Am Dienstag hat die Nationalmannschaft mit einem aussergewöhnlichen Zeichen der Solidarität überrascht, mit der kein Beobachter gerechnet hatte. 24 Spieler erschienen in corpore zur Medienkonferenz. Wer hatte die Idee, einen solchen Coup zu lancieren?

Granit Xhaka: Wir haben interne Gespräche geführt – mit dem kompletten Staff, mit allen Spielern. Dann gab es eine zweite Sitzung mit dem Mannschaftsrat, mit dem Coach, mit Claudio (Sulser) und Vincent (Cavin). Da entschieden wir, alle an Bord zu nehmen, so quasi zu zeigen: Hey, egal wer in der Kritik steht, wir stehen zusammen, wir sind eine Einheit, niemand kann uns zu Boden drücken.

Verdeutlichte diese Aktion, dass die letzten Wochen, die schweren Turbulenzen alle erfasst hatten, dass die Vorgänge um das Nationalteam niemanden unberührt liess? Zeigte der geschlossene Auftritt auch die Dimension der Problematik?

Die ganze Mannschaft war überrascht von der Intensität der Diskussionen und Konsequenzen. Ob das am Ende auf das enttäuschende Out gegen Schweden zurückging, oder die Handgeste alleiniger Auslöser war, wissen wir nicht. Aber die Lawine setzte sich in Bewegung mit.

Wie stark schlug Ihnen diese Endrunde auf den Magen?

Mich hat am meisten enttäuscht, was nachher kam. Klar, wir waren wohl zu überzeugt davon, die Schweden zu schlagen – das war ein grosser Fehler. Aber eben, was dann kam, hat mich richtiggehend geschüttelt.

Was ging in Ihrem Kopf vor?

Mich wunderte, wie heftig auf alles eingeschlagen worden ist – als ob man nur auf einen solchen Moment gewartet hätte, endlich loslegen zu können. Sportlich gab es wenig zu kritisieren, diese Mannschaft hat in den letzten Jahren nicht manches Spiel verloren. Ich fragte mich echt: Was läuft genau ab jetzt? Stimmen die Relationen noch?

Mit Valon Behrami zog sich ein enger Vertrauter von Ihnen wutentbrannt aus der Nationalmannschaft zurück. Wie haben Sie darauf reagiert?

Er informierte mich per Telefon. Das war für mich ein Schock, seine Message kam völlig unerwartet. Was zwischen ihm und dem Coach abgelaufen ist, weiss ich nicht, da mische ich mich nicht ein. Valon war für mich ein gigantisches Vorbild, er zog die Jungen mit.

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Sie sind wie Behrami als Persönlichkeit bekannt, die auch unbequeme Zonen betritt, welche forsch vorangehen kann und auch in möglicherweise problematischen Situationen nicht schweigt. Entsprechend werden Sie auch beurteilt.

Ich kann durchaus einstecken, das ist nicht das Problem. Welche qualifizierten oder auch unqualifizierten Experten sich auch zu Worte melden: Wir leben in einem Land, das die Meinungsäusserungsfreiheit hoch hält, das ist gut und bleibt auch hoffentlich so.

Experten sind in der Regel eher kritisch veranlagt.

Fachliche Vorwürfe stören mich nicht. Aber schlimm wird es, wenn mir solche Leute vorwerfen, ich würde die Schweiz nicht richtig repräsentieren.

Sie wirken verletzt und in einer gewissen Art ohnmächtig, weil Sie auf einer komplexen Ebene attackiert werden.

Es tut weh! Ich würde lügen, wenn ich etwas anderes behaupten würde. Ich bin in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Dass ich zwei Herzen in der Brust habe, ist ein Fakt – dafür kann ich übrigens auch nichts. Aber ich trage seit bald neun Jahren die Farben dieses Landes, meiner Heimat! Der Vorwurf, ich stehe nicht für die Schweiz ein, geht ins Leere. In Gladbach oder jetzt in London bin ich der respektierte Schweizer, der den Erfolg bringt – und plötzlich soll ich nur noch ein halber Schweizer sein. Ja, das tut mir weh, das stresst mich, das ist schwer verdaulich.

Was löst das aus?

Traurigkeit und Fragezeichen. Es hat manchmal etwas Entmutigendes. Leute, die nie mit mir ein Wort gewechselt haben, die meine Familie und unsere Geschichte nicht kennen, urteilen so über mich – puh, das setzt mir zu.

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Sie bewegen sich ständig zwischen verschiedenen Kulturkreisen. Als Nationalspieler müssen Sie einem Bild gerecht werden, in der Heimat der Eltern erwarten die Menschen immer wieder ganz andere Signale und Bekenntnisse. Wie sehr tangiert das Ihre Unbeschwertheit?

Schwierig ist primär, immer wieder alles zu erklären. Das Thema keimt wieder und wieder auf. Das kann ermüdend sein. Manchmal denke ich: Wollen mich gewisse Leute nicht verstehen, oder hören Sie mir nicht richtig zu? Oder läuft sonst irgendwas schief? Was soll ich denn sagen? Soll ich meine Herkunft ausblenden? Was würden denn meine Eltern von mir denken? Zur Schweiz gehört der multikulturelle Teil, die internationalen Wurzeln sind nun einfach Teil der Gesellschaft.

Mit Ihrer Geste, mit dem albanischen Handzeichen haben Sie eine Reihe von Irritationen und Missverständnissen ausgelöst.

Ich reagierte emotional, ich schoss ein extrem wichtiges Tor für die Schweiz. Ich machte etwas, was mir viel bedeutete, was auch die Menschen im Land meiner Eltern extrem bewegte – ich habe nichts Bösartiges gemacht und niemandem wehtun wollen.

Verstehen Sie die Skepsis und Vorbehalte trotzdem? Können Sie nachvollziehen, dass es im Umfeld des Nationalteams Stimmen gibt, die keine solchen Statements im SFV-Dress tolerieren?

Das habe ich zu akzeptieren, klar. Ich weiss, wie schwierig und schwer verständlich das Thema ist. Entschuldigen muss ich mich aber nur für das, was danach passiert ist, für das, was ich damit ausgelöst habe. Aber bitte, soll ich im Nachhinein eine Geste verteufeln, die andernorts als friedliches Zeichen bekannt ist?

Respekt und Verständnis für beide Seiten?

So kann man es sehen. Ich werde in Zukunft auf den Adler verzichten. Aber ich vergesse nicht, wie viele Tausend in Albanien und im Kosovo vor dem Fernseher sitzen und der Schweizer Nationalmannschaft zujubeln und sich ehrlich über jeden unserer Erfolge freuen.

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Klare Ansagen sind Ihr Markenzeichen - woher kommt dieser Zug, Profil zu bekennen?

Es gibt ein albanisches Sprichwort. Strecke deine Füsse nur aus soweit aus, wie die Decke reicht. Das bedeutet: hinzustehen, zu seinem Wort zu stehen, Fehler einzugestehen. Im übertragenen Sinn: Überschreite deine Grenzen nicht! Bis heute habe ich niemandem was angetan, ich war immer ehrlich, ich habe mich nie verstellt, ich fahre keine Schlangenlinien.

Mit Ihrer direkten Linie haben Sie sportlich viel erreicht.

Meine Karriere ist bisher sehr gut verlaufen – Schritt für Schritt. Mit meiner Planung bin ich nicht schlecht gefahren und wurde zu einem Leader bei einem Traditionsklub wie Gladbach, bei Arsenal gehöre ich zu den fünf Captains. Ich habe in der letzten Saison in 37 von 38 Premier-League-Runden gespielt. Was will ich mehr?

Mönchengladbachs Sportchef Max Eberl bezeichnet Sie auch über zwei Jahre nach Ihrem Abgang als grosse Identifikationsfigur. Arsenal verlängerte unlängst den Vertrag mit Ihnen bis 2023 – und trotzdem geraten Sie häufig in den Bannstrahl der Kommentatoren.

Ich habe keinen Vertrag mehr mit Borussia Mönchengladbach – merci an Max Eberl, dass er so etwas über mich sagt. In London habe ich nach ein paar schwierigen Wochen im ersten Jahr Tritt gefasst und gehöre zum Stamm eines internationalen Topvereins.

Ärgert Sie denn die relativ kleine Kreditwürdigkeit der medialen englischen Beobachter?

Klar fällt das auf! Mir fehlt teilweise die Anerkennung, sicher. Ein paar glauben offensichtlich, Arsenal sei kein Topklub mehr. Das stört mich, aber irgendwann werden wir auch die letzten Kritiker vom Gegenteil überzeugen.

Zurück zur Nationalmannschaft. In den vergangenen Tagen wurde die Captain-Debatte geführt. Es soll Zweifel geben, ob Sie dereinst die Nachfolge von Stephan Lichtsteiner antreten könnten. Was sagen Sie dazu?

Die Captainbinde würde mich mit Stolz erfüllen. Aber ich brauche dieses Amt nicht, um im Spiel Verantwortung zu übernehmen. Ich rede, ich schreie, ich ziehe die Jungen und die Alten mit.

Ein Blick in die nahe Zukunft. Lässt sich dieses mehrwöchige Sommertheater aus den Kleidern schütteln, oder beschäftigt der Energieverlust die Equipe noch länger?

Ich habe gesehen, mit welchem Spirit, mit welcher Energie die Mannschaft eingerückt ist, nun wieder sportlich relevante Themen in den Mittelpunkt zu rücken. Die Mannschaft hat keinen nachhaltigen Schaden erlitten, das Team wird weiterhin funktionieren. Schluss, aus, es geht weiter!