Es wird seriös trainiert an diesem Nachmittag. Drei Tage vor dem Heimspiel gegen Meister Basel bereiten sich der Trainer und die Spieler des FC Zürich auf eine schwierige Aufgabe vor. Ihre Mienen sind ernst, das 0:4 in Thun 72 Stunden zuvor steckt noch zu sehr in ihnen drin, um bereits wieder Spass an der Arbeit zu haben.

Es wird weder geflachst noch werden Sprüche geklopft; die Spieler sind bemüht, keine Fehler zu machen, um ihren Vorgesetzten Sami Hyypiä nicht noch mehr zu enttäuschen. Während einer Stunde ist die Stimme des Finnen das Einzige, was die Trainingseinheit akustisch hergibt.

Der Beobachter fragt sich: Ist das nun einfach die perfekte Fokussierung der Spieler, die endlich begriffen haben, in welch diffiziler Situation sie sich befinden, auf ihren Beruf? Die nach dem Debakel im Berner Oberland wie ihr Trainer nichts schöngeredet und sich sogar bei den Fans für ihre Nullleistung entschuldigt haben. Oder sind sie vielleicht gar nicht konzentriert, sondern nur bedrückt?

Bar jeglichen Selbstvertrauens und fast schon gelähmt? Haben einfach Angst, Teil einer Mannschaft zu werden, die nach dem Aufstieg vor 26 Jahren in die zweite Spielklasse zurückmuss? Haben der Trainer und die Spieler an diesem Nachmittag auch nur einmal gelacht? Zwei Tage später wird Hyypiä einen Satz sagen, der so gar nicht dazu passen will: «Wir müssen positiv bleiben.»

Zu viel Distanz?

Hyypiä verfolgt das Training auf der Allmend Brunau aus einer sicheren Distanz, die Arme entweder über der Brust verschränkt oder hinter dem Rücken versteckt. Symbolisiert dies die Distanz, die zwischen dem Team und ihrem Trainer besteht? Oder wird damit nur etwas in eine soziale Beziehung hineininterpretiert, weil eine solche Erkenntnis gut zur sportlichen Misere passen würde?

Es scheint, dass die Mannschaft mit dem einstigen grossen Spieler des FC Liverpool nicht warm wird. Gut möglich, dass Hyypiä ganz einfach seines Selbstverständnisses wegen zu hohe Ansprüche an seine Spieler stellt. «Wenn ich, wie in Thun, keine Passsicherheit habe, übe ich nach dem Training 20 Minuten lang Pässe», sagt Hyypiä.

Das aber täten seine Spieler zu wenig. Wahrscheinlich bräuchten sie einen Trainer, der nicht so sehr auf Eigenverantwortung setzt, sondern sie mit Streicheleinheiten und Motivationsspritzen versorgt. Keinen Eisblock also, sondern einen, der Feuer macht.

Erreicht Sami Hyypiä seine Spieler noch?

Erreicht Sami Hyypiä seine Spieler noch?



Am Ende des Trainings spricht Hyypiä mindestens eine Viertelstunde mit Cédric Brunner. Aus der Distanz ist gut zu erkennen, dass der einstige Weltklasseverteidiger dem jungen FCZ-Abwehrspieler einiges aus der eigenen Erfahrung weitergeben will. Aber auch aus der Distanz ist die Distanz zu sehen, die zwischen dem Trainer und dem Spieler besteht.

Vielleicht ist es für Hyypiä schwierig, empathisch zu sein, einen Spieler auch mal in den Arm zu nehmen und ihm Nähe zu geben. Zu signalisieren: Hey, wir sitzen doch alle im selben Boot. «Ich habe heute kein Team gesehen», hat Hyypiä in Thun gesagt. Teambildung jedoch gehört zu den Pflichten eines Trainers.

Emotionales Vakuum

Wer Hyypiä in seiner Zeit bei Bayer Leverkusen journalistisch begleitet hat, dem sind ähnliche Dinge aufgefallen, wie jenen, die es jetzt mit ihm zu tun haben. Es heisst aus Deutschland, der vormalige Schweiger habe bewusst an seinen sprachlichen Defiziten gearbeitet und sich im kommunikativen Bereich zwar verbessert, eine gewisse Distanziertheit sei aber geblieben. Vielleicht könnte man, etwas überspitzt, von einem emotionalen Vakuum sprechen. Auch, weil Hyypiä keine Assistenten hat, welche es ausfüllen.

Sami Hyypiä als Trainer bei Bayer 04 Leverkusen.

Sami Hyypiä als Trainer bei Bayer 04 Leverkusen.



Hyypiä sagt, er frage sich manchmal, ob er vielleicht zu viel mit seinen Spielern spreche. Er komme sich seltsam vor, ihnen jeden Tag dasselbe sagen zu müssen; aus Angst, sie könnten es sonst sofort wieder vergessen. Er vermisst die Gewinnermentalität und sagt, was er darunter versteht: «Die Bereitschaft, alles, was man hat, aus Körper und Geist herauszuholen.»

Nicht, dass er damit die ganze Verantwortung für die schlechten Ergebnisse der Rückrunde – drei Siege, vier Unentschieden, sechs Niederlagen – auf die Mannschaft abschieben will. «Ich bin sehr selbstkritisch. Ich mache Fehler, spreche aber nicht darüber», sagt Hyypiä.

Ob er denke, seine Spieler noch zu erreichen, wird der 42-Jährige gefragt. «Wäre dies nicht der Fall, dann wäre ich nicht mehr hier», sagt Hyypiä.