Dieser eine kleine Irrtum, der durfte schon sein. Gerade nach so einem schönen Sieg. Martin Schmidt sass zufrieden auf seinem Stuhl in den Katakomben der Gladbacher Borussia und sagte mit einer Mischung aus Stolz und sympathischer Zurückhaltung: «Ich denke, das war der erste Sieg von Mainz in Mönchengladbach der Bundesliga-Geschichte.»

Genau genommen war es der zweite, korrigierte der Mainzer Pressesprecher seinen Trainer flugs. Aber die gute Laune und das Lächeln, nein, die brauchte Schmidt deswegen nicht gleich aufgeben nach diesem Sieg im Schweizer Bundesliga-Trainer-Duell.

Knapp fünf Jahre sind seit jenem 20. November 2010 vergangen, seit Mainz unter Thomas Tuchel nach einer beeindruckenden Startserie (sieben Spiele, sieben Siege) bei den Fohlen letztmals gewonnen hat. Erst drei Monate später übernahm damals ein gewisser Lucien Favre Mönchengladbach und begann, den Verein Schritt für Schritt an die Spitze zu führen.

Einmal Favre besiegen? «Ja, das tut natürlich gut», gab Schmidt zu, «das kommt nicht allzu oft vor, also darf ich den Moment auch geniessen.» Wobei er es nicht versäumte, die Dinge etwas ins richtige Licht zu stellen. «Genauso wie beim Startspiel nicht alles so schlecht war, wie gewisse Leute es sehen wollten, war nun natürlich auch noch nicht alles so gut.»

Ungeduldige Mainz-Anhänger

Gewiss, eine Woche zuvor, da hatte die Mainzer Welt noch ziemlich anders ausgesehen, düster. Die 0:1-Niederlage zu Hause gegen Aufsteiger Ingolstadt hat tiefe Zweifel ausgelöst. Beim Publikum, das mit Pfiffen reagierte. Und auch bei den Spielern, wie Schmidt bekannte. «Ich war schon etwas überrascht, wie tief die Enttäuschung bei
einigen war», sagte er.

Auch deshalb habe er unter der Woche viele Einzelgespräche geführt. «Ich wollte wissen, wo der Kern dieser Zweifel liegt. Liegt es am Plan? Liegt es an den Emotionen? Am Mittwoch wusste ich dann, wo unser Anker liegt. Und wir gingen mit frischem Elan an die Aufgabe in Mönchengladbach. Und nun ist es ja vielleicht tatsächlich so, dass sich einige Anhänger fragen, warum sie nicht so geduldig waren.»

Mainz auf Selbstfindung

Es ist ein spannendes Projekt, das der Fussball-Lehrer Schmidt in Mainz momentan leitet. Der Verein tut sich gerade etwas schwer, seine echte Identität zu finden. Nach Jahren, die von den «Über-Trainern» Jürgen Klopp und Thomas Tuchel geprägt waren, wollten die Verantwortlichen das Team erst weiterentwickeln. Mehr Ballbesitz, weniger Konter, lautete plötzlich die Lösung. Es ist mit Trainer Kaspar Hjulmand in der letzten Saison grandios gescheitert.

Schmidt, zuvor U23-Trainer, durfte übernehmen und rettete Mainz vor dem Abstieg. «Auch da war ein Spiel gegen Mönchengladbach wegweisend. Wir lagen 0:2 zurück, erkämpften uns noch ein 2:2. Dieser Punkt gab uns Rückenwind. Vielleicht wirkt das jetzige Erlebnis ähnlich», sagt Schmidt.

Das Team hat sich beruhigt

Der 48-Jährige führt das Team wieder zu seiner einstigen Identität mit Vollgas- und Konterfussball zurück. Wie richtig das ist, zeigt schon der Umstand, dass es eben schwerfällt, ein Spiel zu gestalten wie gegen Ingolstadt. Schmidt sagt derzeit Dinge wie: «In dieser Phase der Saison ist zu viel Ballbesitz für uns wohl nicht das Beste.»
Fürs Erste haben die Mainzer also etwas Ruhe zurückgewonnen.

Dies ist auch Ex-FCB-Leitwolf Fabian Frei bewusst. «Wenn wir nach zwei Spielen immer noch null Punkte auf dem Konto gehabt hätten – puh, dann wäre das Spiel gegen Hannover wohl schon zu einer Art ‹Endspiel› geworden.» Nun aber durfte er feststellen: «Wenn wir so weiterspielen, werden wir unsere Punkte gewinnen.»

Der umsichtige Frei leitete den ersten Mainzer Treffer ein, gefiel mit seiner Ruhe und kam überdies mit einem Lattenknaller dem ersten Bundesliga-Treffer ziemlich nahe. «Der hätte natürlich auch reingehen dürfen, das wäre dann wohl die Krönung gewesen. Aber ansonsten darf ich zu meiner Leistung sagen: Ja, so stelle ich mir das in etwa vor.» Frei ist also in Mainz angekommen. Als wichtiger Bestandteil des Teams, auf der Doppel-Sechs neben Captain Julian Baumgartlinger. Und auch als Mensch – «wobei, so ein komplizierter Typ bin ich ja nicht, die gute Integration sollte also nicht allzu sehr überraschen», fügte er lachend an.

Ungewohnter Umgang mit Siegen

Und trotzdem, ein Gefühl ist für Frei gerade ziemlich neu. Denn so sehr er sich die Siege aus der Zeit in der Super League beim FC Basel gewohnt war. Die Freude im Verein über einen einzelnen Erfolg in der Meisterschaft war natürlich kaum je so gross wie nun. «Es ist schon so, früher war die Wahrnehmung dann eine Art von ‹Dann-war-es-eben-der-nächste-Sieg›, nun sind solche drei Punkte schon ein ziemliches Ausrufezeichen.»

Daran ändert auch ein kleiner Irrtum des Trainers nichts.