Die Menükarte des Schweizer Profiteams IAM Cycling für das heutige Abendessen im Teamhotel in Weggis nach der zweiten Etappe der Tour de Suisse liest sich wie folgt: Salatbuffet, gebratenes Kalbfleisch mit Kartoffeln, ein Pasta- und ein Buchweizengericht, gemischtes gekochtes Gemüse, Joghurt-Kuchen mit Quark oder Fruchtsalat mit Kuchen. Das mag auf den ersten Blick wenig spektakulär klingen, doch praktisch jede Zutat ist bewusst gewählt: Wenn es um die Ernährung geht, wird bei IAM Cycling kaum etwas dem Zufall überlassen.

Minutiöse Planung
Das heutige Abendmenü ist Teil eines Masterplanes, den Team-Ernährungsberaterin Laura Martinelli für die ganze Tour de Suisse ausgearbeitet hat. Im Unterschied zu den dreiwöchigen Rundfahrten wie der Tour de France oder dem Giro d’Italia hat IAM Cycling zwar keinen eigenen Koch mit dabei. Doch Martinelli hat im Voraus sämtliche Mahlzeiten mit den Hotels abgesprochen, in denen die Fahrer während der Tour logieren.

Die Ernährung ist einer der Schlüsselfaktoren, wenn es um den Erfolg im Radsport geht. In diesem Bereich haben die Profiteams im vergangenen Jahrzehnt einen enormen Professionalisierungsschub durchgemacht. Noch vor wenigen Jahren hatte kaum eine Equipe einen Ernährungsspezialisten im Team, heute gehört dies zum Standard.

Gewicht-Kraft-Verhältnis in den Bergen entscheidend
Wer eine der grossen Rundfahrten gewinnen will, muss vor allem gut über die Berge kommen. Dafür darf er kein Gramm zu viel auf den Rippen haben, wie die Beispiele der spindeldürren Tour-de-France-Sieger Christopher Froome, Bradley Wiggins oder Alberto Contador zeigen. «Das Gewicht-Kraft-Verhältnis ist in den Bergen entscheidend», sagt Ernährungsberaterin Martinelli, welche die körperliche Verfassung der Fahrer in enger Zusammenarbeit mit Teamarzt und Trainer regelmässig anhand von Indikatoren wie Fettanteil oder Blutwerten überprüft.

Da die Fahrer in Training und Rennen täglich Stunden im Sattel sitzen, ist ihr Energiebedarf enorm. Auf einer schweren Bergetappe an der Tour de France können die Profis an einem Tag bis zu 10 000 Kilokalorien verbrennen – was ungefähr 26 Portionen Spaghetti entspricht. Dazu gilt es einen Flüssigkeitsverlust von bis zu 12 Litern auszugleichen, um einer Dehydrierung vorzubeugen.

Effizienter Stoffwechsel
Während der langen Etappenrennen ist es für die Fahrer deshalb vor allem wichtig, genügend zu essen und zu trinken. Dies gelingt den Profis auch deshalb, weil ihr Stoffwechsel enorm effizient funktioniert. «Die üblichen Tabellen für Energieaufwand und Kalorienbedarf lassen sich für Topathleten nur beschränkt anwenden», sagt Martinelli. «Radprofis sind richtige Verwertungsmaschinen.» Dabei spielen einerseits die genetischen Anlagen, vor allem aber das jahrelange Training eine Rolle.

Wenn sich die IAM-Profis heute Abend in Weggis zu Tisch setzen, haben sie bereits etwas im Magen. Unmittelbar nach der Zielankunft nehmen sie im Teambus einen Recovery Shake sowie eine Reis- oder Dinkelmahlzeit zu sich, die der Busfahrer in der kleinen mobilen Küche für sie zubereitet hat. Generell benötigen die Radfahrer als Ausdauersportler vor allem eine grosse Menge an Kohlenhydraten. Aber auch die insbesondere für die Erholung wichtigen Proteine sowie gewisse Fettarten dürfen auf dem Menüplan nicht fehlen.

90 Gramm Kohlenhydrate nehmen sie pro Stunde
Während der Rennen verpflegen sich die Profis dauernd mittels konzentrierter Sportlernahrung. Rund 90 Gramm Kohlenhydrate nehmen sie pro Stunde zu sich – zu Beginn vor allem in Form von Energiestängeln, später als Gels und gegen Ende mit sogenannten Boosters mit hoher Zucker- und Koffeinkonzentration. Bei aller Professionalität geht der Plan allerdings nicht immer auf: Bei der Dauphiné-Rundfahrt erlitt IAM-Teamleader Mathias Frank am Freitag einen Hungerast. Das darf ihm an der Tour de France nicht mehr passieren.