Kampf um die Position des Rechtsverteidigers in der Nati ist nun so richtig lanciert.

"Da will ich auch mal hin"

Eine spezielle Geschichte schreibt schliesslich Albian Ajeti. Nach seiner Einwechselung braucht er gerade einmal sechs Minuten, um mit seinem ersten Ballkontakt gleich sein erstes Tor für die Schweiz zu erzielen. Nach dem Spiel sagt der 21-Jährige überglücklich: „Ich erinnere mich noch, wie ich einst bei einem Nati-Spiel Balljunge war, als Xherdan Shaqiri drei Tore schoss. Seither weiss ich: da will ich auch einmal hin!“ Es war fast genau vor sieben Jahren, am 6. September 2011 im EM-Qualifikationsspiel gegen Bulgarien, als Shaqiri mit einem Hattrick die Schweiz im Alleingang zum 3:1-Sieg schoss.

6:0 gegen Island also. Es ist ein eindrücklicher Start in die Nations League. Für Granit Xhaka ein besonders spezieller. Gut sieben Jahre nach seinem Debüt gegen England darf er erstmals die Schweiz in einem Pflichtspiel als Captain aufs Feld führen. „Ein Traum ist in Erfüllung gegangen!“, sagt er. Und wiederholt noch einmal, was er schon unter der Woche sagte: „Es tut weh, wenn ich merke, dass viele Leute daran zweifeln, dass ich die Schweiz repräsentiere. Ich trage voller Stolz die Schweizer Farben und geben alles für diese Flagge.“

Am Sonntag nun folgt die Reise nach Leicester. Dort testet die Schweiz am Dienstag gegen den WM-Halbfinalisten England. „Wir werden kaum jedes Spiel 6:0 gewinnen“, meldet Xhaka noch mit einem Lächeln. Ein weiterer guter Auftritt soll es aber schon werden.