Marcel Koller lässt sich entschuldigen, er komme etwa eine Stunde zu spät. Es tue ihm leid, der Kaffee gehe dafür auf ihn. Auch wenn der europäische Wettbewerb verpasst wurde und so weniger Spiele anstehen, hat der Cheftrainer des FC Basel viel zu tun. Am 2. August hat er den Posten übernommen, nachdem unter Raphael Wicky der Saisonstart verpatzt wurde. Knapp zwei Monate ist das her. Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen – und vorauszublicken auf den Spitzenkampf gegen YB vom Sonntag.

Marcel Koller, Sie sind seit fast vierzig Jahren im Fussballgeschäft. Wann begann der Fussball Sie zu reizen?

Marcel Koller: Ich bin als kleiner Knirps immer schon dem Ball hinterhergerannt. Mein Vater hat Amateur-Fussball gespielt, mein Bruder gar Nati A. Mit ihm habe ich mir ein kleines Zimmer geteilt. Zwischen den beiden Betten – er hatte ein grosses, ich nur ein Klappbett – war ein schmaler Gang. Da haben wir uns einen Ballon zugeköpft. Zu dieser Zeit war ich gerne Torhüter, aber das hat sich dann schnell geändert (lacht).

Als Erweckungsmoment bezeichnen Sie die WM 1970. Und jenen Augenblick, als Sie Ihr erstes BrasilienTrikot bekommen haben.

Genau, da war ich zehnjährig. Brasilien wurde Weltmeister, spielte einen super Fussball. Pelé war Weltklasse, die ganze Mannschaft war unglaublich gut. Da wurde aus mir ein Brasilien-Fan. Und noch etwas kam dazu: Auf diese WM hin hatte unser Vater auch extra unseren ersten Farbfernseher gekauft. Das war fantastisch.

Gibt es noch Spiele, die Sie einfach schauen, um zu geniessen? Ohne dass der Kopf alles analysiert?

Ja, aber selten (lacht). Ich schaue Fussballspiele nicht mehr wie ein Fan. Als Trainer siehst du mehr. In jeder Partie gibt es spannende Spielsituationen, Ideen, verschiedene Stile. Und dann stelle ich mir automatisch die Frage: Was könnte für mich interessant sein? Was würde ich anders machen?

Welches war das letzte Spiel, das Sie gedankenlos betrachtet haben?

Völlig frei? Das war an der WM. Ich war im Österreichischen Fernsehen als Experte – irgendwann hatte ich einfach mal genug. Dann habe ich mir schon ein, zwei Spiele einfach so angeschaut, ohne gleich alles zu analysieren. Aber welches das war, weiss ich nicht mehr, es gab so viele Spiele (lacht).

Es ist bereits eine Zeit her, seit Sie Fussballprofi waren …

… ewig …

… wären Sie gerne im Jahr 2018 noch einmal ein 18-jähriger Jungprofi?

Oh ja! (lacht) Heutzutage hast du als junger Spieler ganz andere Möglichkeiten. Insbesondere in der Pflege. Heute ist die Betreuung schon im Nachwuchs professionell. Während wir damals einen Zitronenschnitz bekommen haben in der Pause und es geheissen hat, man dürfe nichts oder nur wenig trinken.

Sie haben sich im Nachwuchs Ihre erste, schwere Verletzung zugezogen.

Ich war 19, als mir meine Knie-Sehne abgerissen ist. Es war ein Meisterschaftsfinale in Sion. Wir sind von Vätern und Müttern gefahren worden. Nach 15 Minuten verletzte ich mich – niemand konnte mir helfen. Da dachte ich, ich schiesse in den Mond hoch. Mein Bein hing einfach runter. Ich hatte Schmerzen weiss ich nicht was. Ich habe dem Platzwart gesagt, er solle mir draussen zwei Äste abbrechen gehen, damit ich eine Schiene basteln kann.

Koller hebt sein linkes Bein auf den Stuhl neben ihm. Er streichelt sein Knie, das er sich damals so schwer verletzt hat.

Das tönt nicht gut.

Es war heftig. Die Rückfahrt, hinten im kleinen Auto einer Familie, ich mag gar nicht mehr daran denken. Eine Woche später wurde ich operiert. Aber auch danach hat mir niemand geholfen, auch nicht vom Betreuerteam der ersten Mannschaft, mit der ich ab und zu schon mittrainiert hatte. Früher lief es so: Der Masseur, einer der alten Schule, sagte den Jungen: «Geht auslaufen! Massieren liegt nicht drin, zuerst kommen die älteren Spieler.» Es war eine völlig andere Zeit damals. Entweder man hat sich selbst organisiert, war dabei – oder tschüss.

Zuerst sein Spieler bei GC, dann sein Assistent beim gleichen Verein: Marcel Koller (links) und Ex-FCB-Trainer Christian Gross.

Zuerst sein Spieler bei GC, dann sein Assistent beim gleichen Verein: Marcel Koller (links) und Ex-FCB-Trainer Christian Gross.

Sie streichen das Positive der heutigen Zeit heraus. Sehen Sie auch Gefahren, denen Sie nicht ausgesetzt waren? Beispielsweise die sozialen Medien?

Das ist einfach die heutige Zeit. Ich bin in einer anderen Zeit aufgewachsen. Heute sind alle immer am Handy. Nicht nur die Spieler. Das sind wir ja alle, auch Sie. Wenn man vor das Shoppingcenter geht oder ins Tram oder den Bus. Jeder ist irgendwie am Handy. Es ist fast nicht mehr möglich, dass man noch normal miteinander kommuniziert. Früher hat man sich höchstens mal ein paar SMS geschickt.

Stört Sie diese Entwicklung?

Manchmal schon, ja. Wenn ich im Tram bin und alles mithöre, was der Eine mit dem Anderen am Telefon bespricht, dann denke ich schon, dass ich das so genau jetzt eigentlich nicht wissen muss.

Den Spielern haben Sie verboten, während der gemeinsamen Essen am Handy zu sein.

Da geht es um Kommunikation. Wenn jeder nur an seinem Handy oder Laptop ist, dann gibt es keinen richtigen Austausch. Es ist wichtig, dass man miteinander spricht. Über Privates oder über den Fussball. Dass man sich austauscht, Geschichten erzählt, miteinander Spass hat. Und die Stimmung ist auch gut, es wird geredet – das Handyverbot wird akzeptiert.

Sie haben schon einiges umgekrempelt. Wofür soll der FCB nach Ihrem Verständnis stehen?

Er ist ein Topklub in der Schweiz. Das hat sich der Verein in den letzten Jahren erarbeitet. In dieser Stadt lebt der Fussball, er bedeutet vielen Leuten etwas. Wir, die wir hier direkt dabei sind, müssen dem Respekt zollen, das ist wichtig.

Marcel Koller im grossen Interview.

Marcel Koller im grossen Interview.

Der FCB steht auch für Erfolg, trotz der titellosen Saison. Wie nehmen Sie das wahr?

Mit den Leuten habe ich mich noch nicht gross unterhalten können. Grundsätzlich ist es aber so, dass man es für selbstverständlich annimmt, dass es so weiterläuft. Aber das ist es nie, Erfolge sind nie selbstverständlich. Ich habe auch den einen oder anderen Erfolg gehabt. Wenn du dann das Gefühl hast, du musst nachher nichts mehr machen, weil es eh läuft, weil es eh eingespielt ist, dann wird es schwierig.

Derzeit ist der FCB mit Misserfolg konfrontiert, spielt weder Champions League noch Europa League. Der Start in die Meisterschaft ist ebenfalls missglückt. Wie sehr schmerzt das?

Das tut weh, klar. Aber wir sollten nicht lange jammern, sondern müssen das verarbeiten, nach vorne schauen und wieder bereit sein. Aktuell haben wir uns gesagt, dass es für uns vielleicht gut ist, etwas Ruhe zu haben und eine Regelmässigkeit in den Trainingsbetrieb zu bekommen. So können wir unsere Idee eher vermitteln, als wenn alle drei Tage ein Spiel ansteht.

Was bedeutet diese Nicht-Teilnahme am europäischen Geschäft für den Verein?

Wenn man einmal nicht dabei ist, ist es nicht so, dass alle wütend mit dem Finger auf einen zeigen. Denke ich zumindest.

Wirklich?

Es war aussergewöhnlich, acht Mal hintereinander Meister zu werden. In welchem Land sonst passiert das schon? Daraus resultiert bei den Fans, der Öffentlichkeit und den Medien eine Selbstverständlichkeit. Aber die gibt es nicht. Man muss immer weiterarbeiten.

Weil die europäischen Spiele wegfallen, hat der FCB zu viele Spieler unter Vertrag. Inwiefern erschwert das Ihre Arbeit?

Diese Situation zu moderieren, gehört zu meiner Aufgabe. Es gibt weniger Spiele, also wird die interne Konkurrenz, der Kampf im Training grösser.

Müssen Sie mehr Gespräche führen?

Nein, mehr Gespräche als sonst braucht es dafür nicht, das sind Profis. Wir reden immer im gleichen Mass mit unseren Spielern und sie wissen, dass in einem Kader 30 Spieler stehen und am Ende dennoch nur 11 spielen können. Das ist aber nicht erst seit zwei Monaten so, sondern das war immer so. Und sie wissen, dass man da unten (zeigt auf den Rasen) wie ein Raubtier sein muss. Aber dennoch sind wir keine Maschinen. Die Spieler haben Gefühle, das schwingt alles mit. Es kann vorkommen, dass mal gar nichts klappt. Hochs und Tiefs gibt es immer.

Wie packen Sie die Spieler in solchen Momenten an?

Soll ich es Ihnen mal zeigen? (lacht) Nein, das ist Erfahrung. Das kann man nicht grundsätzlich sagen. Es gibt kein Muster. Zuerst musste ich die Spieler kennen lernen. Dann ist es wichtig, am Anfang gleich einzugreifen, wenn etwas nicht passt. Ansprechen, Korrigieren, Unterstützen, Helfen. Oder einfach mal zu sagen: Trau dich! Wenn wir wissen, dass ein Spieler dribbeln kann, aber den Mut dazu nicht hat, muss ich ihm diesen Mut geben. Im Wissen, dass er den Ball auch verlieren könnte. Dann darf ihm niemand den Kopf abreissen.

Wie schalten Sie eigentlich ab? In Ihrer Biografie erklären Sie beispielsweise, wie sehr Sie die Stille in leeren Kirchen schätzen.

Wenn man oft an Flughäfen, in Städten oder sonst wo ist, dann ist es extrem laut. Gerade auch in Fussballstadien. Daher ist das ein Ausgleich, den ich mag. In Kirchen ist jeder ruhig, setzt sich, hört zu. Dort ist das selbstverständlich. Sonst aber ist das nirgends der Fall, keiner nimmt mehr Rücksicht.

Denken Sie in Kirchen über Fussball nach?

Nein, ich geniesse das einfach. Es ist aber nicht so, dass ich jeden Tag in eine Kirche gehe oder speziell lange darin bin. Was ich aber gerne mitnehme: Kirchen sind meistens an den schönsten Orten gebaut, auf Hügeln, von wo aus man die ganze Übersicht hat.

Überhaupt mögen Sie die Höhe. Sie gehen auch gerne in die Berge und bezeichnen diese als Rückzugsort.

Ja, genau. Ich mag dann vor allem die Ruhe, diese Wucht der Berge und der Natur. Dass nicht überall Geschrei und Hektik und Nervosität herrscht. Davon habe ich im täglichen Geschäft genug. Es geht auch darum, das eigene Bewusstsein zu schärfen. Beim Spazieren die Vögel zwitschern zu hören, das tut einfach gut.

Zurück zum Fussball: Der FCB weist nach sechs Runden bereits neun Punkte Rückstand auf. Ist der Spitzenkampf am Sonntag das Spiel der letzten Chance im Meisterrennen?

Nein, das glaube ich nicht. Aber es wäre mal wichtig, ihren Lauf stoppen zu können. Und selbst einmal etwas Luft zu bekommen. YB ist momentan zwar vorneweg, aber ich glaube, dass auch für sie schwierige Wochen folgen. Wochen, in denen sie nicht immer die optimale Leistung bringen und Punkte verlieren – nicht nur gegen uns.

Ist es für den FC Basel ein Vorteil, dass YB gegen Manchester United verloren hat und nun mit einer Niederlage im Gepäck den Spitzenkampf angehen muss?

Ich habe mich nicht gefreut, nein. Ich stelle mir eher vor, dass YB jetzt erst recht motiviert ist, eine Reaktion zu zeigen. Die Berner werden sich durch diese eine Niederlage weder beeinflussen noch verunsichern lassen. Sondern so spielen wie immer. Und dieses Spiel ist ziemlich kraftvoll. Da müssen wir dagegenhalten.

Haben Sie als Trainer oder Spieler schon mal einen 9-Punkte-Rückstand aufgeholt?

Es bringt nichts, daran zu denken. Natürlich schaue ich auch mal kurz auf die Tabelle, aber sie ist nicht ausschlaggebend. Es stehen noch so viele Spiele bevor. Das neue Trainerteam ist jetzt seit knapp zwei Monaten da und konnte schon viel vermitteln – aber längst nicht alles. Man muss den Menschen auch Zeit geben können. Wir wissen, dass es Geduld braucht.

Wissen das auch die Spieler?

Ich habe es ihnen gesagt. Aber Geduld bei den Jungen bedeutet immer gleich morgen. Bei mir aber bedeutet Geduld eine Woche, zwei Monate, oder ein halbes Jahr. Wenn man etwas entwickeln will, braucht es Zeit. Ein Spieler muss erst das Alte vergessen und das Neue aufnehmen. Der eine nimmt schneller auf, der andere weniger. Wir haben aber durchaus schon Fortschritte gesehen.

Können Sie auch aufbrausend sein?

Ja, das kommt schon mal vor. Aber ich bin lange dabei, ich weiss, wann ich das sein kann. Es geht mir aber nie darum, jemanden kaputtzumachen oder in eine Ecke zu stellen. Ich schneide ihn nicht und ich lasse ihn auf keinen Fall links liegen. Es geht mir auch nicht darum, jemanden blosszustellen. Das ist wichtig für die Gruppendynamik. Die Spieler müssen merken, dass wir sie als Menschen sehen.