Der neunjährige Birkir Bjarnason dribbelt und rennt. «Er ist immer doppelt so viel gelaufen wie die anderen. Wenn wir ihn auswechseln wollten, hat er uns einfach ignoriert», erzählt ein Jugendtrainer.

Emil Hallfreðsson steht mit wässrigen Augen da und erzählt von seinem krebskranken Vater. «Er hat alles für mich getan. Ich habe für ihn gespielt», sagt der Aufbauer, der in Italiens Serie A kickt.

Er muss zuschauen

Ragnar Sigurdsson, Verteidiger vom FK Rostow, sitzt auf einem Stuhl und sagt: «Ich habe wie ein paar andere von uns ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung; die Red.). Ich verliere ständig etwas, vergesse Termine und Besprechungen. Nur auf dem Platz bin ich hundertprozentig konzentriert.»

Hannes Thor Halldorsson liegt im Krankenbett. Der Goalie und Werbefilmer hat sich im Training die Schulter ausgekugelt und fiebert mit den Kollegen mit, die in der Türkei um wichtige Punkte spielen. Er sagt: «Du fühlst dich völlig fehl am Platz, wenn du in einem anderen Land liegst.»

Mittendrin

«Jökullinn logar – Wie ein Vulkan» ist ein wunderbarer Film, der während 90 Minuten Einblick in das Innenleben der isländischen Nationalmannschaft gibt. Regisseur Sævar Guðmundsson und seine Crew haben das Team auf dem langen Weg nach Frankreich begleitet und schildern eindrücklich die Eruptionen von Freude und Stolz, als sich Island erstmals für ein grosses Turnier, die EM 2016, qualifiziert.

Die Kamera durfte so hautnah heran, dass ein Gemälde entstand, das manchmal tief berührt, manchmal voller Humor ist. Und, sparsam eingefügt, fantastische Landschaftsbilder zeigt.

Der isländischen Seele auf der Spur

Die 4. Fussballlichtspiele St. Gallen haben den Vorabend der Nations-League-Partie Schweiz gegen Island dem Gastland nahe des Polarkreises gewidmet. Zu sehen waren im früheren Kino Tiffany neben «Wie ein Vulkan» der Kurzfilm «Out of Nowhere» sowie der brandneue Dokumentarfilm «Last Call». Dieser versucht in spannenden Gesprächen, unter anderem mit drei isländischen Fussballern, der Seele des Inselstaates auf die Spur zu kommen.

Natürlich wäre es cool gewesen, wenn neben den anwesenden Filmregisseuren auch die Helden der Leinwand auf eine Plauderstunde vorbeigeschaut hätten. Doch es ist nachvollziehbar, dass sie sich 24 Stunden vor ihrem Auftritt in St. Gallen nicht blicken liessen. Am Morgen hatten sie im Kybunpark trainiert und von jenen, die in den Filmen Hauptrollen innehaben, waren erstaunlich viele dabei.

Vom Feld in die Zahnarztpraxis

Wie der frühere Basler Birkir Bjarnason von Aston Villa, Superstar Gylfi Sigurdsson von Everton und Halldorsson von Karabach. Trainer Heimir Hallgrímsson allerdings hatte nach der WM seinen Rücktritt erklärt und arbeitet nun wieder in seiner Zahnarztpraxis. Nach den Spielen gegen Argentinien (1:1), Nigeria (0:2) und Kroatien (1:2) hatte er gesagt: «Ich bin zwar von den Ergebnissen enttäuscht, aber stolz, aus welchem Holz wir geschnitzt sind.»

Neuer Nationalcoach ist Erik Hamrén. Mit dessen Verpflichtung ist die Hoffnung verbunden, er könne in die Fussstapfen von Landsmann Lars Lagerbäck treten, der zusammen mit Hallgrimsson für das isländische EM-Wunder gesorgt hatte. «Mein Ziel ist es, das Team weiterzuentwickeln. Mit jener Mentalität, die es schon lange an den Tag legt», sagt Hamrén.

Obwohl die Isländer bei der WM einen Schnitt von über 29 Jahren aufwiesen, trat mit Olafur Skulason nur ein Spieler zurück. Fehlen werden heute verletzungshalber Alfred Finnbogason (Augsburg) sowie Hallfredsson (Frosinone) und Aron Gunnarsson (Cardiff), der durch seine weiten Einwürfe bekannt geworden ist.