Es gibt wichtige Personen im Schweizer Profifussball, für die das beliebte Partyspiel als Synonym für die Challenge League gilt: Jeden Sommer startet die zweithöchste Spielklasse mit zehn Mannschaften in die Saison. Sorgen, sportlich abzusteigen, muss sich keine machen. Denn im Verlauf der Saison wird es sowieso irgendeinen Klub «lüpfe». Sprich: Geht entweder ein Klub Konkurs, erhält die Lizenz nicht oder verzichtet freiwillig auf Letztere. Fünfmal in den sechs Saisons seit der Verkleinerung der Challenge League im Jahr 2012 von 16 auf 10 Teams ist es so geschehen.

In dieser Saison hat es den FC Wohlen getroffen. Das Challenge-League-Urgestein, seit 2002 ununterbrochen dabei, wird sich Ende Juni 2018 aus dem Profifussball verabschieden. Die Verantwortlichen im aargauischen Freiamt wollen und können die Auflagen für die Infrastruktur nicht mehr erfüllen. Nach den Zwangsabstiegen von Bellinzona (2013), Servette (2015) und Biel (2016), die noch als Folgen von Dilettantismus der Klubführung abgetan werden konnten, verlässt nach Le Mont (2017) nun zum zweiten Mal hintereinander ein Klub freiwillig die Profibühne.

Mieses Wetter, miese Stimmung: Die Spieler des FC Wohlen müssen trainieren und sich gleichzeitig mit der Angst um die Zukunft der eigenen Existenz herumschlagen.

Mieses Wetter, miese Stimmung: Die Spieler des FC Wohlen müssen trainieren und sich gleichzeitig mit der Angst um die Zukunft der eigenen Existenz herumschlagen.

Die 2012 als Musterlösung angepriesene Reduktion der Challenge League auf zehn Mannschaften, verbunden mit einem buchdicken Auflagenkatalog, sollte die schwarzen Schafe aus dem Profifussball verscheuchen und die Liga strukturell näher an die Super League heranführen. Gute Ideen, deren Umsetzung jedoch krachend scheiterten. Absurd wurde es im Vorfeld der laufenden Saison: Der FC Wohlen erhielt die Lizenz, obwohl er die Anforderungen an die Stadion-Beleuchtung nicht erfüllen konnte. Die Lizenz gab es nur, weil die Swiss Football League (SFL), die Dachorganisation der 20 Profiklubs, nach dem freiwilligen Abstieg von Le Mont nicht noch einen zweiten zuverlässigen Klub verlieren wollte.

Ähnliches droht auch in diesem Frühling: Der FC Wil muss die Stadion-Beleuchtung aufrüsten. Doch es sind Einsprachen gegen das Baugesuch eingegangen. Zum Start der Saison 2018/19 im Juli, heisst es aus Wil, werde die Sanierung der Lichtanlage nicht einmal begonnen haben. Mit Rapperswil-Jona und dem FC Chiasso gibt es kurzfristig weitere Wackelkandidaten. Alle drei Klubs streng nach Reglement verbannen kann die SFL nicht.

Denn mit dem SC Kriens und Stade Nyonnais werden Stand heute nur zwei unterklassige Klubs die Lizenz für die Challenge League beantragen, und die sind wegen Infrastruktur-Mängeln erst noch auf Ausnahmebewilligungen angewiesen. Was passiert auf Dauer mit dem FC Schaffhausen, wenn die Auslastung des neuen Stadions mit gut 1000 Zuschauern weiterhin so tief bleibt und die Unterhaltskosten den Klub auffressen? Wie geht es mit dem FC Aarau weiter, wenn die Stadionträume endgültig platzen?

Zusammengefasst: Der sportliche Wettbewerb ist ausgehebelt. Die SFL muss froh sein, überhaupt zehn Klubs zu finden, die einigermassen die Lizenzvorgaben erfüllen.
Quo vadis Challenge League? Was tun, um die Pleiteliga wieder attraktiv zu gestalten? Die «Schweiz am Wochenende» hat nachgefragt beim FC Winterthur, neben Wohlen das Challenge-League-Urgestein, das sich 2012 ebenfalls gegen die Ligaverkleinerung wehrte. Und Werner Baumgartner, Präsident des SC Kriens. Die Innerschweizer sind neben Stade Nyonnais einer von zwei Anwärtern für den Aufstieg aus der Promotion League.

«Die einzelnen Klub pflegen nur ihre Gärtchen»

Andreas Mösli, Geschäftsführer FC Winterthur: «Uns haben Fans angefragt, ob sie die Hälfte des Geldes für die Saisonkarte zurückhaben dürfen – in der Rückrunde gehe es ja um nichts mehr. Das kann nicht sein. Dagegen könnte die Regel helfen, dass es in jedem Fall einen sportlichen Absteiger aus der Challenge League gibt. Grundsätzlich stelle ich das Lizenzierungsverfahren infrage: Es ist gut gemeint, schiesst aber übers Ziel hinaus. Warum nicht den Auflagenkatalog bis auf ein paar Ausnahmen abschaffen und dafür die Klubs individueller behandeln? Mit finanzieller Belohnung für jene, die höhere Auflagen erfüllen.

Der Geschäftsführer des FC Winterthur: Andreas Mösli

Der Geschäftsführer des FC Winterthur: Andreas Mösli

Die Spannbreite innerhalb der 20 Profiklubs ist zu gross, um etwa punkto Sicherheit alle gleich zu behandeln. Fragwürdig finde ich, dass die Präsidenten der 20 Profiklubs einerseits jammern über die sinkenden Zuschauerzahlen und das wenige TV-Geld, dann aber aus Angst um die eigenen Pfründe die Reformpläne für ein attraktiveres Produkt bachab schicken. Ein Problem des Entscheidungssystems: Nur die Vereine selber können Veränderungen beschliessen, die SFL führt die Vorgaben aus. Aber es ist klar: So weitergehen kann es nicht, das haben hoffentlich alle begriffen.»

«Die Challenge League wird sich der Realität anpassen»

Werner Baumgartner, Präsident SC Kriens: «Als ich vom freiwilligen Abstieg des FC Wohlen erfahren habe, gab mir das zu denken. Wenn Wohlen das nicht schafft, wie dann wir? Wenn wir den Aufstieg in die Challenge League schaffen, wird das Budget für die erste Mannschaft unter zwei Millionen Franken betragen.

Wir bauen keine Luftschlösser und bleiben unserer gesunden Strategie treu. Trotzdem hätte ein Aufstieg einen finanziellen Kraftakt zur Folge, so müssten wir etwa die Zusatzauflagen bei der neuen Flutlichtanlage durch den Verein bereitstellen. Wenn die SFL darauf verweist, sie führe die von den Klubs beschlossenen Reglemente nur aus, ist mir das zu einfach: In schwierigen Zeiten wie jetzt ist es die Aufgabe einer solchen Dachorganisation, Lösungswege aus der Krise aufzuzeigen.

Die Klubs in der Challenge League leben vom Ehrenamt und der Grosszügigkeit der Sponsoren. Doch die hohen Lizenzauflagen zwängen die Klubs in ein Korsett, die Lust an der Freiwilligenarbeit geht zunehmend verloren. Wir in Kriens bleiben unserer Strategie treu und sind überzeugt: Die Challenge League wird sich der Realität anpassen müssen. Wenn nicht, gehen wir halt wieder zurück in den Amateurfussball.»