Einen Monat vor der Heim-WM auf der Lenzerheide setzte sich Neff bereits in der Anfangsphase des Rennens alleine an die Spitze und triumphierte nach langer Solofahrt 2:04 Minuten vor der Französin Pauline Ferrand-Prévot. Dritte mit fast dreieinhalb Minuten Rückstand wurde die Belgierin Githa Michiels, die im Kampf um die Medaillen von Defekten von Linda Indergand (10.) und Gunn-Rita Dahle Flesjaa (13.) profitierte. Mit dem Gewinn ihres dritten EM-Titels komplettierte Neff ihren Trikotsatz. Die Europameisterin von 2015, 2016 und 2018 ist nun amtierende Welt-, Europa- und Schweizer Meisterin.

«Ich hatte meinen Spass heute. Es sah aber wohl leichter aus, als es war. Das Rennen war brutal, die Runden lang und hart», befand Neff, die in der letzten Woche wegen einer Magen-Darm-Grippe nur reduziert trainieren konnte. «Der Sieg zeigt mir, dass ich trotzdem auf einem guten Weg bin. Und die schönen Emotionen geben mir zusätzlich Energie.»

Neff setzt sich in überlegener Manier durch.

Neff setzt sich in überlegener Manier durch.

Am Freitag folgt der nächste Einsatz 

Während Neff vorne ein störungsfreies Rennen absolvierte und in den Abfahrten klar die Schnellste war, bekundete Linda Indergand abermals in dieser Saison Pech. Auf Bronzekurs liegend erlitt die Urnerin in der vorletzten Runde eine platten Reifen. «Es war mein Fehler, ich fuhr in einer Passage eine zu direkte Linie», erklärte sie enttäuscht. Wegen eines Kettenrisses bei Dahle Flesjaa schien ihr die zweite EM-Medaille nach Silber im Vorjahr schon fast sicher.

Mit der Ukrainerin Jana Belomoina, der Europameisterin und Gesamtweltcupsiegerin von 2017, und der Dänin Annika Langvad standen in Glasgow zwei Topfahrerinnen nicht am Start. Das hatte auch damit zu tun, dass bereits am Wochenende in Mont-Sainte-Anne die nächsten Weltcuprennen anstehen. Neff wird am Mittwochmorgen nach Kanada dislozieren und am Freitag auch das Short-Race bestreiten.

Kurz-Interview mit Jolanda Neff

Jolanda Neff, Sie haben einen souveränen Sieg gefeiert, der nie in Gefahr schien. War das Rennen so einfach, wie es für den Beobachter ausgehen hat?

Jolanda Neff: «Es war ein brutal hartes Rennen – auch, weil ich es hart gemacht habe, indem ich schon in der ersten Runde weggefahren bin. Es war Vollgas von A bis Z. Meine grosse Stärke sind die Abfahrten, und diese wollte und konnte ich ausspielen. Damit ich mein eigenes Tempo fahren konnte, bin ich von Beginn an vorne weggefahren. Es hat extrem viel Spass gemacht. Der Kurs hatte viele Kurven und Sprünge, was wir in solch einer grossen Anzahl sonst kaum haben.»

Letzte Woche waren Sie noch an einer Grippe erkrankt. Diese schien sich aber nicht negativ auf ihre Leistungsfähigkeit auszuwirken.

«Die Grippe war möglicherweise fast schon positiv, da ich super erholt an den Start ging. Kurzfristig ist es ein Vorteil, denn man geht frisch ins Rennen. Vielleicht wirkt sich die Grippe erst später und auf die nächsten Rennen aus, da ich nicht hart trainieren konnte. Beim Weltcup Ende Woche in Kanada spielt dies aber wohl noch keine Rolle, und nachher haben wir ein Wochenende Pause, an dem ich wieder trainieren kann. Man muss jeweils das Beste aus der Situation machen. Ich habe mich jedenfalls heute super gefühlt.»

Für Sie war es nach 2015 und 2016 die dritte EM-Goldmedaille, im letzten Jahr gewannen sie die WM. Was für einen Stellenwert hat dieser Titel für Sie?

«Dieser EM-Titel bedeutet mir extrem viel, weil ich ihn schon zweimal gewonnen habe, im letzten Jahr aber gestürzt bin und ihn nun wieder zurückgeholt habe. Das ist viel wert. Nun bin ich im gleichen Moment Schweizer Meisterin, Europameisterin und Weltmeisterin, dies ist ein Traum, der wahr geworden ist. Ich freue mich riesig.»

In einem Monat stehen bereits die Heim-Weltmeisterschaften in Lenzerheide im Programm. Woran werden Sie in den nächsten Wochen noch arbeiten?

«Die Weltmeisterschaften sind mein grosses Ziel in dieser Saison, das ganze Programm und der Formaufbau sind darauf ausgerichtet. Ich habe sehr gute Erinnerungen an das letzte Jahr, als mir das sehr gut gelang und ich meine Form bis zum Tag X immer zu steigern vermochte. Dieser Sieg ist einerseits wunderschön, weil es ein Titel ist, andererseits aber eben auch eine Bestätigung, dass die Form langsam kommt. Nun bleiben noch viereinhalb Wochen bis zur WM, ich habe in diesen noch viel vor und will mich in allen Bereichen weiter verbessern. Man muss aber auch vorsichtig sein, denn man bewegt sich am Limit. Aber die heutige Leistung zeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin.»