Ottmar Hitzfeld tritt entspannt in die Lobby eines Basler Hotels. Er ist gekommen, um über die Weltmeisterschaft zu sprechen. «Gehen wir doch dahin», sagt er und zeigt auf drei Stühle in der Ecke der Lobby. «Dort ist es ruhiger.» Fans hat Hitzfeld noch immer, egal wohin er geht. Die Schweizer mögen seine ruhige Art, die Deutschen bewundern seine Erfolge. In München wird er gar liebevoll «Gottmar» genannt. Das schmeichelt ihm. Im Interview spricht der 69-Jährige aber auch über die Schattenseiten des Fussballs.

Herr Hitzfeld, wo werden Sie den Start der WM verfolgen?

Ottmar Hitzfeld: Zu Hause vor dem Fernseher, das ist mir viel lieber als im Stadion. Es ist herrlich, nicht in der Verantwortung zu stehen und die WM einfach geniessen zu können. Als Trainer ist das kaum möglich.

Worauf muss Petkovic jetzt, unmittelbar vor Turnierbeginn, besonders achten?

Es geht darum, nicht zu überdrehen. Man muss die Mannschaft heissmachen, sie ist schon topmotiviert. Jeder Spieler brennt und ist gleichzeitig nervös. Da muss der Trainer eher bremsen, Ruhe ausstrahlen und auf die Spieler beruhigend einwirken. In den Tagen vor dem Anpfiff nimmt der Druck noch mal enorm zu.

In welcher Beziehung ist die Schweizer Nati besonders stark?

Die Mannschaft hat sich über Jahre entwickelt. Als wir 2010/11 den Umbruch vollzogen, gab es einen Generationenwechsel. Die Jungen wie Xhaka, Seferovic, Rodriguez oder Shaqiri haben sich etabliert. Die Mannschaft ist fast dieselbe wie 2014, das bringt Stabilität.

Ist sie stärker als vor vier Jahren?

Sie ist reifer und hat mehr Erfahrung. Die Nati wird dieses Mal cooler auftreten, weil sie schon eine WM erlebt hat und die Abläufe kennt. Sie wird von nichts mehr – wie dem Medienrummel oder exotischen Gegnern – überrascht.

Schafft die Schweiz die Achtelfinalqualifikation?

Ja, das Erreichen des Achtelfinals muss das klare Ziel sein. Dieses Anspruchsdenken darf man haben. Das zeichnet eine gute Mannschaft aus.

Reicht es, lediglich das Ziel Achtelfinal auszugeben? Die Deutschen wollen Weltmeister werden.

Entschuldigung, aber Deutschland hat zehnmal mehr Einwohner. Das darf man nicht vergleichen.

Belgien hat nur drei Millionen Einwohner mehr als die Schweiz und gilt trotzdem als Geheimfavorit.

Aber auch die kommen nicht ins Finale. Wir müssen die Verhältnisse richtig einordnen. Die Gruppenphase zu überstehen, ist eine sehr gute Leistung. Wenn man Zweiter wird hinter Brasilien, wartet wohl Deutschland als Achtelfinalgegner. Deshalb ist es keine Pflicht, den Viertelfinal zu erreichen.

Deutschland als Gegner ist das eine, aber bei der EM 2016 gegen Polen oder bei der WM 2006 gegen die Ukraine fehlte die letzte Überzeugung.

Nein, in solchen K.-o.-Spielen entscheiden Kleinigkeiten. Ein Penaltyschiessen kann jeder gewinnen. Da könnte die Schweiz sogar die Deutschen schlagen.

Fehlen der Nati nicht Typen, wie sie Deutschland früher mit Kahn und Effenberg hatte?

Nein, ein Xhaka ist genauso selbstbewusst und ein Leader. Behrami ist ein Krieger wie Arturo Vidal bei den Bayern. Wir haben schon solche Typen, nur haben die Deutschen die grössere Auswahl. Im Einzelsport dagegen kann man das Mass aller Dinge sein, wie Roger Federer beweist. Aber das hängt nicht nur mit der Mentalität von Federer zusammen, sondern mit seiner Klasse. Es ist ein Traum, wie er spielt.

Erstmals bei einem grossen Turnier kommt der Videobeweis zur Anwendung. Droht ein Chaos?

Ich war immer ein Befürworter des Videobeweises. In der Bundesliga konnten 60 bis 70 Prozent der Fehlentscheide korrigiert werden. Perfekt kann er nie sein. Auch am Bildschirm kann man nicht immer sagen: Ja, es war ein Handspiel. Ja, es ist Penalty.

Sind 60 Prozent Erfolgsquote für den Videobeweis nicht zu wenig?

Nein, er muss sich weiterentwickeln. Es gibt immer Grauzonen.

Mit welchem Gefühl gingen Sie 2014 in Brasilien ins Turnier?

Ich war sehr fokussiert, freute mich, als es losging. Das erste Spiel war enorm wichtig, um gut zu starten …

… dann ist es ungünstig, dass die Nati gleich auf Brasilien trifft.

Nein, Brasilien ist eine Mannschaft, die im ersten Spiel noch nicht in Topform ist. Wie Spanien bei unserem Sieg an der WM 2010. Es ist besser, im ersten Match auf einen Favoriten zu treffen als im dritten. Dann ist er eingespielt. Der Druck liegt bei den Brasilianern.

Wenn wir von Druck sprechen: Der ehemalige deutsche Nationalspieler Per Mertesacker sagte kürzlich, der Druck habe ihn aufgefressen. Haben Sie dies bei einigen Ihrer Spieler auch bemerkt?

Unter den Spielern ist es ein Tabuthema. Sie sprechen nicht über Druck oder Belastung, weil das einfach zum Job gehört. Heute hat aber jeder Spitzenklub einen Psychologen angestellt oder einen Mentaltrainer, mit dem sie das Gespräch suchen können.

Das tun aber längst nicht alle.

Das ist klar. Der Spieler denkt: Wenn ich Schwäche zeige, erfährt das vielleicht der Trainer und stellt mich nicht mehr auf. Oder der Verein verlängert den Vertrag nicht. Zum Glück hat Mertesacker einige Dinge angesprochen.

Wie gingen Sie damit um?

Als Trainer führte ich viele Einzelgespräche. So wusste ich, wie sich der Spieler psychisch fühlt und wie er sich unter Druck setzt. Da konnte ich gewisse Aspekte besser abwägen. Doch wenn der Spieler in eine Depression läuft, weil der Druck zu gross ist, dann öffnet er sich nicht mehr. Es kostet Kraft, zu sagen: Trainer, ich habe ein Problem.

Sie hatten als Trainer selber ein Burnout mit leichten Depressionen.

Ich sprach mit niemandem darüber. Ich war sechs Jahre am Stück Trainer bei Bayern und im sechsten Jahr angeschlagen. Wir hatten eine schlechte Saison und hinkten der Konkurrenz hinterher. Das kostete enorm viel Substanz. Ich wurde ständig kritisiert, war verbraucht. Sechs Jahre Bayern sind wie zwanzig Jahre bei einem anderen Klub. Ich war damals 55 und dachte, ich würde nie mehr Trainer sein.

Nicht alle haben Verständnis, wenn Trainer oder Spieler mit dem Druck Probleme bekommen. So sagte Lothar Matthäus, Mertesacker hätte ja aufhören können.

Anscheinend kennt Lothar Druck nicht.

Ein anderer ehemaliger Spieler, Oliver Kahn, kritisierte während des Champions-League-Finals, dass die verletzten Spieler Salah und Carvajal geweint haben. Das könne man später in der Kabine machen.

Jeder reagiert anders. Für Salah platzte ein Traum. Er war in einer Topverfassung und er weiss nicht, ob er noch einmal so viele Tore schiessen wird wie in dieser Saison. Das war die Chance seines Lebens, als Ägypter die Champions League zu gewinnen. Dann verletzte er sich, und es brachen alle Dämme. Da sieht man, unter welchem Druck diese Spieler stehen. Ich habe Verständnis, dass er geweint hat.

Torhüter Loris Karius …

… war die tragischste Figur. Mittlerweile gibt es ja Erklärungen dafür: Hirnerschütterung nach einem Ellbogenschlag. Aber an jenem Abend war es für ihn ein Wahnsinn, vor Milliarden von Zuschauern solch grundlegende Fehler zu machen. Patzer, die für jeden Torwart ein Albtraum sind. Wenn Sie in der Firmenmannschaft spielen und solche Fehler machen, würden auch Sie am liebsten im Boden versinken.

Zurück zu Russland: Schriftsteller Pedro Lenz boykottiert die WM wegen der Menschenrechtsverletzungen. Auch deutsche Politiker wollen aus Protest fernbleiben. Ein gutes Signal?

Man muss Sport und Politik immer trennen. Es ist einfach, Statements abzugeben, wenn man nicht in der Verantwortung steht, das generiert Schlagzeilen. Natürlich ist es wichtig, die Menschenrechte zu thematisieren, aber es geht auch um Millionen Fans in Russland. Die WM kann für das ganze Volk befreiend sein. Den Russen wird die WM guttun, sie können daran wachsen und als Gastgeber die Welt begrüssen. Wir sollten sie nicht bestrafen, weil die Politik im Land versagt hat.

Lässt sich Sport und Politik überhaupt trennen?

Der Sport darf sich jedenfalls nie von der Politik instrumentalisieren lassen.

Das ist den deutschen Nationalspielern Özil und Gündogan allerdings passiert. Sie haben sich mit dem türkischen Präsidenten Erdogan ablichten lassen.

Das war nicht richtig, da haben die Spieler falsch reagiert – oder zumin- dest das Umfeld. Die Spieler werden ja alle beraten. Erdogan hat sicher nicht Özil direkt angerufen.

Sie hätten auch Nein sagen können, der Liverpooler Emre Can hatte eine Einladung, sagte aber ab.

Das ist schwer für einen Spieler, gerade wenn man die Familien-Situation berücksichtigt. Stellen Sie sich vor, Sie müssten der Verwandtschaft sagen, sie wollen kein Foto mit dem Präsidenten. Das ist nicht so einfach für Spieler. Gut war, dass sich der DFB-Präsident Rainhard Grindel klar geäussert hat.

Unterschätzen Fussballer ihre Vorbildfunktion.

Natürlich unterschätzen sie ihre Vorbildfunktion. Sie sind oft nicht so reif wie gleichaltrige, berufstätige Menschen, die im Alltag stehen, Erfahrungen sammeln und sich gegen alle Seiten wehren und behaupten müssen. Fussballspieler sind abgeschirmt und leben in ihrer eigenen kleinen Fussballwelt.

Spiegelt sich das auch in der Cup-Feier wieder? Zwei FCZ-Spieler zündeten auf dem Balkon Pyros.

Die Aktion ist unmöglich. So etwas geht gar nicht, da muss der Verein hart durchgreifen. Wie will man den Fans Pyros verbieten, wenn die eigenen Spieler Fackeln zünden? So etwas darf nie mehr passieren.

Anderes Thema: Lernen Sie derzeit Spanisch?

(schmunzelt) Nein.

Champions-League-Sieger Real Madrid sucht einen neuen Trainer.

Ich habe den Spaniern 2004 schon einmal abgesagt, als ich bei Bayern aufgehört habe. Es ist sehr schwer, Real abzusagen, schliesslich ist es ein Traumverein. Aber ich habe 2014 endgültig mit der Trainer-Karriere abgeschlossen.

Einer seiner grössten Triumphe: der Champions-League-Sieg mit dem FC Bayern 2001 in Mailand. Die Spieler um Kahn, Effenberg und Fink lassen Ottmar Hitzfeld hochleben.

Einer seiner grössten Triumphe: der Champions-League-Sieg mit dem FC Bayern 2001 in Mailand. Die Spieler um Kahn, Effenberg und Fink lassen Ottmar Hitzfeld hochleben.

Jupp Heynckes kehrte mit 72 Jahren zu den Bayern zurück.

Das kommt für mich nicht infrage. Dortmund hat mich diese Saison angefragt, nachdem Peter Bosz entlassen wurde. Aber die BVB-Verantwortlichen hatten keine Chance, mich umzustimmen.

Nächste Saison übernimmt Lucien Favre den BVB. Eine gute Wahl?

Favre ist ein hochklassiger Trainer, der die Bundesliga und den internationalen Fussball gut kennt. Er hat auch in Nizza tolle Arbeit geleistet. Wer einen Spieler wie Balotelli zähmt, kann auch jeden Dortmunder zähmen.

Tauschen sich Spitzentrainer regelmässig aus?

Eigentlich nicht, aber vor wenigen Tagen hat mich Lucien Favre ange- rufen und nach meiner Einschätzung gefragt. Es ging um eine Person, die er in seinen Trainerstab holen will. Mehr kann ich nicht verraten.

Gerade junge Trainer geraten oft in die Kritik, werden als theoriefixierte Laptoptrainer abgetan.

Auch Jupp Heynckes und ich haben einen Laptop zu Hause. Mein Trainerteam und ich haben schon damals sämtliche Gegner analysiert und auseinandergenommen. Natürlich ist die Erfahrung nicht zu ersetzen, aber ich freue mich über jeden Trainerstern, der aufgeht. Dass einer wie Julian Nagelsmann in Hoffenheim mit 29 Cheftrainer in der Bundesliga wird, wird es allerdings so schnell nicht mehr geben.

Wird es an der WM neue Trends zu sehen geben?

Der Fussball ist ausgereizt, man kann niemanden mehr wirklich überraschen. Das Einzige, was man noch steigern kann, ist die Schnelligkeit und die Anzahl der Pässe – und die Technik. Heute sind schon Innenverteidiger die Spielmacher.

Wer war eigentlich der anstrengendste Spieler in Ihrer Karriere?

Der Schwierigste war eindeutig Matthias Sammer. Er hat sich mittlerweile ei- nige Male dafür entschuldigt und eingeräumt, dass er eine Nervensäge war (lacht). In der Schweiz war Alex Frei sicher anstrengender als andere. Er war Kapitän und ein richtiger Sturkopf. Das war nicht immer einfach für mich und das Team. Doch wir wussten: Es ging ihm nur den Erfolg. Darum haben wir – heute wie damals – ein gutes Verhältnis.

Welcher Spieler war der grösste Spassvogel?

Franck Ribéry, ganz klar. Der hat fast jeden Spieler hochgenommen, sei es mit Massageöl in den Fussballschuhen oder Zahnpasta unter der Türklinke. Einmal hat er den Mannschaftsarzt Müller-Wohlfahrt gepackt und in den Pool geworfen, so eine Kraft hatte der. Er ist ja eher klein. Aber da merkt man, dass er früher Strassenarbeiter gewesen ist, er wurde ja erst spät Profi. Ein super Typ, der Franzose.

Bei Ihnen hat er sich nicht getraut.

Nein, da hatte er zu grossen Respekt.

Wer wird Spieler der WM?

Thomas Müller! Er hat alle Voraussetzungen und bewiesen, dass er Tore schiessen kann, wen es um alles geht. Das braucht es an einer WM.