Jeremy Seewer, im Herbst wussten Sie nicht, wie es weitergehen soll. Nun verbuchen Sie in der wichtigsten WM-Klasse Spitzenresultate. Wie stellen Sie das an?

Jeremy Seewer: Es waren unangenehme Tage, als ich nach der vergangenen Saison trotz eines gültigen Vertrags vor die Tatsache gestellt wurde, dass es mit Suzuki nicht weitergeht. Ich war immerhin WM-Zweiter und bin immer für diese Marke gefahren. Aber ich habe die richtigen Leute in meinem Umfeld, die mich dann mit Yamaha in Verbindung brachten.

Sie mussten viel auf einmal verkraften: neuer Rennstall, neues Material und neue Klasse. Wurden Sie nie unsicher?

Ich musste wieder bei null anfangen. Aber ich bin erstaunlich ruhig geblieben, aus welchen Gründen auch immer. Ich konnte trotz der ungesicherten sportlichen Zukunft sogar die Ferien geniessen nach dem Ende der vergangenen Saison.

Suzuki hätte Ihnen eine Werksmaschine zur Verfügung gestellt, jetzt sind Sie in einem Privatteam untergebracht. Welches sind die wesentlichen Unterschiede?

Ein Werksteam wie Suzuki stellt dir die besten Teile für das Motorrad zur Verfügung. Diese werden in Japan hergestellt, sind unverkäuflich und in manchen Fällen ausserordentlich teuer, fast unbezahlbar. Im Privatteam sind wir mit einer Standardausrüstung unterwegs. Aber es gibt auch Vorteile. Wir sind viel flexibler. Übertrieben ausgedrückt könnten wir über Nacht einen Motor verkehrt einbauen. Im Werksteam muss man dagegen fast immer auf die Anordnungen aus Japan warten.

Sie fahren seit dieser Saison in der MXGP-Kategorie, dem Nonplusultra im Motocrosssport. Sie sind als WM-Achter der stärkste Privatfahrer. Gibt es schon Begehrlichkeiten?

Ich habe das Glück, dass ich nächste Saison mit einer Yamaha-Werksmaschine fahren darf. Mit meinem jetzigen Team hatte ich zwar noch einen bis Ende 2019 gültigen Vertrag. Aber ich war aufgrund der starken Saison in einer guten Position. Nun ist meine Zukunft auf höchstem internationalem Niveau bis auf weiteres gesichert.

Hatten Sie im Vorfeld der Saison erwartet, dass Sie in der wichtigsten Klasse konkurrenzfähig sind?

Ich hatte mir solch gute Resultate höchstens erhofft. Es war schon mein Ziel, unter die ersten zehn zu kommen. Ich arbeitete hart, blieb immer fokussiert, und im neuen Rennstall fühle ich mich gut aufgehoben. Die guten Leistungen geben mir jetzt Selbstvertrauen. Zudem bin ich ein positiv denkender Mensch.

In Ihrer Sportart sind Sie ein Star, aber im Schweizer Sport noch keine Grösse. Wann ändert sich das?

Ich hoffe, dass die WM-Rennen in Frauenfeld noch einige Jahre durchgeführt werden. Frauenfeld trägt viel zur Popularität unserer Sportart bei. Das hat man in den vergangenen zwei Jahren gespürt. Insbesondere als das Schweizer Fernsehen vor einem Jahr begann, live aus Frauenfeld zu übertragen.

In der Schweiz ist Motocross eine Randsportart. Weshalb kommen jeweils über 30 000 an den Schweizer Grand Prix von Frauenfeld?

Es ist der einzige internationale Grossanlass dieser Art im Land. Natürlich wird Motocross nie so populär sein wie Fussball, aber es gibt viele in der Schweiz, die sich mit dem Motorsport verbunden fühlen. Ausserdem fahren drei Schweizer auf höchstem Niveau mit und die Wettkämpfe sind hervorragend organisiert. Zweimal wurde der MXGP Frauenfeld durchgeführt, zweimal erhielt der Anlass die Auszeichnung als bester Organisator.

Trotzdem gibt es lautstarke Proteste gegen das Rennen. Die Austragung 2019 steht auf der Kippe. Wie stehen Sie dazu?

Ein bisschen bekomme ich es schon mit. Es ist halt so in einer Demokratie: Ein paar Leute können viel Einfluss haben. Aber ich finde, zwei, drei Tage Lärm sind doch zumutbar. Zumal das Rennen ja auch wirtschaftlich ein bedeutender Faktor ist für die Region.

Was bedeutet Ihnen Ihr Heimrennen? Sie sind auch Mitglied des organisierenden Motor- und Radsportvereins Frauenfeld.

Ein Kindheitstraum geht in Erfüllung. Ich stellte mir einst vor, einmal die WM zu bestreiten. Das ist nun Tatsache. Die Wettkämpfe finden fast vor meiner Haustüre statt. Ich weiss, dass viele, viele Leute nur wegen mir kommen. Das ist eine grosse Motivation.

Die WM-Saison umfasst 40 Rennen auf der ganzen Welt. Sie starten auch in Argentinien und Indonesien. Kommt wegen der vielen Reisen das Training nicht zu kurz?

Viele Leuten meinen, der Töff nehme uns alles ab. Aber wir müssen körperlich topfit sein. Das kann man unterwegs ebenfalls trainieren. Das Training mit dem Motorrad kommt natürlich auch nicht zu kurz. Im Rahmen der MXGP-Wochenenden stehen immer Trainings auf den WM-Strecken auf dem Programm. Ausserdem halten wir uns in rennfreien Wochen häufig zum Testen in Belgien auf. Belgien ist das Mekka des Motocrosssports. Dort gibt es viele Strecken und Vergleichsmöglichkeiten.

Bei einem solchen Programm müssen Sie Profi sein. Haben Sie genügend Sponsoren?

Ja, aber wohl nur, weil ich mich schon früh in meiner Karriere darum gekümmert habe. Ich habe mir das hart erarbeitet. In einigen Fällen hatte ich auch Glück. Dazu habe ich einen Fanclub, der mich unterstützt. Es ist schwierig, in dieser Sportart ausreichend Geldgeber zu finden. Natürlich freuen wir uns über jeden neuen Sponsor.

Wie häufig sind Sie noch in der Schweiz anzutreffen?

Nach der Saison mache ich immer einen Monat Ferien, und zwar daheim. Weil ich sonst so oft unterwegs bin. Dann treffe ich Freunde und Kollegen und gehe meinen Hobbys nach wie Mountainbikefahren. Und wenn die Rennen in Europa stattfinden, gibt es immer wieder einige Tage zu Hause.

In einer Qualifikationsprüfung in Indonesien fuhren Sie vor 47 000 Zuschauern.

Indonesien ist speziell. In diesem Land gibt es fast keine Autos, alle fahren Motorrad. Deshalb ist das Interesse am Motorradsport riesig. Selbst meine Freundin, die mich begleitete, musste immer wieder Wünsche nach Selfies erfüllen.

Reicht es Ihnen noch auf das Podest in dieser Saison? Vielleicht schon am Sonntag in Frauenfeld?

Das wäre das Höchste aller Gefühle. Ich bin in dieser Saison ja schon mehrmals Fünfter geworden. Ich habe auch schon Gegner hinter mir gelassen, die während dieser WM aufs Podest gefahren sind. Aber ich werde mich nicht unter Druck setzen.