Es läuft die 57. Minute. Soeben hat Haris Seferovic den Ball zum 4:0 im isländischen Tor untergebracht. Ein lauter Jaaa-Schrei, Kollege Shaqiri im Arm, doch dann pfeift Schiedsrichter Michael Oliver und hebt den Arm.

Als Haris Seferovic das sieht, macht er das Gesicht eines hungrigen Kleinkindes, dem der Vater soeben den Löffel mit Schoko-Mousse am Mund vorbei geführt und selber gegessen hat. Offside. Kein Tor. Keine Erlösung. Statt zu jubeln, winkt Seferovic mit dem Zeigefinger in Richtung Schiedsrichter. Doch der hatte richtig entschieden.

Das Tor von Haris Seferovic mit Benfica gegen Nacional

In diesem Moment ist Seferovic wieder der Chancentod. Der Stürmer, der unter Petkovic – auch aus Mangel an Alternativen – meistens spielt und trotzdem seit über einem Jahr kein Pflichtspieltor mehr für die Schweiz geschossen hat.

In diesem Moment kommt alles wieder hoch: kaum Einsatzzeiten bei Benfica, die Pfiffe in der Barrage gegen Nordirland, die unglückliche WM in Russland. Haris Seferovic war angezählt. Schon im dritten Gruppenspiel gegen Costa Rica und im Achtelfinal gegen Schweden setzte Nati-Coach Vladimir Petkovic nicht mehr auf den Mann aus Sursee.

Blick nach vorne

«Was gewesen ist, ist gewesen.» So lautet Seferovics Standardantwort. Egal, ob es um seine persönliche Degradierung zum Ersatzspieler in Klub und Nati oder um die Doppeladler-Diskussion geht. Seferovic mag sich nicht weiter mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Der Blick geht nach vorne: «Wenn ich jetzt nicht nachlasse, kommt alles gut.»

Dieser Satz gilt in diesen Tagen auch für Seferovics Klubkarriere. Fast elf Monate lang war er bei seinem Verein Benfica Lissabon aussen vor. Seit Oktober letzten Jahres stand Seferovic in der Liga nicht mehr in der Startelf. Eingewechselt wurde er nur selten und wenn dann nur für wenige Minuten. Doch der Stürmer gibt nie auf und wird Ende August belohnt.

Das Tor von Haris Seferovic gegen Island

Im entscheidenden Champions-League-Quali-Spiel gegen Paok Saloniki (4:1) steht er plötzlich in der Anfangself. Vier Tage später setzt Benfica-Trainer Rui Vitoria gegen National Funchal (4:0) erneut auf den 26-Jährigen. Seferovic trifft zum 1:0 und bereitet das 2:0 vor.

«Ich bin froh, eine Chance bekommen und genutzt zu haben», sagt er. Noch im Sommer überlegte der Stürmer, Lissabon zu verlassen. «Klar war es eine Option, doch ich habe entschieden zu bleiben. Ich bin glücklich hier und habe ein schönes Leben.»

Die Erlösung

Auch für Seferovic sollte der Gala-Abend in St. Gallen ein Happy End bereit haben. Weil die Schweiz zu diesem Zeitpunkt gegen überforderte Isländer fast aus jedem Angriff eine Torchance macht, hat Seferovic keine Zeit, dem nicht gegebenen Treffer nachzutrauern.

Zehn Minuten nach dem Offsidegoal legt Fabian Schär den Ball mit der Hacke perfekt auf den Angreifer zurück. Seferovic schliesst überlegt und platziert ab und lässt dann die ganze Anspannung raus. Jeder Muskel seines Oberkörpers ist angespannt, beide Fäuste sind geballt. Dieser Treffer ist die lang ersehnte Erlösung und Balsam für die angeknackste Stürmer-Seele.

«Wir haben als Team geglänzt, aber jedes Tor tut mir gut», sagt Seferovic. Wie gut, zeigt der Stürmer anschliessend auf dem Feld. Nach der Einwechslung von Stossstürmer Albian Ajeti kommt er vermehrt über die rechte Seite. Eine Position, die er unter der Woche auch im Training geübt hatte und die für Trainer Petkovic auch in Zukunft eine Option ist.

«Ich bin glücklich hier und habe ein schönes Leben», meint Haris Seferovic zu seiner Arbeit in Lissabon.

«Ich bin glücklich hier und habe ein schönes Leben», meint Haris Seferovic zu seiner Arbeit in Lissabon.

Denn das Zusammenspiel zwischen Seferovic und Ajeti funktioniert hervorragend. Natürlich hat Island zu diesem Zeitpunkt bereits aufgegeben. Trotzdem: Die Schweizer Offensive kreiert Chancen im Minutentakt. In der 69. Minute schiesst Seferovic sein zweites Offside-Goal. Wieder sieht er sich fälschlicherweise im Recht.

Doch jetzt kann Seferovic darüber lachen. Zwei Minuten später legt er punktgenau für Ajeti auf, der den Ball zum 5:0 über die Linie drückt. Vom Debütanten bekommt Seferovic ein Küsschen. Doch viel wichtiger ist für ihn die Erkenntnis, nach der Chance im Klub auch die Chance in der Nati genutzt zu haben.