Es war nach Raphael Wickys letztem Spiel als FCB-Trainer, als Sportchef Marco Streller ein weiteres Mal bekräftigte: «Wenn alle fit und gesund sind, ist unser Kader stark genug, alle unseren gesteckten Ziele zu erreichen.» Zur Erinnerung: Oberste Priorität hat die Rückeroberung des Meistertitels, daneben strebt man auch einen Cupsieg und das europäische Überwintern an. Keine 24 Stunden später war Wicky Geschichte und der FCB auf Trainersuche.

Und man äusserte erstmals leise Selbstkritik in Bezug auf das Konzept. Kader verkleinern, verjüngern, verbaslern – mit dieser Devise waren sie im Frühjahr 2017 angetreten. Nach dem mageren 1:1 gegen Xamax gab Sportchef Streller dann zu Protokoll, dass man künftig pragmatisch sein müsse. Denn irgendwie schmeckt ein zweiter Platz halt immer ein bisschen bitterer als ein erster – unabhängig davon, wie viele Campus-Spieler nun auf dem Platz stehen.

Reicht das, um YB vom Thron zu stürzen?

Mit Marcel Koller nahm man dann einen Trainer unter Vertrag, der «Ruhe in den Klub bringen» sollte. Das hat er. Seit Koller da ist, hat der FCB sechsmal gewonnen und zuletzt gegen den FCZ im Klassiker Unentschieden gespielt. Der FCB hat zwar phasenweise das Spiel kontrolliert, aber immer wieder kamen die Basler ins Rudern. Und das gegen eine Mannschaft, die ihre zwei besten Torschützen in den letzten Wochen verloren hat.

Ob das reicht, um ein bisher praktisch unverändertes Meisterteam von YB abzufangen?

Marcel Koller wiegelt ab. Man sei erst drei Wochen am Arbeiten, er beklagt viele Verletzte, spricht von Jungen, die noch Zeit bräuchten. Die Frage nach dem Kader? «Die kann ich nicht beantworten», sagt Koller. Streller meinte zwar bei der Präsentation von Koller schon, dass man das Kader analysieren müsse. Vermutlich auch, weil die sportliche Führung Koller schon zu diesem Zeitpunkt zwei Spieler zugesichert hatte, wie der «Tagesanzeiger» schrieb.

Mit Carlos Zambrano (29) ist ein Innenverteidiger schon verpflichtet worden. Ein Stürmer soll noch kommen, denn Koller sieht Van Wolfswinkel, Oberlin und Kalulu eher als Flügel. Und mit Afimico Pululu als Backup von Albian Ajeti wird er sich nicht begnügen. Zuletzt hat man Tomi Juric mit dem FCB in Verbindung gebracht. 

Wicky hätte sich das nie erlauben können

Wicky hätte sich ähnliche Äusserungen zum Kader nicht erlauben können. Sofort hätte man an seiner Loyalität gezweifelt. Koller dagegen darf das. Denn er kam zu einem Zeitpunkt, zu dem der FCB vor lauter verkleinern, verjüngern und verbaslern nicht mehr wirklich wusste, wer oder was er überhaupt ist. Das Selbstverständnis war noch immer das eines Serienmeisters, die Resultate aber zeigten etwas anderes. Darum hiess es: Captain Koller, übernehmen Sie!

Die Hierarchien haben sich seither gehörig verändert. Seit Koller da ist, war der Rest der sportlichen Leitung kaum mehr öffentlich aufgetreten. Sportchef Marco Streller, COO Roland Heri, Kaderplaner Remo Gaugler und selbst Präsident Bernhard Burgener sind quasi von der Bildfläche verschwunden. Koller ist da, der starke Mann, der Retter vielleicht.

Jetzt bestimmt Koller – nicht das Konzept

Wenn er das sein soll, das ist nach seiner Aussage auch klar, dann braucht er noch weitere Verstärkungen, dann werden zwei kaum genügen. Nicht mit so vielen Verletzten. Denn Koller kennt die hohen Ziele. Und er zweifelt daran, dass er diese mit diesem Kader erreichen kann. Das FCB-Kader dürfte künftig wieder ein bisschen grösser, älter und ein bisschen weniger baslerisch sein. Darauf wenigstens deutet die Verpflichtung von Zambrano an. Denn hätte man getreu dem Konzept gehandelt, wäre auch ein Timm Klose eine Möglichkeit gewesen. Aber jetzt zählt Kollers Wort - nicht das Konzept.