Selbst eine Steigerung gegenüber 2016, als es die Rekordmarke von fünf Medaillen gegeben hat, ist nicht unrealistisch.

Mit Langhürdler Kariem Hussein (Becken/Oberschenkel), Stabhochspringerin Nicole Büchler (Baby-Pause) und Hürdensprinterin Noemi Zbären (Hüfte) fehlen drei Schweizer Aushängeschilder in Berlin. Dennoch gibt es zahlreiche Medaillenkandidaten. Das unterstreicht die immensen Fortschritte in der hiesigen Leichtathletik seit dem "Nuller" an den Europameisterschaften 2012 in Helsinki.

Auslöser war die Heim-EM 2014 in Zürich, für die enorme Anstrengungen in der Nachwuchsförderung unternommen wurden. Ein Glücksfalls war ausserdem der EM-Titel von Hussein im Letzigrund. "Es war wichtig zu sehen, dass auch ein Schweizer Europameister werden kann", sagte Leistungssportchef Peter Haas. "Andere wie Mujinga Kambundji, Lea Sprunger oder Selina Büchel merkten damals, dass sie mithalten können, aber noch nicht ganz zur Spitze gehören. Sie nahmen das auf und arbeiteten hart weiter. So sind Vorbilder entstanden, die andere nachzogen."

Sprunger und Kambundji gewannen vor zwei Jahren mit Bronze über 100 m respektive 400 m Hürden ihre erste EM-Medaille. In Berlin scheint nun noch mehr möglich zu sein. Schneller als Sprunger war in diesem Jahr keine Europäerin, obwohl die 28-jährige Waadtländerin die eigenen Erwartungen mit 54,79 Sekunden nicht erfüllt hat. Für die letztjährige WM-Fünfte ist die Schweizer Bestmarke von Anita Protti aus dem Jahr 1991 (54,25) der Massstab. Diesen Rekord will sie unbedingt in ihren Besitz bringen.

Sprunger ist nicht nur über 400 m Hürden die Nummer 1 in Europa, sondern auch über 400 m flach. Sie entschied sich aber gegen einen Doppel-Start in der deutschen Hauptstadt, schliesslich ist in der Kerndisziplin nicht weniger als Gold das Ziel. Bislang gab es noch nie eine Schweizer Europameisterin in der Leichtathletik.

Kambundji mit drei Medaillenchancen

Allerdings ist auch Kambundji zuzutrauen, für die Premiere zu sorgen. Die 26-jährige Bernerin hörte im vergangenen Herbst auf ihr Gefühl und verliess nach vier Jahren Trainer Valerij Bauer, der sie an die europäische Spitze geführt hatte. Die Umstellungen im Training zeigten die gewünschte Wirkung; Kambundji blieb Mitte Juli an den nationalen Meisterschaften in Zofingen mit 10,95 Sekunden als erste Schweizerin unter elf Sekunden. Von ihren Konkurrentinnen in Berlin erzielte 2018 einzig die Britin Dina Asher-Smith (10,92) eine bessere Zeit.

Ausserdem ist Kambundji ein ausgesprochener Wettkampftyp. Insofern ist ihr auch über 200 m eine Top-3-Klassierung zuzutrauen. In dieser Disziplin nimmt sie in der europäischen Saisonbestenliste mit 22,48 Sekunden den 4. Platz ein. Die Hallen-WM-Dritte über 60 m kann gar von drei Medaillen träumen, da die 4x100-m-Staffel der Schweizerinnen intakte Chancen auf einen Podestplatz besitzt.

Weiteres Gold für Abraham?

Eine weitere Goldmedaille strebt Tadesse Abraham an, nachdem er vor zwei Jahren in Amsterdam souverän Europameister im Halbmarathon geworden war und entscheidend dazu beitrug, dass auch das Schweizer Team Gold gewann. Ein Triumph in Berlin wäre umso spezieller, als der gebürtige Eritreer am 12. August, am Tag des Rennens, den 36. Geburtstag feiert. Allerdings gibt es in einem Marathon viele Unwägbarkeiten. Das erlebte Abraham Anfang März am Lake Biwa in Japan, wo er wegen Atemproblemen nach gut der Hälfte des Rennens aufgeben musste. Das beschäftigte ihn sehr. Es ist jedoch davon auszugehen, dass der Olympia-Siebte die richtigen Schlüsse daraus gezogen und sich in Äthiopien perfekt vorbereitet hat.

Ein weiterer Schweizer Medaillenkandidat ist Alex Wilson über 200 m als Europas Nummer 3 in diesem Jahr. Der 27-jährige Basler, ein gebürtiger Jamaikaner, muss aber erst noch zeigen, dass er auch an einem Grossanlass sein Potenzial abrufen kann. Das bereits bewiesen hat 800-m-Läuferin Selina Büchel, die in der Halle zweimal EM-Gold holte. Im Freien wartet sie nach dem 4. Rang in Amsterdam aber noch auf einen EM-Podestplatz. Bislang lief es der 27-jährigen Toggenburgerin in diesem Jahr nicht wie gewünscht.

Einiges zuzutrauen ist auch Julien Wanders, der über 5000 und 10'000 m startet. Der 22-jährige Genfer hat schon oft bewiesen, welch grosses Lauftalent er ist. Die Perspektiven der Schweizer sind jedenfalls ausgezeichnet. "Der Optimismus ist gross", sagte Haas. "Andererseits werden die Erwartungen immer höher. Das darf man nicht unterschätzen."