«Wer Favorit ist? Das sollen die Wettbüros entscheiden», sagt Gerardo Seoane. Es ist ein geschicktes Manöver, um einer diffizilen Frage auszuweichen. Eine, in der ihm wohl alles falsch ausgelegt worden wäre. Understatement, da es im Fall von YB in der aktuellen Situation unglaubwürdig wäre, dem FC Basel die Favoritenrolle zuzuschieben. Aber auch das Zelebrieren der Rolle als Favorit, weil es als Arroganz abgetan werden könnte. Stattdessen überlässt Seoane jedem selber das Urteil – oder eben dem Wettbüro.

Dabei hätte der Trainer der Young Boys allen Grund dazu, sein Team als Favorit in diesem Duell gegen den FC Basel zu bezeichnen. YB ist Meister, Leader mit 16 Punkten Vorsprung, und genau das, was der FCB jahrelang gewesen ist: das angsteinflössende, dominante Ligamonster.

Die endgültige Machtverschiebung

Ein Monster, das den FC Basel in seine Einzelteile zerlegt hatte an jenem 23. September dieses Jahres, als der FCB eine historische 1:7-Niederlage hat hinnehmen müssen. Es war der Tag, an dem auch der allerletzte Zweifler verstummt ist, der die endgültige Machtverschiebung im Schweizer Fussball noch nicht hat wahrhaben wollen.

Für Seoane war es einfach ein Spiel, «in dem uns fast alles und Basel nichts gelungen ist». So einfach. Im Moment einer der grössten Triumphe seiner noch jungen Karriere als Cheftrainer ist er ruhig geblieben. Genauso wie er es nüchtern hingenommen hat, dass YB erstmals in der Champions League spielt. Aber so ist Seoane: ruhig. Klubintern heisst es gar, er sei ruhiger als Adi Hütter, sein Vorgänger.

Wie authentisch dies ist, bei einem, dem aus seiner Zeit im Luzerner Nachwuchs der Ruf anhaftet, impulsiv zu sein, ist fraglich. Aber: es funktioniert. So ruhig wie Seoane auftritt, so ruhig ist sein Team. Nach bitteren Niederlagen wie jener in Manchester, aber auch in einem Spiel wie gegen Lugano, wo nichts gelingen will, am Ende aber dennoch YB als Sieger vom Platz läuft. Seoane hat seinen Anteil daran, auch wenn viele sagen, dass er nur das Erbe von Meisterheld Hütter verwaltet. Aber wieso ändern, was doch so erfolgreich funktioniert?

Das Positive aus dem 1:7

Dieses Glück hatte Marcel Koller in Basel nicht. Nach der Hauruck-Entlassung von Raphael Wicky und zwei Spielen unter Interimstrainer Alex Frei hat er eine Mannschaft übernommen, die so verunsichert ist wie YB ruhig. Bis heute hat es Koller nicht geschafft, diese Zweifel aus Kopf und Knochen der Basler zu kriegen. Weil auch er nicht zaubern kann. Weil auch er nur ein Kader vorgefunden hat, das sein Vorgänger als zu schwach eingestuft hat, die Vereinsleitung aber als stark genug empfand.

Und weil er genauso auf der Suche ist wie sein Team. Nach einigen Wochen im Amt war er es selber, der zugeben musste: «Ich habe noch nicht gefunden, was diese Mannschaft braucht, damit es besser wird.»

Auch gestern Freitag musste er einmal mehr eingestehen, dass immer dann ein Rückschlag kommt, wenn vermeintlich die Stabilität gefunden wurde. Das müsse man versuchen, zu verbessern. Wie genau, das wollte er nicht sagen. Vielleicht, weil er es selber noch nicht weiss. Das 1:7 in Bern, so glaubt Koller aber zu wissen, hat geholfen, seine Mannschaft besser kennen zu lernen.

Schlüsselduell zwischen Koller und Seoane

Aber für den FC Basel geht es um mehr als darum, sich von einer besseren Seite zeigen zu können. Es geht um mehr als drei Punkte oder einen Rückstand in der Tabelle. Für den FC Basel geht es darum, sich zu rehabilitieren. Es ist eine Frage der Ehre, die wiederhergestellt werden muss. Ein Schlüsselduell wird dabei an der Seitenlinie ausgetragen. Zwischen Koller und Seoane.

Es ist ein Duell mit Vorteilen für Seoane. Wer in den weiteren Schlüsselduellen im Duell Basel gegen YB die Nase vorne hat, beurteilen für die «Schweiz am Wochenende» Männer, die es ganz genau wissen: ihre Gegner.

Mittelfeld FC St. Gallen über die Torhüter Jonas Omlin und David von Ballmoos

Vincent Sierro (links)

Mittelfeld FC St. Gallen über die Torhüter Jonas Omlin und David von Ballmoos

«Vor einem Spiel studiere ich auch die Torhüter, schaue mir Videosequenzen an; ich möchte mich an sie herantasten, will wissen, wie sie reagieren. Entsprechend gut kenne ich David von Ballmoos und Jonas Omlin. Beide sind etwa gleich alt, gross gewachsen und stark auf der Linie. Wenn ich gegen sie spiele, weiss ich, dass ich besonders scharf und eher flach in die Nähe des Pfostens schiessen muss, um erfolgreich zu sein – es sind diese Bälle, die ihnen am wenigsten gefallen. Die Explosivität und Reflexe sind Omlins Stärke, er ist wie eine Katze. Von Ballmoos ist noch grösser und deckt noch mehr vom Tor ab, das macht es noch schwieriger. Auf hohe Bälle bei Standards hat er einen kleinen Vorsprung gegenüber Omlin. Dennoch sehe ich Omlin insgesamt ein klein wenig im Vorteil, auch weil er mit dem Fuss besser ist.»

Stürmer FC Thun über die Verteidiger Eray Cömert und Sandro Lauper

Dejan Sorgić (rechts)

Stürmer FC Thun über die Verteidiger Eray Cömert und Sandro Lauper

«Eray ist sehr robust und zweikampfstark. Aber er kämpft mit fairen Mitteln. Ich habe ihn als ruhigen Spieler wahrgenommen. Als einen, der eine gute Spielauslösung hat und mit Pässen in die Schnittstellen der gegnerischen Abwehr gefährlich ist. Für einen Innenverteidiger hat er eine gute Technik. Was er aus meiner Sicht noch etwas verbessern könnte, ist das Kopfballspiel. Ich traue ihm jedoch eine grosse Karriere zu. Sandro Lauper ist in der Spielauslösung wohl noch einen Tick besser. Seine Passqualität ist in der Super League etwas vom Besten. Er beherrscht auch die Risikopässe. Steigerungspotenzial hat er noch im Zweikampf, da ist Eray stärker. Allerdings antizipiert er sehr gut und macht Defizite, wie beispielsweise im Kopfballspiel, wett. Auch er ist anständig und braucht kaum Schimpfwörter.»

Mittelfeld FC Luzern über die Mittelfeldspieler Fabian Frei und Djibril Sow

Christian Schneuwly

Mittelfeld FC Luzern über die Mittelfeldspieler Fabian Frei und Djibril Sow

«Mit Fabian Frei habe ich vor vielen Jahren in der Juniorennationalmannschaft zusammengespielt. Ich bin ja nur ein Jahr älter als er. Djibril Sow kenne ich nicht ganz so gut, weil er schon früh zu Borussia Mönchengladbach ins Ausland gewechselt war und erst seit etwas mehr als einem Jahr wieder in der Super League spielt. Er hat aber sehr gute Anlagen und ein sehr grosses Talent. Er wird sicher eine gute Karriere machen. Die beiden sind aber ganz unterschiedliche Spielertypen. Fabian Frei ist ein Stratege mit Technik und Übersicht. Er spielt sehr intelligent und kann auf verschiedenen Positionen eingesetzt werden. Djibril Sow hat zwar auch eine sehr gute Technik, besticht aber eher mit seiner Spritzigkeit und seiner Aggressivität. Gegen ihn ist es schwieriger, einen Zweikampf oder ein Laufduell zu gewinnen.»

Verteidiger FC Zürich über die Stürmer Albian Ajeti und Roger Assalé

Alain Nef

Verteidiger FC Zürich über die Stürmer Albian Ajeti und Roger Assalé

«Es ist als Verteidiger gegen beide Stürmer sehr unangenehm. Albian Ajeti ist körperlich sehr stark, er verarbeitet den Ball gut mit dem Rücken zum Tor, seine Kopfbälle sind immer gefährlich. Er ist ein Strafraumstürmer, braucht wenige Chancen für seine Tore. Manchmal sieht man ihn lange nicht – und plötzlich ist er alleine vor dem Tor. Zudem hat er ein gutes Auge. Roger Assalé ist ein ganz anderer Spielertyp. Er lebt von seiner Schnelligkeit, ist wendig und wirblig, seine Dribblings sind klasse. Er hat die Nase dafür, wann er die Tiefe des Raumes suchen muss. Dann nimmt er Tempo auf und überfordert seine Gegenspieler im Eins gegen Eins. Vor dem Tor ist er eiskalt. Etwas Weiteres, das auffällt: Er schnappt sich viele zweite Bälle. Als Verteidiger ist es wichtig, ihn sofort bei der Ballannahme zu stören, das mag er nicht.»