Wann kommt die Erlösung? Das ist die Frage, die sich der Schweizer Motorradfahrer Tom Lüthi vor dem 4. MotoGP-Rennen seiner Karriere stellt. In den ersten drei Rennen der Saison blieb Lüthi punktelos. Nun steht in Jerez das erste Rennen der Saison auf europäischem Boden an.

Können Sie das Gefühl beschreiben, mit Tempo 300 auf eine Kurve zuzurasen?

Tom Lüthi: Das ist ziemlich schwierig. Weil für uns Rennfahrer dieses Gefühl ziemlich «normal» ist, und kaum spektakulär. Wir tun das Runde für Runde. Klar tönt das im Prinzip «unglaublich». Aber als Rennfahrer spürst du das nicht mehr so. Wenn, dann würde ich eher das Kurvenfahren mit 240 km/h und den Knien am Boden als speziell bezeichnen. Diese Fähigkeiten sind ein Produkt von sehr viel Arbeit. Aber das alles kann man nicht beschreiben. Das muss man selbst erleben.

Seit diesem Jahr fahren Sie in der MotoGP-Klasse. Was ist anders, verglichen mit der Moto2?

Ich würde nicht grad sagen, es ist eine andere Sportart – aber es ist schon eine andere Welt. Mehr PS, mehr Elektronik, mehr Leute rundherum, andere taktische Aspekte. Ich kann noch viel lernen.

Was hat sich verändert in Ihrem Leben seit diesem Jahr?

Schon einiges. Ich habe eindeutig mehr Stress, muss viel mehr planen. Manchmal denke ich, ich komme vor lauter Terminen gar nicht mehr zum Trainieren. Die neue Welt bietet nicht nur Schönes – aber das Schöne überwiegt, ganz klar.

An welche schönen Seiten denken Sie?

Es ist die Königsklasse. Ich spüre einen grossen Stolz. Ich bin stolz, dass ich den Aufstieg nach all den Jahren geschafft habe. Nicht, dass ich nun damit schon zufrieden wäre. Es gibt kein «dabei sein ist alles». Ich habe meine Ziele. Schliesslich will ich auch nächste Saison noch dabei sein. Ich geniesse die Arbeit mit meinem neuen Team. Es ist gross und extrem professionell. Alles ziemlich eindrücklich und schön.

Was macht die Faszination Motorradfahren aus?

Ein Wort: Emotionen! Das ist im Sport allgemein so, der Sport definiert sich über Emotionen. Und natürlich ist viel Adrenalin dabei. Töff fahren ist ein Extremsport. Die Geschwindigkeit ist faszinierend. Und das Gerät, der Töff, alleine schon da drauf zu sitzen, ist berauschend.

Wer Töff fahren hört, denkt auch: laut und stinkig.

Stopp! Da muss ich gleich einschreiten: Warum stinkig? Da wird mein Sport extrem schmutzig gemacht mit solchen Aussagen – und das ist er nicht.

Tom Lüthi an der Swiss-Moto zu seinen ersten offiziellen MotoGP-Tests

Tom Lüthi an der Swiss-Moto zu seinen ersten offiziellen MotoGP-Tests

  

Aber laut?

Das stimmt. Aber laut sein, das gehört dazu, das ist Sound, das sind Emotionen.

Waren Sie davon seit je fasziniert?

Auf jeden Fall. Der Sound ist faszinierend. Sound gehört dazu. Natürlich, die Töffs sind eigentlich zu laut. Ich brauche Ohrenschützer, um drauf sitzen zu können. Aber für die Zuschauer auf der Tribüne ist es sehr spektakulär. Es ist mächtiger, wenn es laut ist. In der Formel 1 haben sie vor zwei Jahren die Motorenregelungen geändert. Das war enttäuschend, weil es viel weniger spektakulär ist. Klar, man gewöhnt sich daran. Aber für mich ist der ganze Sound etwas Wichtiges.

Wenn Sie auf dem Töff sitzen, bleibt da auch Platz für Genuss?

Für mich ist es ein Job. Es ist Arbeit. Aber auch Emotionen, Faszination, Leidenschaft.

Töff-Rennen haben Open-Air-Charakter. Manche Zuschauer zelebrieren das. Was bekommen Sie davon mit?

Ich finde das sehr cool. Ich muss es wieder ansprechen: Da werden Emotionen und Leidenschaft sichtbar. Wenn ich vom Hotel ins Fahrerlager gehe, bekomme ich gut mit, was an der Strecke läuft. Danach bin ich in meinem Tunnel, voller Konzentration. Aber auf der Auslauf- oder Aufwärmrunde schaue ich schon auf die Tribüne. Diese Stimmung, diese Begeisterung, das ist eigentlich unvorstellbar. Daraus ziehe ich grosse Motivation.

Wie gehen Sie mit dem Thema Verletzungen und Stürze um?

Eines ist mir wichtig: Es ist keine Angst dabei. Wenn ich einen Fehler gemacht habe, weiss ich genau, was ich falsch gemacht habe. Wenn ich es wieder falsch mache, bin ich selber schuld.

Muss man als Töfffahrer damit leben, dass stets etwas passieren könnte?

Nein, auf keinen Fall. Dann müsste ich aufhören damit. Ich arbeite den ganzen Winter an meiner Fitness. Ich bereite mich körperlich top vor. Wir sind alles Vollprofis. Das ist nicht einfach ein bisschen kopflos mit dem Töff im Kreis herum fahren. Das ist hoch professionell, technisch auf dem höchsten Niveau der Welt. Ich arbeite ständig an mir, dass ich bereit dafür bin. Zudem bin ich immer voll fokussiert und konzentriert. Es tönt, als würde ich da ein bisschen was Hobbymässiges tun – aber das ist es auf keinen Fall.

Trotzdem gab es in der jüngeren Vergangenheit einige schwere Stürze, zum Teil tödliche ...

... ja, das ist passiert. Da wurde uns vor Augen geführt, wie gefährlich unser Sport sein kann. Aber ich konnte das verarbeiten, es ist vorbei, zum Glück. Auch wenn es schwierig war. Und dann muss ich mich trotzdem selbst fragen: Will ich weiterfahren oder nicht? Das ist schon so. Aber wenn ich mich entscheide, dann gibt es entweder 100 Prozent oder gar nicht. Die Grauzone zwischendrin gibt es nicht.