Im Jubel über den historischen Finaleinzug der Kroaten schnappte sich Mario Mandzukic von mitgereisten Fans im Luschniki-Stadion eine kroatische Fahne. Nicht irgendeine Fahne. Der Siegtorschütze in der Verlängerung gegen England wollte jene, auf der «Slav Brod» stand. Die Abkürzung für Mandzukics Heimatort Slavonski Brod. Er, der 32-jährige Stürmer, der immer wieder abgeschoben wurde, erinnert sich in seinem grössten Erfolg an seine Heimat.

Als Kind war er aus Slavonski Brod nach Deutschland geflohen, vier Jahre später musste er mit seiner Familie zurück. Als Fussballprofi kam er zurück, wurde aber wieder abgeschoben, wenn auch auf eine andere Art. Bei den Bayern wurde ihm Robert Lewandowski vor die Nase gesetzt, er wechselte zu Atlético Madrid. Und dort holte man ein Jahr später den verlorenen Sohn Fernando Torres zurück, für Mandzukic blieb kein Platz.

Und nun droht sich die Geschichte für Mandzukic bei seinem aktuellen Verein Juventus Turin zu wiederholen. Während er sich mit Kroatien auf das Halbfinal vorbereitete, hat sein Verein Cristiano Ronaldo verpflichtet. Erste Gerüchte, wonach Mandzukic nach der WM zu Dortmund wechseln soll, machen bereits die Runde. Mandzukic äussert sich im Moment zu nichts, er lief nach dem Spiel an den Reportern vorbei.

Perisics spezielles Verhältnis

Mandzukic ist Teil eines kroatischen Offensivtrios, das so unberechenbar ist. Dazu gehört auch Ivan Perisic. Sein Ausgleich hauchte im Halbfinal gegen England den Kroaten neues Leben ein, und das Siegtor in der Verlängerung durch Mandzukic bereitete Perisic mit dem Kopf vor. Verdient wurde er zum Mann des Spiels gewählt. «Keiner könnte glücklicher sein als ich, gegen Frankreich im Final zu spielen», sagte Perisic im Hinblick auf das Endspiel am Sonntag.

Für ihn ist das Aufeinandertreffen mit dem Weltmeister von 1998 aussergewöhnlich. Als 17-Jähriger verbrachte er zwei Jahre in Sochaux – aus familiären Gründen. Darüber sprechen will er nicht. Laut Medienberichten stand die Hühnerfarm seins Vaters in Kroatien vor der Pleite. Der Sohn sollte als Fussballprofi Geld besorgen – und wurde nach Frankreich geschickt. Später machte Perisic seinen Weg über Brügge in die Bundesliga zu Dortmund und Wolfsburg, heute spielt er bei Inter Mailand.

Ivan Perisic: Er war der Mann des Spiels gegen England.

  

Dass es nicht zu einem noch grösseren Verein reichte, liegt wohl vor allem daran, dass Perisic keine klare Stärke besitzt. Er ist schnell, aber kein Kylian Mbappé, er ist abschlussstark, aber kein Harry Kane, er ist technisch gut und beidfüssig, aber kein Neymar. Er zählt in allem zu den Besten, ist aber nicht der Beste. Deshalb wird er von vielen unterschätzt. Als Manchester United an einer Verpflichtung Perisics interessiert war, staunte der englische Boulevard. Ein Jahr später dürften die englischen Journalisten um dessen hohe Qualität wissen.

Märchenhafter Aufstieg

Und dann ist da noch der Dritte des Offensivtrios, das Kroatien so unberechenbar macht: Ante Rebic. Auch im Halbfinal gegen England zeigt er, welche Qualitäten in ihm stecken. Zum Abschluss der Saison hatte der 24-jährige Flügelspieler von Eintracht Frankfurt seinen Verein mit einem Doppelpack im Final zum Cupsieg geschossen, ehe er mit starken Auftritten in den Testspielen vor der WM einen Stammplatz im kroatischen Team erkämpfen konnte. Dabei hatte er in der gesamten WM-Qualifikation nur zwanzig Minuten gespielt.

Ante Rebic: Einen Stammplatz erkämpft, obwohl er in der gesamten WM-Qualifikation nur zwanzig Minuten gespielt hatte.

  

Nun ist er aber an der WM in Topform. Dass Eintracht Frankfurt ihn wohl nicht halten kann, scheint klar. Allen voran Bayern München mit dem ehemaligen Frankfurt-Trainer Niko Kovac hat die Fühler ausgestreckt. Zuletzt riet selbst der kroatische Assistenztrainer Ivica Olic Rebic zu einem Wechsel zu den Bayern.

Das ist aber Zukunftsmusik. Rebic will zuerst noch am Sonntag Weltmeister werden. Es wäre die endgültige Galavorstellung der Unterschätzten.