Raphael Wicky, nach der Achtelfinal-Qualifikation in der Champions League wirkten Sie etwa so euphorisch, als hätten Sie eben gegen Lausanne gewonnen und meinten, Sie hätten eben verzögerte Emotionen. Haben Sie unterdessen realisiert, was Sie erreicht haben?

Raphael Wicky: (lacht). Ja, solche Dinge dauern bei mir halt einfach ein bisschen länger. Als ich dann all die Grafiken sah mit den Wappen der anderen Klubs, die sich für den Achtelfinal qualifiziert haben, ist mir schon bewusst geworden, dass wir etwas sehr Spezielles erreicht haben. Es ist nicht so, dass ich keine Emotionen hätte. Ich habe ja am Tag nach dem Spiel gesagt, dass ich extrem stolz bin auf das Team und den Staff.

Wann genau kam die Freude bei Ihnen an?

Schon im Verlauf des Abends kam sie langsam auf und sie wurde während der folgenden Tage immer intensiver. Ich brauche einfach ein bisschen Zeit, bis es wirklich ankommt. Aber in den ersten Minuten und Stunden danach geht es bei mir weder «embrüf» noch bin ich «down».

Was hat Sie denn in den ersten Monaten am meisten gefreut?

Die Entwicklung der Mannschaft. Sie war auf einem Top-Niveau, als wir sie im Sommer übernommen hatten. Aber dann gab es viele Wechsel und Neuerungen. Wenn ich sehe, wie stabil wir als Team unterdessen sind, dann macht das schon sehr viel Freude. Zu sehen, wie das Vertrauen ineinander – auch in uns als Trainerteam – wächst, gehört da auch dazu.

Und die grösste Enttäuschung?

Enttäuschung? Ich würde nicht von Enttäuschung sprechen. Aber natürlich war ich unzufrieden, in der Zeit, in der wir unsere Spiele nicht gewinnen konnten.

Ihre Spieler haben Sie nie enttäuscht?

Schauen Sie, wenn ein Spieler einen Fehler macht, wie beispielsweise Marek Suchy, als er gegen Lausanne Rot bekommt und der darauffolgende Freistoss ins Kreuz geht, dann kann ich doch nicht enttäuscht sein von ihm. Er macht das ja nicht mit Absicht. Ich weiss ja auch, dass ich nicht fehlerlos bin. Als Trainer bin ich im Profibetrieb ein Neuling. Ich habe die Aufgabe angenommen, weil ich überzeugt bin von mir. Aber auch ich muss meine Erfahrungen machen, lernen.

Raphael Wicky engagiert an der Seitenlinie.

Raphael Wicky engagiert an der Seitenlinie.

Was haben Sie gelernt?

Dass man ruhig bleiben muss, egal, was gerade läuft. Man muss an das glauben, was man macht. Ich hätte auf die schwierige Startphase verzichten können, aber man lernt extrem viel in solchen Momenten. Man hinterfragt vielmehr, als wenn alles rund läuft. Wir haben die Köpfe zusammengesteckt, aber wir haben nicht alles auf den Kopf gestellt. Ich habe mich in der Phase nicht grundsätzlich verändert, wurde nicht plötzlich viel strenger. Wir haben kleine Dinge angepasst, das ja. Ruhig bleiben und weitermachen, das hat funktioniert. Diese Erfahrung ist viel wert. Denn ich werde wieder solche Phasen erleben – vielleicht hier, vielleicht anderswo.

Hatten Sie nie Zweifel?

Man hinterfragt sich als Trainer jeden Tag. Noch mehr, wenn man zwei, drei Mal in Folge nicht gewinnt. Ich sass mit dem Staff zusammen. Wir fragten uns: Machen wir alles richtig? Was können wir besser machen? Aber das sind meines Erachtens nicht Zweifel, es ist die Grundlage, um besser zu werden.

Welche Feinjustierungen haben Sie vorgenommen?

Nicht wahnsinnig viel. Nehmen wir den Match gegen Lausanne. Wir haben dort sicher nicht mit letzter Konsequenz verteidigt. Das haben wir angesprochen, aber deswegen müssen wir nicht unser ganzes Defensivverhalten infrage stellen. Denn Lausanne hatte ja nicht viele Möglichkeiten. Und gegen Lugano war es ähnlich. Sonst hätte Tomi (Goalie Tomas Vaclik; die Red.) viel mehr zu tun gehabt. Es ging nur um die Konsequenz des Verteidigens.

Also betonten Sie, dass es nur über den Kampf gehe?

Ja. Mir war klar, dass das Spiel gegen den FCZ eine reine Kopfsache ist. Wir wussten, dass es viele Zweikämpfe geben wird. Da geht es nicht um Schönspielerei. Darum habe ich das in den Teamsitzungen immer wieder betont.

Hatten Sie in dieser Phase auch schwierige Gespräche?

Die hatte ich nicht nur damals, die habe ich fortlaufend. Für mich ist es mit das Schwierigste, wenn ich einem Spieler mitteilen muss, dass er nicht im Kader ist. Wenn du einen triftigen Grund hast, ist es einfacher. Aber wenn alle gut trainieren und du keine Verletzten hast, dann ist es einfach nur hart. Man muss es so emotionslos angehen wie möglich. Es ist Teil des Jobs, das wusste ich ja aus meiner Arbeit im Nachwuchs.

Wird es nicht einfacher mit der Zeit?

Es ist einfach anderes. In Genf habe ich Kinder trainiert. Zum Beispiel Dereck Kutesa (derzeit vom FC Basel an Luzern ausgeliehen; die Red.). Auch damals konnte ich nicht jeden mitnehmen. Das musste ich ihnen dann sagen und es gab auch mal Tränen. Das war eine gute Schule. Aber bei Profis ist es noch einmal anders. Das sind erwachsene Menschen, sie haben ein Ego und vielleicht schon 250 Spiele auf diesem Niveau absolviert. Das ist schon hart. Trotzdem habe ich versucht, es relativ direkt und offen zu sagen.

Sie wirken immer so gefasst. Wurden Sie mal so richtig laut?

(Überlegt lange) Selten. Vielleicht zwei oder drei Mal. Sicher nach dem Spiel in Sion. Aber man muss nicht laut werden, um Emotionen rüberzubringen. Das funktioniert sowieso nur beschränkt. Es läuft sich tot, wenn man immer nur herumschreit und an den Kampf appelliert. Die Spieler brauchen in der Pause konstruktive Lösungsansätze.

Fällt Ihnen das denn gar nicht schwer, cool zu bleiben in einem so emotionsgeladenen Sport?

Vielleicht helfen da die verzögerten Emotionen (lacht). Im Ernst, ich ertrage es nicht, wenn jemand nicht alles gibt, nicht immer für die Mannschaft arbeitet, egoistisch ist oder sich nicht voll einsetzt. Dann steigt bei mir der Puls, dann werde ich emotional.

Diesen Eindruck hatten Sie in dieser ersten Saisonhälfte nie?

Beim 1:2 in St. Gallen habe ich der Mannschaft in der Pause gesagt, dass wir nicht über Taktik sprechen müssen, wenn wir jeden Zweikampf verlieren und wir uns von ihnen auffressen lassen. Aber dazu muss man nicht herumschreien.

Haben Sie das immer so gemacht oder haben Sie sich und Ihre Art angepasst, seit Sie die Verantwortung haben beim FCB?

Das ist für mich schwer zu beurteilen. Aber ich arbeite in einem Team, kriege regelmässig Feedback von meinen Leuten. Am Anfang war ich sicher angespannter, das ist logisch. Aber mit der Zeit spielte sich auch bei uns im Staff alles ein, es lief immer geölter. Es kann schon sein, dass ich noch selbstsicherer und noch ruhiger wurde.

Wer gibt Ihnen ein Feedback?

Ich arbeite auch mit unserem Sportpsychologen, mit Alain Meyer, zusammen. Das habe ich schon im Nachwuchs gemacht. Ich liege dann aber nicht auf einer Couch und er fragt mich aus. Wir trinken einen Kaffee oder gehen essen. Zudem habe ich ein paar Leute in meinem engeren Umfeld, die mir Rückmeldungen geben. Da geht es nicht um Taktik, sondern darum, wie ich auftrete.

Hat sich Ihr Alltag eigentlich stark verändert?

Die Wochenstruktur hat sich verändert. Im Nachwuchs konnte ich montags, mittwochs und freitags am Morgen von zu Hause aus arbeiten. Jetzt bin ich eigentlich immer so gegen 7 Uhr im Büro. In den englischen Wochen ab September wird es sehr intensiv, zeitaufwendig und unregelmässig. Mit dem Druck, der Emotionsbewältigung – das macht es schon sehr streng, aber überrascht hat es mich nicht.

Wie stark hat Sie das erste Halbjahr beansprucht?

Sagen wir es so: Ich habe mich jeweils schon auf die Länderspielpausen gefreut. Nach drei, vier Wochen, in denen man durchgearbeitet hat, tut ein Wochenende ohne Druck im Kreise der Familie enorm gut.

Und wie verarbeiten Sie die Emotionen?

Das dauert bei Ihnen ja bekanntlich ein bisschen. (Lacht) Es hilft mir, wenn ich selbst Sport mache. Auch wenn das zuletzt nur selten der Fall war, weil ich mit dem Rücken Probleme hatte. Aber es hilft schon, wenn ich nach Hause komme und das Telefon weglege, keinen Fussball schaue, Zeit mit Freunden und der Familie verbringe. Ich muss einfach aus dem Tunnel raus, den Kopf freibekommen. 

Sie stehen oft unter Strom, sagen selbst, dass Sie vor Spielen nervös sind. Wie gehen Sie damit um, damit Sie diese Nervosität nicht auf das Team übertragen?

Die Nervosität war schon immer da, schon als Spieler. Diese Anspannung braucht es aber auch, sonst bin ich zu locker. Die schlimmste Phase beginnt für mich, sobald wir ins Stadion kommen bis zum Spielanpfiff. Denn die Teamsitzung mache ich meist im Hotel, in der Kabine ist die Mannschaft allein, da ist meine Arbeit eigentlich vorbei, bis ich nach dem Einlaufen noch kurz einmal zum Team spreche.

Und dazwischen tigern Sie in den Katakomben herum?

(lacht). Nein, ich beschäftige mich dann irgendwie, spreche mit irgendjemandem. Ich bin dann jeweils froh, wenn mich Andrea (Roth, FCB-Pressechefin; die Red.) holt für die Fernsehinterviews vor dem Spiel. Dann habe ich wenigstens etwas zu tun, ein bisschen Ablenkung.

Das wird in Manchester nächstes Jahr kaum anders sein.

Nein, mit Sicherheit nicht. Wir treffen auf Manchester City, eine der besten Mannschaften der Welt. Und einen überragenden Trainer.

Was bewundern Sie an Pep Guardiola?

Er ist ein Genie. Sein Fussball ist eine Augenweide. Ich kenne ihn nicht persönlich, aber ich war mit Massimo Lombardo mal in München während wir die Diplome gemacht haben. Wir waren dank Heiko Vogel während einer Woche im Nachwuchs des FC Bayern und konnten dann auch mal bei Guardiola reinschauen. Das war 2014. Deutschland war eben Weltmeister geworden. Es war beeindruckend, mit welcher Intensität er das Training leitet, mit welcher Beharrlichkeit er an kleinen Details arbeitet. Auch mit Weltmeistern.

Wie gross ist eigentlich Ihr Anteil daran, dass der FC Basel überhaupt so weit gekommen ist und nun gegen City spielen kann?

Ich habe sicher einen Anteil. Letztlich stehe ich hin und verantworte alles. Aber ich habe das nicht alleine entwickelt, ich brauche meinen Staff, die Inputs. Ohne das wäre es nicht möglich. Aber logisch, wenn wir in sechs Spielen null Punkte holen, muss ich hinstehen. Dann bin ich der Löli.

Welche Gratulation zu diesem Coup hat Sie am meisten gefreut?

Uff, das ist schwierig. Ich habe einige erhalten. Selbst aus Amerika, wo ich gespielt habe. Das hat schon grosse Wellen geworfen. Aber am meisten freut mich, wie meine Familie mitfiebert. Mein Vater und meine Mutter sind extrem stolz. Sie kommen an jeden Match, waren in Manchester und Lissabon. Auch meine Grossmutter, die Schwestern, ihre Kinder. Die waren nicht so Fussball interessiert, aber jetzt hat es sie alle gepackt.

Also wächst eine kleine FCB-Exklave in der Sion-Hochburg heran?

(lacht). Da hat es ein paar Fans, ja.