Die Szene an der Siegerehrung passte ganz genau zu ihm. Die britische Nationalhymne war längst verklungen im Velodrome in Grenchen, als die sechs Briten ihren Sieg in der Team-Verfolgung noch immer im Blitzlichtgewitter der Fotografen zelebrierten. Respektive deren fünf von ihnen. Einer wies die anderen ganz dezent dazu an, das Podest so langsam aber sicher zu verlassen. Sein Blick: durchaus spitzbübisch, verstohlen. Er erinnerte an jemanden, der etwas angestellt hatte und möglichst schnell das Weite suchen wollte. Weg vom Ort des Geschehens. Dabei hatte Bradley gar keinen Grund dazu. Schliesslich führte er den britischen Vierer kurz zuvor zum erwarteten EM-Titel.

Der 35-Jährige liebt es nicht sonderlich, im Rampenlicht zu stehen. Er verzieht sich lieber in die englische Box und lässt die Beine baumeln. Es ist die grosse Kontroverse in der Karriere von Bradley Wiggins. Denn seine Erfolge bringen es mit sich, sich auf der grossen Bühne zu bewegen. 2012 hat er als erster Brite überhaupt die Tour de France gewonnen. Darauf wurde er von der Queen zum Ritter geschlagen, was, im Land der Traditionen, einer gewaltigen Anerkennung für seine Verdienste gleichkam. Er ist vierfacher Olympiasieger und siebenfacher Weltmeister. Und er hat vor allem eines: Charisma. Wenn Bradley Wiggins das Stadion betritt, dann sind die Blicke auf ihn gerichtet.

„Er ist der grösste Sportler, den Grossbritannien je hervorgebracht hat“, sagt etwa Shane Sutton. Der Australier muss es wissen. Als technischer Direktor des britischen Verbands ist er so nah an Wiggins dran, wie kaum ein anderer. „Er hat in der Bevölkerung ein extrem hohes Ansehen, ist sehr populär.“ Zu tun habe dies auch mit seiner Herkunft, so Sutton. Wiggins ging den Weg der sportlichen Tellerwäscherkarriere. Sutton beschreibt ihn als „kid of the streets of London“, als Junge, der, zusammen mit seiner alleinerziehenden Mutter, in den Strassen Londons aufgewachsen ist und den Sprung auf den Olymp des Sports geschafft hat. Das ist die eine Seite des Mythos um Bradley Wiggins.

Doch was macht den zurückhaltenden Briten aus dem Nordwesten Englands so einzigartig? In einer Sportart notabene, welche seit Jahrzehnten vergeblich einen Ausweg sucht aus dem Strudel von Negativschlagzeilen. Der Mythos Wiggins hat verschiedene Facetten. „Er hat einen sehr bescheidenen Charakter”, nennt Sutton eine Eigenschaft, welche gerade in Grossbritannien zum guten Ton gehört. “Und er ist ein absolut kompletter Athlet. Er hat alle wichtigen Titel gewonnen. Es ware dasselbe, wie wenn Mo Farah auch auf der Sprintstrecke siegen würde.”

Mit beigetragen zum ausserordentlichen Ansehen hat auch der Umgang des Briten mit dem Thema Doping. Dass er sich von Anfang an als grosser Gegner positionierte, das alleine reichte dafür nicht. Es gibt genügend Beispiele von anderen Fahrern, welche sich kategorisch gegen die illegalen Hilfsmittel aussprachen, um dann doch deren Einnahme überführt worden zu sein. Wenn sich Wiggins zum Thema Doping äusserte, dann tat er dies auf seine Art und Weise. Und es tönte überzeugend.

In der renommierten britischen Tageszeitung The Guardian beispielsweise erinnerte er sich an die Tour de France 2007, als er mit seinem Team Cofidis, nach einem positiven Dopingtest von Cristian Moreni, ausgeschlossen wurde. „Auf dem Heimweg warf ich mein Cofidis-Leibchen am Flughafen von Pau in einen Abfallkübel, denn ich wollte auf keinen Fall mehr darin gesehen werden. Ich habe mir geschworen, nie mehr in diesem Dress ein Rennen zu fahren. Ich hatte echt die Nase voll.“

Wiggins kommt auch auf die grundsätzlich unterschiedliche Auffassung des Themas zu sprechen. Darauf, dass in seiner Heimat die Haltung gegenüber Doping eine andere sei als etwa in Italien oder Frankreich. „Dort kann ein Fahrer wie Richard Virenque dopen, erwischt und gesperrt, zurückkommen und auf einen Schlag wieder zum Liebling der Massen werden.“ Hätte er selber gedopt, er hätte alles verloren. „Mein Ansehen, meine Lebensgrundlage, meine Familie, mein Haus. Aber auch alles, was ich sportlich erreicht habe: die olympischen Medaillen, all meine Weltmeistertitel.“

Das Schlimmste: Er würde sein Gesicht verlieren. „Ich müsste meine Kinder in einem kleinen Dorf in Lancashire in die Schule bringen, im Wissen, dass mich dort alle schräg anschauen, weil ich betrogen und die Tour nur gewonnen habe, weil ich gedopt habe.“ Doch es gehe nicht nur um ihn. Sein ganzes Umfeld befindet sich in Grossbritannien. Seine Frau organisiert Rennen in Lancashire, Wiggins selber organisiert Ausfahrten für Radfans. Sein Schwiegervater arbeitet bei British Cycling und könnte sich dort nicht mehr zeigen. „Es geht nicht nur um mich. Würde ich dopen, so setzte ich das ganze Team aufs Spiel. All das will ich nicht riskieren. Ich fahre Rad, weil ich es liebe.“

In diesem Punkt zumindest zeigt Wiggins zwei Gesichter. Auf den Bahnradsport bezogen trifft das zwar zu. 1999 fuhr der Brite sein erstes Rennen auf der Bahn, und noch immer gilt diesem Bereich seine Liebe, wie er stets betont. Auf der Strasse hingegen fuhr er vor allem deswegen, um Geld zu verdienen. Er habe es gar gehasst, Tour-de-France-Sieger zu sein und mit den immer gleichen Fragen zum Thema Doping und Lance Armstrong konfrontiert worden zu sein. Es ist auch diese Direktheit, welche den Mythos Wiggins ausmacht.

Ein Puzzleteil mag auch sein, dass er sich rarmacht. „Ich bin nicht mehr der Jüngste“, sagte er am Rande der Mannschaftsverfolgung an der EM in Grenchen. Und: „Ich will mich auf die wichtigen Rennen konzentrieren.“ Leider, aus Sicht der Fans und auch von Stefan Küng, welcher sich ausdrücklich auf das Duell gegen Wiggins gefreut hatte, gehörte die EM-Einzelverfolgung vom Samstag nicht dazu. Das Rennen ist nicht olympisch, anders als der Teamevent, welcher am Donnerstagabend klar zugunsten des britischen Teams ausging.

Schon im Vorfeld der Bahn-EM bündelte Wiggins seine Kräfte, setzte Prioritäten. Im April beendete er seine Strassenkarriere mit (dem enttäuschenden) Rang 18 beim Klassiker Paris – Roubaix, später verbesserte er in London den Stundenweltrekord auf 54,526 Kilometer. Der letzte Höhepunkt soll in Rio 2016 folgen, wo Wiggins in der Mannschaftsverfolgung seinen 5. Titel anstrebt. Braucht das starke britische Team, in welchen sich fast ein Dutzend Fahrer um einen Platz im Bahnvierer duellieren, Wiggins überhaupt noch? „Für dieses Projekt brauchen wir sogar einen grossartigen Bradley“, entgegnet Shane Sutton. „Er war schon in Peking die grosse Figur, als wir Gold gewannen. An Grossanlässen wie den Olympischen Spielen braucht es genauso einen, wie ihn.“

Rio also wird die letzte Station in der Karriere des Bradley Wiggins. Er müsste bei diesem Projekt nicht mehr mitmachen, wirft Sutton ein, „aber er will.“ Sein Antrieb ist es, den grossen Chris Hoy als erfolgreichsten britischen Olympioniken abzulösen und die 8. Medaille an Olympischen Spielen zu holen. Das ist seine letzte Motivation. Ansonsten, ist Sutton sicher, hätte Bradley Wiggins schon im letzten Jahr seine Karriere beendet.