Eine Episode erklärt die Krise und ist für Tom Lüthi (31) zugleich eine Warnung. Der späte Nachmittag des 15. Juli auf dem Sachsenring. Hier ist der letzte GP vor der dreiwöchigen Sommerpause ausgefahren worden. MotoGP-Weltmeister Marc Marquez plaudert im Rahmen der offiziellen Medienkonferenz über seinen Sieg.

Zur gleichen Zeit braust Tom Lüthi mit seinem Manager Daniel Epp bereits über die Autobahn Richtung Prag. Die beiden fliegen noch am gleichen Abend ans Rote Meer. Sie sind passionierte Kite-Surfer. Tom Lüthi hat das Rennen als Drittletzter beendet.

Diese Szene sagt uns zweierlei. Erstens: Tom Lüthis grosses Abenteuer «Königsklasse» ist schon Mitte Saison gescheitert. Wenn die Sieger noch feiern und die grossen Verlierer ihre Niederlagen analysieren, befindet sich unser letzter Töffstar auf dem Weg in die Sommerferien.

Seine Professionalität und Leidenschaft stehen nicht zur Debatte. Niemand kann ihm verargen, dass er das Fahrerlager so schnell wie möglich verlassen hat. Längst ist ihm klargeworden, dass er in der «Königsklasse» nichts verloren hat.

Und doch ist es eine Warnung, und damit sind wir beim zweiten Punkt: Tom Lüthi gehört bereits zur «alten Garde». Eine neue Generation ist herangewachsen. Vor fünf, sechs Jahren machten Talent 70 und die Unerbittlichkeit im Zweikampf höchsten 30 Prozent aus. Heute gilt: 70 Prozent Biss, 30 Prozent Talent.

Die Asphaltcowboys verhalten sich immer mehr wie «Krieger». Den Zweikampfinstinkt schärfen die Titanen im Töffsattel. Nicht auf Surfbrettern. Auch Valentino Rossi gehört im Alter von 39 Jahren noch immer zu diesen «verrückten Hunden», die so viel Zeit wie möglich auf motorisierten Zweirädern verbringen.

Tom Lüthis Scheitern auf höchstem Niveau hat viele Ursachen, die er nicht beeinflussen konnte: der Zerfall seines Teams, die komplizierte Elektronik der Höllenmaschinen, die er nicht versteht.

Aber längst hat sich gezeigt: er hat im Herbst seiner Karriere zu wenig «Biss» für die ultimative Herausforderung Königsklasse. Am letzten Wochenende offizialisierte er bereits acht Rennen vor Saisonschluss seine Rückkehr in die Moto2-WM. Er wird für ein deutsches Team die Moto2-WM 2019 und 2020 bestreiten.

Noch hat der Berner den Ruf, in der Moto2-WM ein Titelanwärter zu sein. 2016 und 2017 hat er die zweitwichtigste WM auf dem 2. Platz beendet. Aber motorisierter Ruhm verwelkt schneller als die Blumensträusse nach den Siegerehrungen.

Tom Lüthi wird in der aktuellen fahrerischen Verfassung nächste Saison in der Moto2-WM gegen eine «wilde» Konkurrenz chancenlos sein. Er hat in den paar Monaten in der «Königsklasse» «Renninstinkt» und «Biss» verloren. Seit der Sommerpause fährt er so schwach wie nie seit dem Einstieg in den GP-Zirkus vor 15 Jahren. Am Sonntag musste er die Schmach des letzten Platzes hinnehmen.

Kürzlich sinnierte sein Manager Daniel Epp im kleinen Kreis, das Programm müsse während der Winterpause radikal umgebaut werden. Er ahnt: Wenn Tom Lüthi den Winter erneut zur Erholung und nicht zur Schärfung seines «Kampfinstinkts» in Töffsätteln nützt, gibt es im nächsten Frühjahr ein böses Erwachen. Tom Lüthi ist am kritischen Punkt seiner Karriere angelangt.