«Man darf unseren Einfluss nicht überschätzen», relativiert Severin Trösch die Inputs aus dem Gebiet der Sportphysiologie. Rund 15 wissenschaftliche Mitarbeiter umfasst dieser Bereich an der EHSM. Der Thurgauer ist spezialisiert auf Ausdauersportarten und kümmert sich konkret um die Anliegen der Leichtathleten und Triathleten.

Neben Lehre sowie Forschung und Entwicklung gibt es ein drittes Standbein bei seiner Arbeit – die Dienstleistungen für nationale Sportverbände. Zwischen dem Bundesamt für Sport und einigen Verbänden werden Leistungsabkommen abgeschlossen. Trösch ist folglich wissenschaftlicher Berater des Leichtathletik-Verbandes. Gemeinsam mit den Verantwortlichen bei Swiss Athletics diskutiert man bei der Ausarbeitung des Rahmenabkommens darüber, wo seine Expertise am sinnvollsten eingesetzt ist. Denn bei aller Bescheidenheit muss auch Trösch zugeben: «Die letzten zwei bis drei Prozent bei der Leistungsoptimierung können entscheidend sein.»

Zweimal im Jahr Leistungstest

Wir zeigen die Hilfestellung aus Magg- lingen anhand von drei konkreten Beispielen:

Eine grosse Tradition hat die Unterstützung bei der Leistungsdiagnostik. Die Kaderathleten von Mittel- und Langstrecken unterziehen sich zweimal im Jahr in Magglingen einem Leistungstest – unmittelbar vor der Saison und zu Beginn des Aufbautrainings im Spätherbst. Dieser besteht hauptsächlich aus einem sogenannten Laktat-Stufentest.

Jan Hochstrasser beim Leistungstest.

Jan Hochstrasser beim Leistungstest.

Die Auswertung liefert in zweierlei Hinsicht nützliche Daten. Einerseits werden die aktuellen individuellen Trainingszonen ermittelt. Dies hilft Athleten und Trainern bei der Trainingsplanung. Andererseits ergibt sich ein präzises Bild des aktuellen Leistungsniveaus. Wo genau steht ein Athlet in seiner Ausdauerkapazität? Dank der jahrelangen Anwendung verfügen die Magglinger Wissenschafter über sehr viele Daten. «Es ergeben sich so spannende Möglichkeiten für Quervergleiche», sagt Trösch.

Intensitätssteuerung ist wichtig

Die Zusammenarbeit zwischen der EHSM und der Leichtathletik hat eine besondere Qualität. Erstens sei Swiss Athletics ein sehr wissenschaftsaffiner Verband, sagt Trösch. Zweitens besticht der Austausch mit dem Mittel- und Langstrecken-Trainer Louis Heyer durch extrem kurze Wege.

Heyer arbeitet selbst in Magglingen für die EHSM und wird von Swiss Athletics für sein 70-Prozent-Engagement als Nationaltrainer quasi gemietet. Der Bieler sagt, man dürfe diesen «Alltags-Support» nicht unterschätzen. «Die Intensitätssteuerung des Trainings ist im Sport hochrelevant.»

Die Gefahren der Höhe

Ein zweites Feld der Zusammenarbeit besteht bei der Begleitung von Höhentrainingslagern. Heyer sagt, dass sehr viele seiner Läufer vor der EM in Berlin mindestens vier Wochen in der Höhe waren: Selina Büchel, Fabienne Schlumpf, Julien Wanders, Jan Hochstrasser und 80 Prozent der Schweizer Marathon-Teilnehmer. Selbst wenn das Höhentraining längst zum guten Ton fast jedes Ausdauersportlers gehört, so weist der Nationaltrainer darauf hin, «dass diese Form des Trainings ein Risikodarstellt. Denn es ist eine sehr komplexe Formel».

Gefahren lauern in verschiedenster Hinsicht, etwa bei einer Überbelastung oder der Ermüdung. Es gibt viele Beispiele von Athleten, die sich durch einen Aufenthalt in der Höhe nicht in Form, sondern ausser Form gebracht haben. Der norwegische Langlaufstar Petter Northug etwa übertrieb es im Sommer vor den Olympischen Spielen derart, dass er quasi die gesamte Saison abschreiben musste.

Das Team um Severin Trösch berät Trainer und Sportler bei dieser «relativ intensiven Intervention». Man versucht, das Wissen und die Erfahrung zum Training in der Höhe möglichst gut beim einzelnen Athleten anzuwenden, «um für ihn ein Optimum herauszuholen». Aber auch Trösch sagt: «Letztlich ist es trotz allen Fakten aus dem wissenschaftlichen Lehrbuch immer auch ein Ausprobieren. Denn wir können nicht alles messen und voraussehen.»

Ein Hitzelabor für Tokio

Der dritte Punkt der gemeinsamen Arbeit sind spezifische Projekte. Die Leistungsvereinbarungen mit den Verbänden werden jeweils für einen vierjährigen Olympiazyklus abgeschlossen. Grössere Konzepte fokussieren deshalb stets auf Olympische Spiele und laufen unter dem Lead von Swiss Olympic. Auch für die Sommerspiele 2020 in Tokio hat der Dachverband des Schweizer Sports eine wissenschaftliche Task Force ins Leben gerufen. Geleitet wird sie von Olympia-Chefarzt Patrik Noack, seines Zeichens auch Verbandsarzt der Leichtathleten.

«Die letzten zwei bis drei Prozent bei der Leistungsoptimierung können entscheidend sein.»

Severin Trösch, wissenschaftlicher Mitarbeiter Eidgenössische Hochschule für Sport Magglingen

«Die letzten zwei bis drei Prozent bei der Leistungsoptimierung können entscheidend sein.»

Severin Trösch arbeitet in der Task Force mit. Eine grosse Herausforderung in Tokio werden die extremen klimatischen Bedingungen mit grosser Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit sein. Die EHSM hat deshalb im Velodrome in Grenchen ein Hitzelabor errichtet, das diese Bedingungen künstlich erzeugt und die Reaktion des Körpers darauf testet. Sportler absolvieren dort wissenschaftlich begleitete Trainings, auch ein aktueller EM-Teilnehmer von Berlin war bereits im Labor. «Wir wollen daraus sinnvolle Massnahmen in der Wettkampfvorbereitung ableiten und für jeden Athleten eine optimale individuelle Strategie definieren», sagt Trösch. Denn nicht jeder Körper reagiert gleich auf äussere Einflüsse.

Eine Badewanne auf der Rennstrecke

Louis Heyer sagt, dass man dank den ersten Erkenntnissen aus dem Hitzelabor kleine spezifische Anpassungen für Berlin vorgenommen hat. Konkret geht es um das Pre-Cooling vor dem Wettkampf. Bisweilen seien die wissenschaftlichen Resultate aber schwierig in der Praxis umzusetzen. «So wäre ein Kühlbad 20 Minuten vor dem Marathon gut. Ich kann aber kaum eine Badewanne in den Startbereich des Rennens stellen. Also suchen wir andere Wege.»

Der Leichtathletik-Nationaltrainer spricht von fruchtbaren Auseinandersetzungen, die er mit Severin Trösch führt. «Wir haben spannende Konflikte, in denen ich ganz bewusst den praxisnahen Trainer gebe. Severin schlägt etwas vor und ich sage, das funktioniert in der Realität nicht. So zwingen wir uns, gangbare Lösungen zu finden». Trösch seinerseits bleibt entschieden bescheiden. Zuerst kämen bei Ausdauerdisziplinen genetische Voraussetzungen wie Talent und danach Training. «Erst dann greift unsere Arbeit», sagt er. Beim Leichtathletik-Verband möchte man sie dennoch nicht missen.