Valon Behrami nimmt nach dem Ende seiner Karriere in der Nationalmannschaft kein Blatt vor den Mund. Er wirft Nati-Trainer Vladimir Petkovic im Gespräch mit dem Tessiner Fernsehen mangelndes Rückgrat vor. «Ich bin enttäuscht. Ich rede vom Trainer, von der ganzen Gruppe. Als Mensch schmerzt das sehr fest. Ich dachte, ich könnte gewissen Personen vertrauen. Dass sie mir ins Gesicht schauen. Die Hand auf die Schulter legen. Und nicht in einem dreissigsekündigen Telefonat mitzuteilen, dass ich nicht mehr dazugehöre.»

Petkovic versucht, den Flächenbrand zu löschen, indem er von einem «Missverständnis» spricht. Er habe nie definitive Entscheidungen getroffen. Öffentlich gesprochen hat er seit dem Ausscheiden in den Achtelfinals der Fussball-WM gegen Schweden bis heute nicht. Das schützt ihn nicht davor, von einem Fettnäpfchen ins nächste zu tappen. Gut möglich, dass Behrami, im Stolz verletzt, Tatsachen verdreht. Doch Fakt ist auch: Petkovic und Behrami konnten sich in ihrer Muttersprache Italienisch unterhalten. Die Erklärung, es handle sich um ein Missverständnis, wirkt auch angesichts des langen Schweigens befremdlich. 

Frei wurde zum Lügen angestiftet

Vermutlich wurde Petkovic von der Tragweite seiner Entscheidung überrascht und versucht nun, die Wogen zu glätten, indem er von einem Missverständnis spricht. Um zu erahnen, wie fatal solche Notlügen sein können, genügt ein Blick in die jüngere Vergangenheit der Schweizer Fussball-Nati. Im Jahr 2004 spielt diese an der EM in Portugal. Alex Frei spuckt Gegenspieler Steven Gerrard in den Nacken. Der Stürmer streitet dies auf Anraten des Verbandes vehement ab. «Ich habe nicht gespuckt, sondern ihn nur beschimpft», sagte er.

Die Bilder liessen keine zwei Meinungen zu: Alex Frei hatte Steven Gerrard im EM-Spiel 2004 in Portugal bespuckt.

Die Bilder liessen keine zwei Meinungen zu: Alex Frei hatte Steven Gerrard im EM-Spiel 2004 in Portugal bespuckt.

Dann strahlt der deutsche TV-Sender ZDF Aufnahmen von der Spuckaffäre aus, doch Frei ist nicht als Täter zu erkennen. Die Uefa stellt die Untersuchung wegen Beweismangels ein. Doch dann tauchen neue Bilder auf: solche vom Schweizer Fernsehen. Sie entlarven Alex Frei zweifellos als Spucker und damit auch als Lügner. Der Haken: Frei soll intern zugegeben haben, dass er Gerrard bespuckt hat, der Verband aber habe ihm daraufhin nahegelegt, dies abzustreiten. Die Bilder lassen indessen keine zwei Meinungen zu. 

Statt den Fehler einzugestehen, verhängt der Fussballverband ein Interview-Boykott gegen das Fernsehen. Frei wird von der Uefa provisorisch suspendiert und später für drei Spiele gesperrt. Die Wahrheit war stärker. Frei reagierte später mit mehr Klasse als die Oberen des Verbands. Er übernahm eine Patenschaft für ein Lama im Basler Zolli. Kostenpunkt: 1500 Franken pro Jahr für zwei Lamas. Auf seiner Homepage schrieb der Baselbieter damals: «Damit den Lamas in Zukunft die Spucke nicht mehr wegbleibt, habe ich persönlich für ein Lama aus dem Basler Zolli eine Patenschaft übernommen.»

Das Beispiel zeigt: Im Sinne aller Beteiligten wäre es am besten, wenn die ganze Wahrheit möglichst lückenlos auf dem Tisch liegt. Denn früher oder später holt sie einen ohnehin ein.