Buschauffeur Granit Krasniqi (29) ist stolz auf die albanisch-stämmigen Schweizer Nationalspieler. So stolz, dass er zwei von ihnen derzeit durch die Hauptstadt von Kosovo fährt. Bildlich gesprochen. Zwei grosse Plakate von Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri zieren die Flanken seines Linienbusses. Speziell: Beide Spieler sind in der mittlerweile berühmten Doppeladler-Pose abgelichtet, aufgenommen nach ihren Toren im WM-Spiel gegen Serbien. 

Wir treffen Krasniqi an der Busstation in der Strasse «Tahir Zaimi» in Prishtina. Gerne erzählt er seine Geschichte. Eine Geschichte, die Freude ausdrückt und Stolz. Freude darüber, dass zwei Landsleute es zu etwas gebracht haben. Stolz, dass sich im Fahrwasser der Schweizer Nationalmannschaft auch Kosovo gegen Serbien behaupten konnte.

Granit Krasniqi mit seiner Frau im Doppeladler-Bus.

Granit Krasniqi mit seiner Frau im Doppeladler-Bus.

Die Idee für die Aktion hatte der 29-jährige Busfahrer am Abend des 22. Juni gleich nach dem WM-Spiel Schweiz-Serbien. Nicht nur die Schweiz fieberte mit und drückte der Nationalmannschaft die Daumen. Auch im Kosovo war die Begeisterung gross. Schweizer Flaggen zierten Strassen im jüngsten Staat Europas. Und unmittelbar nach dem 2:1-Sieg an jenem Freitag kurz vor 22 Uhr feierten die Kosovarinnen und Kosovaren die Torschützen Xhaka und Shaqiri in den Strassen.

Autokorso in Gjilan, von wo Xherdan Shaqiri stammt.

Autokorso in Gjilan, von wo Xherdan Shaqiri stammt.

Am Morgen nach dem Spiel besorgte sich Krasniqi die Fotos, fügte sie zu einem Bild zusammen, stellte einen albanischen Doppeladler dazu und den Titel: "Krenar me ju." Zu deutsch: "Gemeinsam stolz" oder in Abwandlung: "Wir sind stolz auf euch!" Dann brachte er die Fotos in seinem Bus an.

Doppeladler-Affäre

Während Fussballfan Krasniqi an seinem Projekt bastelte, rollte in der Schweiz die politische Diskussion unter dem Stichwort Doppeladler-Affäre an, die Tage dauern sollte und bis heute nicht richtig abgeschlossen ist. Noch am Dienstag diskutierten Gäste im «Club» auf SRF unter dem Titel «Doppeladler, Doppelbürger, Doppelmoral?» Die Debatte hierzulande ist emotional.

Der Bus aus Deutschland

Von all dem weiss Granit Krasniqi nichts. Er zieht in Pristina mit seinem Bus Kreise, fährt Stationen an, die «Tahir Zaimi», «Kalabri» oder «Kolovica» heissen. Er verdient damit das Geld, um seine Familie durchzubringen.

Seinen Bus hat er als Occasion in Deutschland gekauft und nach Kosovo überführt. Dort fahren auch in der Schweiz ausgemusterte Lastwagen herum, die noch immer die Schriftzüge der ursprünglichen Firmen tragen. Mit der Schweiz, wo ein grosser Teil der kosovarischen Diaspora lebt, ist das Land eng verbunden. Vier Busse gehören dem Jungunternehmer, seit zehn Jahren ist er im Geschäft. Krasniqis Firma heisst sinnigerweise «City Bus».

Schweizer Flaggen in Shaqiris Heimatdorf im Kosovo

Schweizer Flaggen in Shaqiris Heimatdorf im Kosovo

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Es ist in Kosovo nichts Ungewöhnliches, dass der öffentliche Verkehr von privaten Firmen mitgetragen wird. Die Busfahrer suchen sich lukrative Routen aus, fahren diese regelmässig ab. Mehr oder weniger nach einem gewissen Zeitplan.

Die Flagge Albaniens

Natürlich gefiel Krasniqi die Doppeladler-Geste. Darum hat er sie aufs Bild genommen. Darum hat er auch die Flagge Albaniens ins Bild eingefügt und nicht jene des Kosovo, die es erst seit der Erklärung der Unabhängigkeit von Serbien im Jahre 2008 gibt. Die Verbundenheit mit der albanischen Fahne stammt aus jener Zeit, als Kosovo noch keine eigene hatte. Und sie einte die Albaner während des Kosovokrieges 1998/99. Für sie symbolisiert der Doppeladler Albanertum. Ethnische Albaner gibt es in Kosovo, Albanien, Mazedonien, Südserbien und Montenegro.

Rot mit Doppeladler: die albanische Flagge. Die Kosovarische zeigt die Umrisse des Landes auf blauem Hintergrund. Die sechs Sterne stehen für die sechs zu Kosovo gehörigen Ethnien..

Rot mit Doppeladler: die albanische Flagge. Die Kosovarische zeigt die Umrisse des Landes auf blauem Hintergrund. Die sechs Sterne stehen für die sechs zu Kosovo gehörigen Ethnien..

Die Freude von Xhakas Cousin

Neben Krasniqis Bus-Station in Pristinas Tahir-Zaimi-Strasse wohnt auch ein Teil von Granit Xhakas Familie. Dessen Cousin Kushtrim spannte vor lauter Stolz ein Banner über die Strasse. 

Banner über der Strasse Tahir Zaimi in Pristina.

Banner über der Strasse Tahir Zaimi in Pristina.

Es zeigt Granit, die albanische Flagge und Bruder Taulant, der beim FC Basel spielt und für die albanische Fussballnationalmannschaft aufläuft. Was kompliziert tönt, ist kompliziert. Zwei Brüder spielen für zwei verschiedene Nationalmannschaften aber nicht für ihr Heimatland Kosovo.

Der Hintergrund: Der Europäische Fussballverband (Uefa) und der Weltfussballverband (Fifa) nahmen den neuen Staat Kosovo erst im Mai 2016 als Mitglied auf. Da waren die grossen Karrieren der Xhaka-Brüder längst lanciert und die Berufungen in die entsprechenden Nationalmannschaften der Schweiz und von Albanien erfolgt.

Der Fussballfan bringt ein Opfer 

Busfahrer Krasniqi will die Plakate von Xhaka und Shaqiri einen Monat lang mit dem Bus durch die Strassen fahren. Und dies, obwohl er die Werbeplätze verkaufen könnte. Das ist kein kleines Opfer, denn Geld ist äusserst knapp im jungen Staate Kosovo.

Gjilan feiert den Schweizer Sieg

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