Kürzlich hat mir ein hoch dekorierter Velofunktionär gesagt, die Leichtathletik habe derzeit jenes Dopingproblem, welches im Radsport inzwischen gelöst sei. Tatsächlich gibt es kaum eine Sportart, die aktuell mehr Dopingfälle vermeldet als die Leichtathleten. Doch wieso ist das so? Ein genauer Blick darauf lohnt sich.

Es muss kein schlechtes Zeichen sein, wenn Dopingvergehen ans Licht gelangen. Erst recht nicht im konkreten Fall. Denn die unabhängige Integritätskommission der Leichtathletik (AIU) beschäftigt sich derzeit mit einem Hausputz der gröberen Art.

Erst kürzlich hat sie entschieden, künftig Dopingverdächtigungen bereits bei einer positiven A-Probe publik zu machen. Und dies mit der Veröffentlichung von 109 teilweise prominenten Namen gleich umgesetzt.

Zudem teilt sie neu die Mitgliedsnationen des internationalen Leichtathletikverbandes jährlich in Kategorien ein. In Ländern mit hohem Dopingrisiko verlangt sie für eine Zulassung zu internationalen Grossanlässen pro Athlet im Vorfeld mindestens drei unangekündigte Trainingskontrollen. Kenia, Äthiopien, Weissrussland und die Ukraine sind auf dieser ersten Hochrisiko-Liste.

Man kann entgegnen, Sportler vor einem Urteil an den öffentlichen Pranger zu stellen, verstosse gegen den Persönlichkeitsschutz und das Prinzip der Unschuldsvermutung. Da diese Athleten nach einem positiven Befund ohnehin provisorisch bis zum Urteil gesperrt werden, kommt man damit wohl eher Spekulationen und Gerüchten zuvor.

Um zurück zum Vergleich mit dem Radsport zu kommen. Es gibt einen weiteren Punkt, für den die Leichtathletik Applaus verdient. Die Unabhängigkeit der AIU ist personell und organisatorisch maximal. Sie ist zuständig für die Dopingkontrollen, für die Verfahren und für die Sanktionen.

Auch der internationale Radverband hat eine unabhängige Antidoping-Einheit – die CADF. Allerdings hört deren Entscheidungsvollmacht bei den Sanktionen auf. Darüber befinden nach wie vor die Radsport-Funktionäre selber. Diesen Unterschied hat mir ebenfalls eine hochrangige Führungsperson aus dem Radsport erklärt. Eine, die genau deshalb den Leichtathleten ein Kränzchen windet.