"Ich freue mich mega", sagte Noemi Zbären vor dem Start in die WM-Saison. "Ich habe viel trainiert in den letzten Monaten und will nun zeigen, was ich mir erarbeitet habe." Die 25-Jährige hat das Lachen wieder gefunden, nachdem ihr dieses zwischenzeitlich vergangen war. Verletzungen hatten sie immer wieder gestoppt, die letzten drei Saisons musste das einstige Top-Talent von Swiss Athletics vorzeitig abbrechen – der Körper machte nicht mehr mit.

Als "graue Phase" bezeichnet Zbären die Momente, in denen ihr der Spass an der Sache abhanden gekommen war. "Es gab Tage, die mir richtig 'gestunken' haben." Das tägliche Sporttreiben vermisste sie ebenso wie die Wettkämpfe und die Adrenalinschübe. Wie "ein Junkie auf Entzug" habe sie sich gefühlt. Reha- und Arzttermine wurden zur Gewohnheit, Trainingsphasen ohne Schmerzen gab es kaum mehr.

Die Misere hatte im Mai 2016 ihren Anfang genommen, als sich die grossgewachsene und kräftige Athletin im Training beim Basketballspielen ein Kreuzband im Knie riss. 2017 und 2018 folgte je ein Muskelfaserriss, ehe im letzten Sommer muskuläre Dysbalancen im Hüftbereich dazu führten, dass Zbären die Reissleine zog und die Saison erneut vorzeitig beendete. Dank der zusätzlichen Zeit konnte sie immerhin ihr Studium vorantreiben, mittlerweile arbeitet sie nebenbei als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bern.

Ein komplett neues Umfeld

Was das Berufsfeld Spitzensport betraf, war für Zbären klar: Entweder mache ich einen Neuanfang oder ich höre auf. Die 25-Jährige entschied sich für Ersteres und trennte sich von Gabi und Stefan Schwarz sowie Ueli Lehmann, ihren langjährigen Klubtrainern des SK Langnau. Auf Empfehlung von Patrick Magyar vertraut Zbären seit letztem Herbst auf Inputs des Sprinttrainers Henk Kraaijenhof. Als "Tüftler und verrückten Wissenschaftler" bezeichnet Zbären den Niederländer, dessen Zusammenarbeit 2017 mit Mujinga Kambundji nicht funktioniert hat.

Für das spezifische Hürdentraining ist der Deutsche Sven Rees zuständig, weswegen Zbären alle zwei Wochen zwei Tage in Stuttgart weilt. In Zürich trainiert sie dreimal wöchentlich in der Trainingsgruppe von Maggie Mantingh, die weiteren Einheiten absolviert sie alleine in Bern. "Da kann ich alle Eindrücke und Inputs für mich in Ruhe umsetzen und spüre, ob und wie etwas funktioniert." Auch Yoga, der Besuch beim Physiotherapeuten und Mentaltraining haben ihren fixen Platz im Wochenprogramm. Ihre Trainingsphilosophie hat Zbären aber nicht komplett auf den Kopf gestellt. "Der Grundgedanke ist noch immer der gleiche."

Der mentale Aspekt entpuppte sich als grösste Herausforderung auf dem Weg zurück. Die Technik sei wie beim Velofahren, so Zbären. "So schnell verlernt man sie nicht." Sie musste lernen, geduldig zu sein und eine gewisse Gelassenheit zu entwickeln. Der Perfektionismus hatte ihr in der Vergangenheit teilweise im Weg gestanden. "Ein Training vorzeitig beenden, weil etwas gut war, hätte ich früher nicht gekonnt."

Der Spass ist zurück

Zbären hat neuen Mut gefasst, auch wenn sie die Hallensaison erst im Rückblick als Erfolg wertet. Im ersten Moment hatte sie sich geärgert, dass sie die Qualifikation für die Hallen-EM in Glasgow verpasst hatte. "Nun ärgere ich mich, dass ich mich geärgert habe", sagt Zbären und lacht. Noch passten nicht alle Puzzle-Teile zusammen. "Aber ich habe mein Programm durchgezogen und keine gesundheitlichen Rückschläge erlitten." Nur der zeitliche Ausreisser nach unten habe gefehlt.

Angst vor Rückschlägen hat sie nicht, das Kontingent an Pech sei aufgebraucht. Auch wenn die Weltmeisterschaften in Doha im Herbst das Fernziel sind, will sich Zbären nicht darauf versteifen. Sie arbeite mit Zwischenzielen, die bei Erreichen auch gefeiert werden dürfen. Allein, dass sie wieder schmerzfrei trainieren kann, zaubert ihr nach jedem Training ein Lächeln ins Gesicht. Der Spass an ihrer grossen Leidenschaft ist bei Noemi Zbären zurück. "Für mich fängt ein neues Kapitel an."