«Ich gehe durch den Wald und sehe Bäume, die Hitze und Schnee bis Regen und Sturm alles überlebt haben. Das ermutigt mich, den Widrigkeiten im eigenen Leben, die tiefe Furchen in Körper und Geist hinterlassen, standzuhalten.

Mit 68 gibt es für mich nur noch wenige Ziele: Sicherlich möchte ich selbst über mein Leben bestimmen. Während meiner Karriere war mein Leben gelenkt vom Terminkalender des Vereins, der Bundesliga oder des Schweizer Fussballverbandes.

Der Familie etwas zurückgeben

Weiter möchte ich meiner Familie, meiner Frau und meinem Sohn etwas zurückgeben. Ich habe jetzt ein Enkelkind, den Henry, im Oktober wird das zweite kommen. Henry ist inzwischen zwei Jahre alt und rennt bereits rum, fängt an zu babbeln und kennt mich bereits unter dem Namen Opi.

Das noch zu erleben, ist für mich ein unheimlicher Genuss. Wenn ich in München bei der Familie meines Sohns bin, spiele ich immer mit ihm, krieche am Boden rum oder lese Geschichten vor. Am meisten freue ich mich aber natürlich darauf, wenn ich mit ihm das erste Mal kicken kann. Ich hätte nicht erwartet, dass es so schön sein wird, Grossvater zu sein.

Wenn man Vater ist und eine Familie gründet, ist es schon herrlich, aber Grossvater zu sein, ist nochmals eine andere Dimension. Als Vater hat das Berufsleben höchste Priorität, und erst dann kommen die Kinder, das ist schon ein Unterschied.

Hin und wieder Experte

Mit meiner Frau mache ich oft Spaziergänge im Wald. Im Sommer spiele ich Golf, im Winter fahre ich Ski in Engelberg, wo ich einen Zweitwohnsitz habe. Nebenbei habe ich immer noch viele Interviewanfragen, von denen ich die meisten ablehne.

Hin und wieder bin ich Experte bei Zeitungen oder im Fernsehen. Für solche Auftritte bereite ich mich über mehrere Stunden akribisch vor, damit ich auch wirklich Bescheid weiss, worüber ich spreche.

Mein letztes Spiel als Trainer war der Achtelfinal mit der Schweizer Nationalmannschaft gegen Argentinien an der WM 2014 in Brasilien. Blerim Dzemaili vergab kurz vor Ende den Ausgleich.

Als der Schlusspfiff erklang, kam der Tod meines Bruders zwei Tage zuvor hoch und rührte mich zu Tränen: Lange konnte ich meine Emotionen wegen der Anspannung unterdrücken. Das gelang mir dann nicht mehr.

Endgültigkeit des Moments

Es ist ein grosser Unterschied, ob man einen Verein verlässt und quasi schon bei einem neuen beschäftigt ist, oder ob der Abschied wirklich endgültig ist. Ich sass im Flugzeug nach Zürich und begegnete einer für mich komplett neuen Situation: Jetzt ist Rente. Die Endgültigkeit des Moments.

Wird es mir langweilig werden? Kann ich mich vielleicht gar nicht selber beschäftigen und bereue es am Ende, nicht weitergemacht zu haben? Das war alles nicht kalkulierbar.

Im Nachhinein kann ich sagen, dass der Entscheid goldrichtig war, sowohl Zeitpunkt als auch Umstände: An einer Weltmeisterschaft beim fünffachen Weltmeister Brasilien aufzuhören, ist ein Privileg.

Ich hatte danach viele Angebote aus der Bundesliga und sogar eines aus China, bei dem ich ernsthaft kurz zögerte. Doch die Summe, die mir geboten wurde, war unmoralisch und hätte mich nicht glücklich gemacht.

Standhaft bleiben

Wenn ich eine Entscheidung getroffen habe, dann bleibe ich standhaft. Gesundheit kann man sich nicht mit Geld erkaufen. Der Stress, den die Familie während meiner Karriere hatte, lässt sich mit Geld nicht einfach ausgleichen.

Es kamen auch Angebote für Vorstandsmandate oder gar als Präsident. Aber ich bin Trainer von Beruf und möchte nicht irgendwo das fünfte Rad am Wagen sein.

Ich möchte alleine Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen, möchte alleine der Gewinner sein, aber auch alleine der Verlierer. Wahrscheinlich würde ich als Präsident anders aufstellen als der Trainer – vor diesem Zwiespalt schütze ich mich besser.

Der Fussball ist meine grösste Leidenschaft. Ich verdanke ihm sehr viel. Als ich mit 22 zum FC Basel wechselte, hatte ich eben mein Studium als Lehrer abgeschlossen und konnte beruhigt als Fussballprofi leben.

Trainer statt Lehrer

Bevor ich dann Trainer wurde, hatte ich mich eigentlich für den Lehrerberuf entschieden, doch ich hätte Nachprüfungen machen müssen. Das machte mich wütend, also versuchte ich es eben als Trainer. Ich wurde zu meinem Glück gezwungen, die Entscheidung stellte sich als richtig heraus.

Die ersten Titel mit dem SC Zug oder dem FC Aarau sind für mich nach wie vor die grössten Triumphe meiner Karriere. Alles, was danach folgte, war natürlich viel grösser und genauso wichtig, aber die ersten Erfolge als Trainer waren am prägendsten.

Früher fiel mir das Abschalten deutlich schwerer. Nach den Spielen ging ich öfters mit Freunden in Discos, aber sobald ich zuhause im Bett lag, war der Film wieder vor Augen: Vergebene Chancen, unnötige Fehler. Das gehört zum Leistungssport.

Wie bei jedem Beruf gibt es Hochs und Tiefs. Nachdem ich fünf oder sechs Jahre beim FC Bayern München war und das Double zwei Mal hintereinander holte, freute ich mich irgendwie nicht mehr darüber. Es gab keine Euphorie mehr. Ich fühlte mich niedergeschlagen, war am Boden.

Entlassung entpuppte sich als Befreiung

2004 wurde ich entlassen, was sich als Befreiung entpuppte. Ich lebte zwei Jahre in Engelberg und erholte mich. Als ich danach zum FC Bayern München zurückkehrte, konnte ich mich endlich wieder über Siege freuen, und ich spürte, dass ich zu alter Form gefunden hatte.

Der Fussball hat sich stark verändert. Ich bin froh, dass wir jetzt in der Zeit sind, wo der Videobeweis eine realistische Neuerung ist. Ich hätte mir das als junger Trainer schon gewünscht.

Der Fussball bleibt zwar unkalkulierbar, aber der Schiedsrichter kann das Spiel nicht mehr plötzlich mit einem Platzverweis oder einem Elfmeter zerstören. Es stimmt natürlich, dass sich der Fussball zu einer unglaublichen Geldmaschinerie gewandelt hat. Allerdings verärgert mich die Aussage, dass es bloss ums Geld geht.

Jeder Fussballer fängt schliesslich klein an und spielt nicht dafür, um später damit reich zu werden, sondern aus Freude, Leidenschaft, Ehrgeiz und Wille. Von tausend Talenten schafft es vielleicht eines ins Profigeschäft.

Begeisterung rund um den Globus

Am Ende ist es doch das Schönste, dass der Fussball eine solch enorme Begeisterung weckt rund um den Globus und es Milliarden Zuschauer gibt.

Heute ist selbst der Frauenanteil im Fussball und unter den Zuschauern stark gestiegen, die Stadien sind grösser, sicherer und komfortabler, ein Spiel ist inzwischen ein Event, es bietet Raum für Unterhaltung, man kann Fussball als umfassende Freizeitbeschäftigung nutzen.

Jeder kann sich auf dem gleichen Niveau über den Fussball unterhalten, ob nun der Lehrling mit dem Bankdirektor oder der Arzt mit dem Baustellenarbeiter. Das macht diesen Sport so spannend.

Heute gibt es viele ehemalige Spieler, die sich als Trainer versuchen und dann entlassen werden. Wenn man heute einmal entlassen wird, hat man praktisch keine Chance mehr, nochmals einen Job zu bekommen.

Es gibt ständig so viele neue Trainer. Dann sitzt man zuhause und beobachtet die Meisterschaften, irgendwo wird der Trainer entlassen und man denkt, die eigene Person sei nun da im Gespräch, dabei ist man gar kein Thema. Solche Situationen sind sehr niederschmetternd.

Karriere lässt sich schlecht planen

Man kann eine Karriere schlecht planen. Es gibt zwar heute immer mehr Stellen im Fussball, sei es nun im Staff oder im Marketing, aber man verdient als Fussballer so viel Geld, dass man bei so einer Anstellung vielleicht noch einen Bruchteil vom früheren Lohn erhält. Wenn man dann einen ähnlichen Lebensstil weiterführen will, geht das eben nicht.

Doch viele können das nicht akzeptieren. Andererseits kann man sich als Spieler auch schlecht vorbereiten auf das Leben nach der Karriere. Sobald man über dreissig ist, braucht man noch mehr Konzentration auf den Fussball und noch mehr Ruhepausen.

Man kann dann nicht einfach eine Ausbildung anfangen. Am besten ist es, wenn dies bereits im jungen Alter geschieht. Mit Spielern, die am Ende der Saison zurücktraten, führte ich regelmässig Gespräche und bot ihnen an, beim Verein ein gutes Wort einzulegen für eine Stelle im Marketing etwa, doch die meisten wollten erst mal abschalten und sich zurückziehen. Ein Zurückkommen ist dann meist umso schwieriger.

Glücklich mit seinen Entscheidungen

Ich bin restlos glücklich mit allen Entscheidungen, die ich traf. Ich war immer ein Mensch, der nach vorne blickt. Es macht keinen Sinn, im Nachhinein zu sagen, dies oder das war falsch. Natürlich muss man analysieren und sich selber reflektieren.

Entscheidungen zu treffen, ist schwierig, man weiss nie, welche Auswirkungen sie haben. Wichtig ist, dass man sich mit Selbstvertrauen von Entscheidung zu Entscheidung bewegt und versucht, aus Fehlern zu lernen. Das habe ich stets getan.

Nun folgen in dieser Woche die letzten Spiele dieser WM-Qualifikation. Die Partien der Schweiz verfolge ich als Fan und Experte. Den Showdown Portugal gegen die Schweiz am kommenden Dienstag geniesse ich zuhause vor dem Fernseher.

Ich glaube daran, dass es die Schweiz an die WM schafft. Vladimir Petkovic hat das Team weiterentwickelt, dazu sind alle Spieler bei europäischen Topvereinen engagiert. Meine Glückwünsche für das Spiel in Lissabon? Die werde ich persönlich übermitteln.»