In Andalusien versinkt gerade die Sonne hinter dem Horizont. Der Schweizer Töfffahrer Dominique Aegerter sitzt im Büro des Teamlasters wie ein Häufchen Elend.

Der einst so charismatische Siegfahrer, der in seinen besten Zeiten auf Augenhöhe mit Tom Lüthi war, wirkt kleinlaut und verloren wie ein Zugvogel, der den Abflug nach Süden verpasst hat.

Der zweite von drei offiziellen Testtagen in Jerez ist zu Ende. Wie jedes Jahr treten hier erstmals alle Moto2-Haudegen mit ihren neuen Höllenmaschinen an. Und nun zeigt sich: MV  Agusta ist nicht konkurrenzfähig. Aegerter fährt hinterher.

Er ist gerade mal die Nummer 24 unter 32 Piloten, auch weit hinter Tom Lüthi (12.). Wer bei diesen Tests nicht mindestens unter den ersten 15 ist, kann den Rückstand bis zum Ende der Saison nicht mehr aufholen. Am 10. März folgt bereits das erste Rennen.

Dominique Aegerter erzählt, schon Ende Dezember habe ihn ein ungutes Gefühl beschlichen. «Ich habe zum ersten Mal in San Marino die Werkstatt besucht, in der unsere Chassis gebaut werden. Alles war so sauber und gut aufgeräumt, dass ich nicht selbst gefragt habe, ob da überhaupt gearbeitet wird …»

Die Frage ist wahrscheinlich berechtigt. 2019 wird nicht mehr mit Vierzylinder-Motoren von Honda, sondern mit Dreizylinder-Triebwerken von Triumph gefahren. Alle haben wiederum die gleichen Motoren. Aber alle mussten ein neues Fahrwerk bauen. Während die Konkurrenz – KTM und Kalex – bereits während der vergangenen Saison intensiv testete und weiterentwickelte, war man bei MV Agusta offenbar ein wenig saumselig. Dominique Aegerter klagt: «Wir haben vor diesen Test in Jerez ja kaum 100 Runden richtig fahren können …»

Vier fast sechsstellige Raten

Er ist in eine grandiose «Commedia dell’arte» gerutscht. In ein italienisches Töff-Volkstheater. MV Agusta ist eine magische Marke, mit der Giacomo Agostini der erfolgreichste Fahrer aller Zeiten wurde. Aber bereits vor mehr als 40 Jahren haben die Italiener die Bühne verlassen. Nun wird versucht, mit der Wiederbelebung Geld zu machen. Ein Bike für die MotoGP zu bauen, ist unmöglich. Also erfolgt das Comeback in der Moto2-WM. Hier muss man «nur» Fahrgestell bauen.

Der Italiener Giovanni Cuzari ist seit 2009 mit überschaubarem Erfolg im Töff-Zirkus. Mit seinem Team versucht MV Agusta das Comeback. Dominique Aegerter also MV-Agusta-Werksfahrer? Ach was. Kratzt man den Lack ab, kommt darunter Cuzaris alte Forward-Mannschaft mit der kessen Teammanagerin Milena Körner hervor. Und warum soll Cuzari Geld für Piloten ausgeben, wenn man sowieso kaum siegen wird?

Die logische Konsequenz: Wer MV Agusta fahren will, muss zahlen. Stefano Manzi (20), ein Bruchpilot (2018 31 Unfälle – Rekord) und Kumpel von Valentino Rossi hat sich für zwei Jahre eingekauft. Dominique Aegerter hat mangels Alternativen den zweiten Platz bei MV Agusta erworben. Die erste Rate von vier fast sechsstelligen Raten musste er schon überwiesen. Das übrige Geld sollen ihm nun die zwei neuen Manager Heinz Schlatter und Oliver Imfeld besorgen. Es wartet viel Arbeit.