Schnelle Schweizerinnen und viel Extravaganz

Noch einmal stehen und toben die 25 000 Zuschauer im Stadion. Am Ende fehlen nur wenige Meter zum Sieg. Ganz knapp werden die Schweizer Sprinterinnen in der 4x 100 Meter Staffel noch von Grossbritannien überholt. Den verdienten Applaus bekommen Kambundji, Atcho, Kora und Del Ponte natürlich dennoch. Es ist das letzte Highlight eines aufregenden Abends. Einen Schweizer Sieg gab es bei «Weltklasse Zürich» zwar wiederum nicht, aber dafür jede Menge Unterhaltung.

Der Abend beginnt mit der Präsentation der Stars. Im Auto werden sie einmal ums grosse Rund gefahren. Sie geniessen es genauso wie die Fans. Maskottchen «Leo Letzi» sorgt immer wieder für gelungene Stunts. Auch der Doppeladler fliegt durch Zürich, gezeigt vom Briten Matthew Hudson-Smith. Eindrucksvoll ist immer auch, wie es im Stadion vor den Starts jeweils plötzlich ganz still wird.

Für Extravaganz ist in der Leichtathletik auch nach der Ära Bolt gesorgt. Mit Noah Lyles (21) macht sich ein junger Amerikaner aus Florida daran, die Bühne zu erobern. Er sorgte mit seinem Sieg über 200 Meter für das grösste Ausrufezeichen.

Die speziellste Geschichte des Abends ist aber jene von Conseslus Kipruto. Er gewann das Rennen über 3000 Meter Steeple – mit entblösstem linken Fuss. Bereits nach 200 Metern verlor Kipruto seinen Schuh, es hinderte ihn nicht daran, dem Publikum ein begeisterndes Rennen zu bieten. Auf den letzten Metern überholte er mit nacktem Fuss seinen letzten Konkurrenten, danach plumpste der Vielumjubelte zu Boden. Und humpelte so gut es eben ging auf die Ehrenrunde. Bei der Ehrung für die Sieger der «Diamond League» zum Schluss wurde niemand so sehr gefeiert wie Kipruto.

Caster Semenyas einsame Suche nach sich selbst.

    

Wer auf sie setzte, blieb auf seinem Geld sitzen. Die Quote von Sporttip: 1:1. Die Südafrikanerin Caster Semenya (27) gewann über 800 Meter zum 20. Mal in Folge. Doch das ist unerheblich. Sie wurde als hyperandrogene Frau geboren und hat einen erhöhten Testosteronwert, was ihr Vorteile verschafft. Eine Weile musste sie den Hormonspiegel künstlich senken. Ab dem 1. November soll die Regel wieder eingeführt werden. Das ist weniger eine reglementarische denn eine ethische Frage. Semenya sagt: «Ich bin eine Frau, und ich will nur so laufen, wie Gott mich schuf.» Sie beschäftigt auch, ob sie künftig noch über 400 oder 1500 Meter starten soll. «Ich weiss noch nicht so recht, wo ich hingehöre.» Angesichts ihrer persönlichen Geschichte ist diese Aussage irgendwie bezeichnend.

Mujinga Kambundji und die ungeliebte Zahl 4.

  

Der erste Gedanke? Das darf ja wohl nicht wahr sein! Wieder ist es Rang 4. Wieder, nachdem sich Mujinga Kambundji bereits an der EM in Berlin dreimal mit dem undankbaren Platz direkt hinter dem Podest begnügen musste. Doch diesmal ist alles anders. «Sieht wohl so aus, als wäre das mein Lieblingsplatz», sagt Kambundji nach ihrem Rennen. Aber sie tut es mit einem Lächeln im Gesicht. «Denn dieser 4. Platz ist positiv. Ich bin eigentlich sogar ein bisschen von mir selbst überrascht. Denn ich war ziemlich müde im Kopf.» 11,14 Sekunden braucht Kambundji für die 100 Meter. Das sind 19 Hundertstel mehr als sie Mitte Juli bei ihrem neuen Schweizer Rekord (10,95) benötigte. Trotz vieler vierten Plätze: Kambundji darf zufrieden sein mit ihrer Saison.

Sprungers Ehrenrunde vor dem Flug nach Neuseeland.

   

Es ist nicht übertrieben, zu behaupten, Lea Sprungers Leben teile sich in zwei Abschnitte: In einen vor dem 10. August und einen danach. Es ist der Tag, an dem sie als erste Schweizer Leichtathletin EM-Gold gewann. «Heute werde ich auf der Strasse erkannt. Die Menschen wollen die Freude mit mir teilen», sagt die Romande. «Ich kann nicht mehr einfach so in Ruhe ins Restaurant gehen.» Dass sie im letzten Rennen der Saison über 400 Meter Hürden nur Rang 6 belegte und eine Sekunde über dem Schweizer Rekord blieb, stört sie kaum. Am Ende reichte die Kraft nicht einmal mehr, um den Blumenstrauss im ersten Anlauf ins Publikum zu werfen, für die lange Ehrenrunde aber schon. Nun macht sie Ferien in Neuseeland. «Dort kann mich dann niemand stören», sagt sie und lacht.

Alex Wilson und seine nächste Show.

  

Alex Wilson ist und bleibt ein Showman. Und das ist gut so. Soeben hat er sein Rennen über 200 Meter absolviert, und natürlich wird er sogleich vors Stadion-Mikrofongezerrt. Schliesslich sind die Interviews des Baslers direkt nach seinen Läufen längst Kult. «Phuu, das war anstrengend!», ruft er dem Publikum zu. Rang 6, 20,40 Sekunden, nicht überragend, aber okay – das ist das Fazit für ihn. «Zürich, ihr seid geili Sieche!», schreit
er jetzt und setzt an zu La Ola. Ehe er sich ausgiebig Zeit nimmt für die Ehrenrunde, Autogramme, Selfies und Abklatschen mit den Fans. Später im Bauch des Letzigrunds sagt er: «Jetzt brauche ich dringend Ferien!» Jamaika ist das Ziel des EM-Bronze-Medaillen-Gewinners. «Mindestens für vier Wochen! Aber dann greife ich wieder an.»

Die schlaflosen Nächte des norwegischen Posterboys.

  

Das blonde Haar adrett zum Scheitel frisiert, immer für einen Spruch zu haben, die Schuhsohlen goldig glänzend – das ist Karsten Warholm, Norweger, 22-jährig, Welt- und Europameister über 400 Meter Hürden. Doch zuletzt hatte er öfter das Nachsehen, als ihm lieb war: Vier Mal wurde er hinter Abderrahman Samba nur Zweiter. «Mich freut es, dass er nicht hier ist», sagt er vor dem Rennen. «¸Die Trophäe würde sich gut machen in meinem Wohnzimmer.» Der Katari Samba fehlte in Zürich, lief bei den Asien-Spielen. «Er gibt mir zu denken. Schlaflose Nächte habe ich aber nicht seinetwegen. Meine Freundin ist schliesslich hier.» Und doch wurde Warholm wieder nur Zweiter, besiegt von Kyron McMaster von den britischen Jungferninseln. Was die Freundin dazu wohl sagt?