Der Gedanke zurück schmerzt. Wie er auf dem Rasen von St. Petersburg liegt, die Hände schützend übers Gesicht gelegt, Sekunden nach dem Abpfiff, mit der Gewissheit, diesen WM-Achtelfinal gegen Schweden tatsächlich 0:1 verloren zu haben. Und er selbst: beteiligt am unglücklichen Gegentreffer, weil sein Fuss den Ball ablenkte, direkt ins eigene Tor.

Jetzt sitzt Manuel Akanji an einem Tisch in Freienbach, das öffentliche Training ist vorbei. Ein neuer Zyklus beginnt, das Spiel gegen Island, das erste in der neugeschaffenen Nations League, naht. Die Vorfreude steigt. Und doch, ganz sind die Gedanken an Russland noch nicht verschwunden. «Wenn ich über die WM nachdenke, kommt mir als erstes leider der Tiefpunkt in den Sinn», sagt Akanji. «Aber es dauert dann auch nicht lange, bis ich wieder sehen kann, dass wir über alles gesehen ein tolles Turnier absolviert haben.»

Für Akanji gilt das besonders. Vor der WM war noch unklar, ob er überhaupt Stammspieler sein würde. Doch Nationaltrainer Vladimir Petkovic liess keine Zweifel zu, setzte immer auf Akanji – der mittlerweile 23-Jährige dankte es mit tollen Leistungen. Dass ausgerechnet ihm, dem besten Schweizer Feldspieler der WM, der fatale Ablenker im Achtelfinal passierte, passte so gar nicht ins Bild. «Als wir dann zu Hause waren und die nächsten Spiele mitansehen mussten, tat das Ausscheiden nochmals mehr weh. Ich dachte oft: Auf dieser Bühne hätten auch wir sein können.»

Gefühl der Ohnmacht

Es blieb nicht beim sportlichen Frust. Die Tage nach dem Ausscheiden, nach diesem
3. Juli, sind mit die schwärzesten der neueren Schweizer Fussballgeschichte. Und Manuel Akanji einer der Betroffenen. Die Frage von Ex-Generalsekretär Alex Miescher, ob die Schweiz weiterhin auf Doppelbürger setzen soll, trifft direkt ins Herz von Akanji und vielen Kollegen. «Ich habe mich verletzt gefühlt», sagt er und fragt: «Was müssen wir denn noch leisten, um akzeptiert zu werden?»

Die Zeit heilt Wunden, natürlich, und darum ist es auch mehr als berechtigt, wenn sich Akanji und Co. jetzt wieder aufs Fussballspielen konzentrieren wollen – zumal Miescher zurückgetreten ist. Doch soll man einfach zur Tagesordnung übergehen? In der Hoffnung, dass das leidige Thema möglichst für immer fernbleibt?

Eine seiner Stärken: Die Spieleröffnung.

  

«Nein!», sagt Sarah Akanji, «die Fussballer sollen sich wieder auf den Fussball konzentrieren, aber es wäre nicht gut, wenn das Thema einfach verschwinden würde, als wäre es nie dagewesen.» Sarah ist die die Schwester von Manuel, selbst begeisterte Fussballerin. Das Spiel der Schweiz gegen Serbien hat sie vor Ort in Kaliningrad verfolgt. «Mein Wunsch wäre, dass sich möglichst viele Menschen versuchen in die Lage eines Doppelbürgers zu versetzen. Vielleicht könnte man dann unsere Gefühle verstehen.»

Es beginnt bei kleinen Fragen: Wie wäre es, bei jeder Begegnung sofort gefragt zu werden, woher man wirklich kommt? Oder wie wäre es, im Flugzeug zuerst auf Englisch angesprochen zu werden? Wer es sich vorstellt, kann das Gefühl der Ohnmacht und Machtlosigkeit, das Gefühl des «nicht ganz Dazugehörens», vielleicht ein bisschen besser verstehen.

Zeit für neue Geschichten

Die WM in Russland könnte für Manuel Akanji ein Zwischenschritt gewesen sein auf dem Weg zu einer grossen Karriere. Nach seinem Wechsel vom FCB zu Borussia Dortmund im Januar ist Akanji daran, die Bundesliga zu erobern. Mit Lucien Favre begleitet ihn dabei ein prominenter Schweizer Trainer. Akanji erzählt: «Ganz am Anfang gab es ein persönliches Gespräch, wie mit allen anderen auch. Favre sagte: Am Ende der Woche stehen die besten elf Spieler auf dem Platz, egal welche Namen sie tragen. Jeder muss sich zeigen im Training. Das tue ich gewissenhaft (lacht).»

Zunächst aber zählt das Nationalteam. Gegen Island geht es auch darum, neue Geschichten zu schreiben. Positive Geschichten. Damit die schmerzenden Schweden-Gedanken definitiv verschwinden.