Die Bälle fliegen ans Gitter. Die Bälle fliegen ins Tor. Es wird gelacht. Es wird geflucht. Je nachdem, wie der Versuch gerade gelungen ist. Es ist Abend geworden in Freienbach, das erste Training der Schweizer Nationalmannschaft seit der WM neigt sich dem Ende zu. Nationaltrainer Vladimir Petkovic schaut zufrieden zu. Auch die Spieler sind entspannt. Manche sind erstmals dabei wie Mbabu oder Ajeti. Manche sind wieder dabei wie Mehmedi oder Klose. Und manche, wie Behrami, fehlen für immer.

Valon Behrami (rechts) wird der Schweizer Nati immer fehlen – auch in Zukunft.

  

Die Sommerferien sind vorbei, der Nati-Alltag ist zurück. Und doch ist vieles anders seit diesen Krisen-Monaten. Seit kurzem ist klar, dass dieses Team nicht alleine unterwegs ist, wenn es Ende Woche in die Nations League startet. Es wird verfolgt von einer Art Schatten – die Ex-FCB-Führungscrew um Bernhard Heusler und Georg Heitz wird so schnell wie möglich einen Untersuchungsbericht vorlegen und aufzeigen, was alles genau falsch gelaufen ist.

Aber das ist weit weg an diesem Montag. Diesen Eindruck muss jedenfalls bekommen, wer Peter Gilliéron und Claudio Sulser beim Reden zuhört. Am liebsten erwähnen der Präsident des Fussballverbands und der Delegierte des Nationalteams zwei Dinge: den grossen sportlichen Erfolg, den dieses Schweizer Team in den letzten Jahren hatte. Und die grosse Freude des Wiedersehens, die jeder Nationalspieler verströmt habe. Andere Themen werden dafür gerne ausgeblendet.

Die Captain-Frage

Dabei geht es im Kern an diesem Montag vor allem um eines: Wie gelingt es, die Scherben nach Doppeladler-Debatte, Doppelbürger-Affäre und Rücktritten zusammenzuflicken? Eine erste Aussprache zwischen Führung und Team hat stattgefunden. «Es war ein gutes Gespräch», sagt Gilliéron. Und betont, dass es eben ein Gespräch und nicht etwa eine Art Vorlesung war, die er gehalten hat. Gilliéron hat sich vor der Mannschaft entschuldigt für die Aussagen von Ex-Generalsekretär Alex Miescher, der fragte, ob die Schweiz künftig auf Doppelbürger verzichten wolle. «Wir haben Freude an allen Spielern!», sagt Gilliéron. Warum er den Gedankenanstoss von Miescher nicht frühzeitig stoppte, wird trotzdem für immer sein Geheimnis bleiben.

«Es war ein gutes Gespräch», sagt Gilliéron. Und betont, dass es eben ein Gespräch und nicht etwa eine Art Vorlesung war, die er gehalten hat.

  

Derweil reflektiert Sulser ausführlich die Beziehung des Schweizervolks zu seiner Nationalmannschaft. «Mich stört der Realitätsverlust. Man kann Polen oder Schweden beim besten Willen nicht als schwache Gegner bezeichnen.» Die Zwischentöne, die mitschwingen: Ein Ausscheiden in einem WM-Achtelfinal ist für ein Land wie die Schweiz gleichwohl ein Erfolg. Was Sulser verschweigt: Dass es nicht die Niederlage an sich war, die zu denken gab, sondern die Art und Weise. Da war eine Schweiz ohne Lust und Leidenschaft am Werk. Und ein Trainer, der nichts dagegen zu unternehmen vermochte. Sulser aber sagt: «Was bei uns Schweizern fehlt, ist der Stolz für die eigene Mannschaft.»

Yann Sommer als neuer Captain?

Stolz. Immer wieder geht es um dieses eine Wort. Auch bei der sich anbahnenden Captain-Frage. Der Boulevard hat sich nach dem Rücktritt von Behrami und der sich anbahnenden geringeren Rolle von Stephan Lichtsteiner schon mal gegen Granit Xhaka gestellt und portiert Yann Sommer. Gilliéron und Sulser weichen auch dieser Diskussion geschickt aus – «das ist eine Entscheidung des Trainers», sagen sie unisono. Überhaupt mögen sie sich nicht mehr mit Geschichten wie jener des Doppeladlers beschäftigen. Die Laune wird auch nach wiederholter Nachfrage nicht besser. Auf die Bemerkung eines Journalisten, es werde um den heissen Brei herumgeredet, entgegnet Gilliéron flapsig: «Manchmal werde ich das Gefühl nicht los, es werde um den heissen Brei herumgeschrieben.» Was auch immer er damit meinte.

Falls Stephan Lichtsteiner nicht mehr Captain sein wird, dürfte die Nummer 1, Yann Sommer, gute Karten haben diesen zu beerben.

    

Am Abend dislozierte der Nati-Tross nach Affoltern am Albis, wo die Ehrungen der Swiss Football Awards 2018 stattfanden. Zumindest da wurde der Verband von einer unangenehmen Nachricht verschont. Als Spieler des Jahres wurde nämlich Yann Sommer (siehe Text unten) ausgezeichnet – und nicht etwa der zurückgetretene Valon Behrami, der ebenfalls nominiert war. So bleibt Nationaltrainer Vladimir Petkovic zumindest erspart, dass er noch einmal ausführlich über den Rücktritt des ehemaligen Teamleaders reden muss.