Pius: Franck Ribéry verspeist in Doha ein mit Blattgold paniertes Steak, während sich die Gelbwesten in seiner französischen Heimat beim Kampf für tiefere Steuern und mehr soziale Gerechtigkeit ihren Hintern abfrieren. Ich finde das so was von geschmacklos. Ribérys Bling-Bling-Gehabe ist an Dekadenz kaum zu überbieten.

David: Absolut. Ribéry beweist einmal mehr, dass die Fussball-Grossverdiener in einer Parallelwelt leben, jeglichen Bezug zu den Lebensumständen der normalen Bevölkerung verloren haben. Und nachdem auf die öffentliche Empörung über
sein zweifelhaftes Essverhalten mit obszönsten Twittereien reagiert, ist für mich klar: Ribérys Oberstübchen ist unfruchtbares Terrain.

Flavio: Jungs, William Shakespeare würde dazu bloss sagen: Much ado about nothing.

Pius: Gewiss viel Lärm, aber nicht um Nichts. Ribéry hat doch schliesslich auch eine soziale Verantwortung, ist Vorbild und Aushängeschild. Und spätestens mit 35 sollte er sich der Aussenwirkung, die ein internationaler Fussballstar nun mal hat, der er mitunter auch seinen Reichtum verdankt, bewusst sein.

Tobias: Natürlich: Twittern ist Silber, Denken ist Gold. Und Gold zu essen ist per se ziemlich blöd. Aber wir sollten uns schon fragen: Wofür wird Ribéry verehrt und bezahlt? Fürs Denken oder fürs Kicken? Das soll man bei aller Kritik nicht ausser Acht lassen. Er ist alles andere als ein Intellektueller. Aber kicken, da sind wir uns wohl einig, kann er ausserordentlich gut.

David: Mag sein. Aber das allein rechtfertigt nicht seine jüngsten verbalen Entgleisungen.

Pius: Ausserdem hat Ribéry ja schon einiges auf dem Kerbholz. Hat er nicht mal Teamkollege Arjen Robben eine verpasst? Und hat er nicht mal einen französischen Reporter geohrfeigt? Und nicht zu vergessen: Die Anklage wegen Sex mit einer minderjährigen Prostituierten.

François: Stimmt. Und deshalb kann ich seinen «Steak Gate»-Aussetzer irgendwie nachvollziehen.

David: Wie bitte? Zeigst du nun Verständnis für diesen flegelhaften Snob?

François: Gewissermassen. Ribéry hat ein gespaltenes Verhältnis zu Frankreich. Es verhält sich ähnlich wie mit dem Propheten, der im eigenen Land nichts wert ist.

David: Zu Hause hat er zweifellos ein Imageproblem. Was aber angesichts seiner Eskapaden und des mässigen Erfolgs mit der französischen Nationalmannschaft nicht verwundert.

Tobias: Erstens: Ribéry war in seiner Generation der beste französische Fussballer. Leider war seine Generation nicht so gut wie jene Zidanes oder die heutige mit Mbappé. An der WM 2006 führte er mit elektrisierenden Leistungen die Franzosen in den WM-Final. Das Land lag ihm
zu Füssen. Aber nur vier Jahre später schimpften ihn die höchsten Politiker des Landes einen Gangster, weil er an der WM in Südafrika zu den Rädelsführern des Streiks gehörte. Keiner fragte: Was steckt tatsächlich hinter dem Streik? Haben Trainer Domenech und der Verband versagt? Nein. Ribéry war der Sündenbock und ist es heute noch.

François: Was nicht verwunderlich ist, wenn Neidkultur auf Protz trifft. Wir können viel in die Fussballstars projizieren. Aber wir werden unter ihnen keinen Heiligen finden. Die besten sind, was sie von Berufs wegen sein müssen. Verspielt, trickreich, abgebrüht, aggressiv, selbstbewusst.