Die ideale Welt des Vladimir Petkovic sieht so aus: Endlich wieder Nati-Spiele. Endlich wieder Debatten über präventives Verteidigen, Positivität im Spiel. Endlich wieder Diskussionen über die Stärke von Island, von England sowieso.

Und vielleicht vor allem: Endlich einmal Anerkennung für den grossartigen Schweizer Fussball, der geschafft hat, was es in seiner Geschichte noch nie gab: Dreimal in Serie in den Achtelfinal eines grossen Turniers vorzustossen nämlich.

Manchmal aber bleibt die ideale Welt ein Traum. Weil die Realität ganz anders aussieht. Weil es viele andere Themen gibt, die im Raum stehen. Themen, die zuerst aus der Welt geschafft werden müssen.

Am Montag trifft sich das Schweizer Nationalteam erstmals wieder seit der WM. Vor knapp zwei Monaten endete die Expedition in Russland mit einem 0:1 gegen Schweden. «Wir waren wie verklebt» – diese Worte von Petkovic sind noch in Erinnerung geblieben. Danach wurde das Nationalteam mutwillig in Einzelteile zerlegt. Die Folgen sind bis heute nicht absehbar.

Miescher und Behrami halfen nicht

Vielleicht ist die Brisanz dieser ersten Zusammenkunft nicht ganz so gross, weil Alex Miescher, der zurückgetretene Generalsekretär, nicht mehr dabei ist. Seine Aussagen, wonach es zu überlegen gilt, ob die Schweiz weiter auf Doppelbürger setzen will, haben die Spieler und die ganze Schweiz heftig erschüttert.

Sie haben etwas Zerstörerisches ausgelöst. Dass inmitten dieses Sturms auch noch Valon Behrami nach einem Telefongespräch mit Vladimir Petkovic zurückgetreten ist, hat dem Binnenklima des Teams auch nicht wirklich geholfen.

Vladimir Petkovic: «Es ist eskaliert, das tut mir leid»

Vladimir Petkovic: «Es ist eskaliert, das tut mir leid»

52 Tage lang hat Vladimir Petkovic geschwiegen. Nach schweren Turbulenzen und Anschuldigungen meldet sich der SFV-Coach wieder zu Wort.

Doch Klärungsbedarf gibt es auch ohne Miescher. Bis heute weiss man nicht genau, wie Petkovic über die politischen Vorgänge genau denkt. Vor gut einer Woche, als der Nationaltrainer erstmals seit einer gefühlten Ewigkeit wieder öffentlich aufgetreten ist, redete er so viel und ausführlich wie kaum je zuvor, aber bei entscheidenden Fragen hielt er sich weiterhin zurück.

Jetzt geht es darum, die Fälle aufzuarbeiten. Nicht nur die Doppelbürger-, auch die Doppeladler-Affäre ist nicht ausgestanden. Es wird in den kommenden Tagen auch um Petkovics Haltung gehen zu den aufwühlenden Ereignissen. Es stehen wegweisende Gespräche an. Am besten auch mit öffentlichen Erklärungen.

Zwei Neue und ein Rückkehrer

Am Freitag hat Nationaltrainer Petkovic nun sein erstes Aufgebot in der neuen Zeitrechnung präsentiert. Mit Kevin Mbabu (YB) und Albian Ajeti (FCB) sind zwei Neulinge dabei. Dazu kehrt Djibril Sow (YB) ins Team zurück. Gegen Island (Samstag, 8. September in St. Gallen) und England (Dienstag, 11. September in Leicester) dürften diese zumindest eine Chance erhalten, sich zu präsentieren.

Alleine das Aufgebot deutet aber noch nicht auf einen grossen Umsturz hin. Auch Captain Stephan Lichtsteiner und Johan Djourou sind wieder dabei. Dies aber mutmasslich wegen der Verletzungen von Michael Lang und Nico Elvedi. Nicht mehr berücksichtigt wird hingegen Blerim Dzemaili. Er ist neben Valon Behrami der grosse Abwesende.

Was bedeutet das nun? Formell ist es erst ein halber Umbruch. Interessant wird zu sehen sein, wie die Formationen auf dem Rasen dann aussehen. Können beispielsweise die YB-Akteure Mbabu und Sow ihre erfrischenden Auftritte auch auf internationalem Parkett zeigen? Findet Ajeti ausgerechnet im Nati-Trikot aus der rotblauen Krise des Alltags?

Petkovic jedenfalls sagt: «Die Spieler haben ihr Aufgebot mit konstanten Leistungen verdient. Jetzt können sie zeigen, ob sie im Kreis des Nationalteams schon einen Mehrwert darstellen.» Das tönt nach ziemlich grossen Erwartungen.