Wandern ist nicht so das Ding von Kathrin Stirnemann. Die Aargauerin liebt es, Strecken auf dem Mountainbike sitzend und strampelnd zu bewältigen. Darum gehörte sie auch nicht zu der Gruppe von Schweizer Athleten, die in den vergangenen Monaten den WM-Rundkurs in Lenzerheide per pedes abgelaufen sind, um sich die wichtigen Passagen zentimetergenau einzuprägen. Es gibt verschiedene Wege, so einen Parcours auswendig zu lernen. «Mir hilft die ständige Repetition der Schlüsselstellen mehr als eine Begehung», sagt Stirnemann, die die WM-Strecke sicher über 60-mal absolviert hat.

WM-Titelverteidigerin Jolanda Neff war in den Tagen vor dem Cross-Country-Wettkampf von morgen Samstag (Start Elite Frauen 12.30 / Elite Männer 15.30 Uhr) noch «exakt viermal» auf dem Parcours. Als unmittelbare Vorbereitung reicht das der Ostschweizerin. Sie hat sich ihr ganzes Know-how im Juni angeeignet, als man die Strecke noch einmal minutiös analysiert hat. Sie weiss ganz genau, was sie erwartet: «Es ist ein sehr intensiver Kurs, auf dem ich mich aber sehr wohl fühle.»

«Bis man den perfekten Weg gefunden hat»

Als intensiv darf man auch die Vorbereitungen von Team-Senior Florian Vogel (36) bezeichnen. Der Aargauer, der seit 14 Jahren in Jona lebt, hat nach eigener Aussage «sehr viel investiert, um die Strecke genau kennen zu lernen.» Während der letzten zwei Monate war er insgesamt eineinhalb Wochen in Lenzerheide. Und wie lernt man so einen Rundkurs auswendig? Vogel: «Man fährt mal eine Runde, schaut sich dann gewisse Passagen zu Fuss an, probiert dort dann verschiedene Linien aus, stoppt die Zeiten. Das wiederholt man immer und immer wieder, bis man den perfekten Weg gefunden hat.» 

Man merkt deutlich: Bei seiner 20. (!) WM will Florian Vogel nichts dem Zufall überlassen. «Auf den ersten Blick hat man das Gefühl, dass die genaue Streckenkenntnis hier nicht so ins Gewicht fällt. Auf den zweiten Blick merkt man aber, dass man punkto Linienwahl eben recht frei ist, weil der Parcours ziemlich breit ausgesteckt ist. Besonders im späteren Verlauf des Rennens kann die perfekte Linienwahl entscheidend sein, wenn man dadurch vorher mehr Energie sparen konnte», erklärt Vogel und fügt an, dass so eine intensive Auseinandersetzung mit der Strecke im Alltag kaum möglich ist: «Besonders bei neuen Strecken im Weltcup hat man gerade mal zwei Tage Zeit, den Parcours kennen zu lernen.»

In der Theorie tönt das aus Schweizer Sicht also alles recht vielversprechend. Doch wie gross ist der Heimvorteil punkto Strecke im Wettkampf dann tatsächlich? Und wie entscheidend ist er überhaupt? Dazu gehen die Meinungen stark auseinander. Ausgerechnet der sechsfache Weltmeister und Olympiasieger Nino Schurter tritt diesbezüglich auf die Euphoriebremse. Er sagt: «Der Vorteil ist minim. Denn die Strecke verändert sich in den Tagen vor dem Wettkampf so stark, dass sich die Ideallinien, die ich vor zwei Wochen erkannt habe, inzwischen schon wieder verschoben haben.»

Man müsse sich vor Augen halten, dass alle WM-Teilnehmer in den Trainings x-mal den Parcours befahren. «All die Wurzeln, die vorher noch ein grösseres Hindernis darstellten, sind inzwischen abgefahren.» Er müsse also, sagt Schurter, «genau gleich viel wie die Konkurrenz in den Tagen vor dem Rennen investieren, um die optimale Linie zu finden.» Diametral anders tönt es bei Florian Vogel: «Der Vorteil ist, dass man sehr selbstsicher ins Rennen gehen kann und in der Vorbereitung nicht mehr allzu viel in diesem Bereich investieren muss.»

In eine ähnliche Richtung wie Schurter geht auch die Analyse von Thomas Peter, dem technischen Direktor von Swiss Cycling, der bis 2011 als Disziplinenchef Mountainbike amtete. Er sagt: «Der Vorteil der genauen Streckenkenntnis ist auf Elite-Level der Männer marginal.» Ein anderes Thema sei es im Bereich Frauen und Junioren, wo die technischen Fähigkeiten der Fahrerinnen und Fahrer doch recht unterschiedlich sein können.

Der Faktor Wetter

Und Peter führt noch einen weiteren, vielleicht weit entscheidenderen Faktor, ins Feld: das Wetter. «Wenn die Strecke nass ist, dann ist das sicher ein Vorteil für unsere Fahrer, weil wir den Parcours schon bei allen Bedingungen unter die Lupe genommen haben und wir deshalb wissen, was uns erwartet.»

Auch deshalb hofft Jolanda Neff auf einen verregneten Freitag, damit der Parcours schön nass wird. «Am Samstag darf es wieder schön sein, damit möglichst viele Zuschauer kommen», sagt sie lachend. Sie weiss: Laute, anfeuernde Fans am Streckenrand sind der grösste Heimvorteil.