«Ich habe immer Angst davor gehabt, dass die anderen viel besser sind als ich», sagte Léa Sprunger zu ihren Beweggründen, wieso sie im letzten Herbst die Zusammenarbeit mit einem Mentaltrainer forciert hat. In der Vergangenheit scheiterte die 28-Jährige oft an ihren Nerven. Und nach jedem Rückschlag kamen die Selbstzweifel wieder auf. Die bitteren Tränen nach dem Vorlauf-Aus an den Olympischen Spielen in Rio. Das Gefühl, es noch besser zu können, nach dem fünften Rang an der WM im letzten Jahr in London.

Warten auf die Topzeit

Auch bei den Schweizer Meisterschaften in Zofingen vor einem Monat sah man eine unzufriedene Léa Sprunger. Sie haderte mit ihrer Zeit, ertappte sich zum wiederholten Mal darin, zu passiv zu laufen. Auch dies letztlich eine Frage des Kopfes. Dass sie schnelle Beine und mit ihrer Grösse von 1.83 m ideale Voraussetzungen für die Hürden hat, ist unbestritten. «Ich weiss, dass ich viel mehr kann», lautete die Selbsterkenntnis beim Blick auf ihre bisher beste Saisonleistung.

Die gemischten Gefühle blieben vor der EM treuer Begleiter. Einerseits war das Ziel klar: «Ich will Gold gewinnen». Und als Jahresschnellste in Europa trat sie dieses Unterfangen durchaus als Favoritin an. Andererseits die Ungewissheit, ob der Kopf diesmal mit den Beinen würde Schritt halten. Sie erlebte mit, wie die ähnlich hoch gehandelte Teamkollegin Mujinga Kambundji über 100 m plötzlich leer ausging.

Mit ihrem Sieg im Halbfinal am Donnerstag war die Romande «sehr zufrieden». Trotzdem wartete der Elchtest ihres mentalen Rezepts, «sich voll und ganz auf die eigenen Qualitäten zu konzentrieren», erst im Final auf Sprunger. Starke Worte kommen bisweilen schnell über die Lippen. «Wenn ich mein Rennen zeigen kann, dann rechne ich mit Gold. Dann müssen die anderen mich zuerst einmal schlagen, lautete Sprungers Ansage für Berlin. Sie hat Recht behalten.

Von A bis Z durchgezogen

Das Rezept ging perfekt auf. Einem aktiven Start folgte unterwegs die Erkenntnis, «vorne zu sein». Das machte ihr nicht Angst, sondern beflügelte sie. Léa Sprunger zog es durch. So einfach und doch so schwer. Wie auch die Gefühle im Ziel. Zuerst nüchtern: «Diese Goldmedaille ist ein Resultat meiner ganzen Karriere». Dann emotional: «Es ist vieles, das in diesen Augenblicken rauf kommt.» Sie hat sich einen Traum erfüllt und gleichzeitig die Gewissheit, das Ende der Entwicklung noch nicht erreicht zu haben. Aber sie weiss jetzt, wo sie den Schlüssel zum Erfolg findet.

Mutig, aber ertragslos lief derweil Selina Büchel im Final über 800 m. Bis zur Zielgeraden führte sie, dann brach die Ostschweizerin ein und landete letztlich auf Platz 7.