Auf dem kurzen Pflastersteinabschnitt, welcher halbkreisförmig und die Kirche in Bolligen verläuft, kommt beinahe ein wenig Eintagesklassiker-Feeling auf. Aber nur beinahe. «Mit den Abschnitten in Belgien und Frankreich, welche sich teilweise in einem ziemlich schlechten Zustand befinden, ist das natürlich nicht zu vergleichen», schmunzelt Marc Hirschi, der morgen Sonntag zum zweiten Mal den Klassiker Paris–Roubaix in Angriff nehmen wird.

Der Berner, der dank seinen starken Auftritten insbesondere in seinem ersten Jahr als Junior als einer der Hoffnungsträger im Schweizer Radsport gilt, wohnt nur ein paar hundert Meter entfernt in Ittigen. Jenes Ittigen, mit welchem Radsportkundige vor allem einen Namen in Verbindung bringen: Fabian Cancellara (35).

Schon lange auf dem Radar

Logisch, dass der beste Schweizer Radprofi des letzten Jahrzehnts für Hirschi einen gewissen Vorbildcharakter hat: «Er war der erste Fahrer, den ich kannte. Der Erste, welchen ich in den Rennen wahrgenommen habe.» Heute, rund sechs Jahre, nachdem er selber erste Schritte als Rad-Anfänger gemacht hat, ist Hirschi auf dem besten Weg, in der Gemeinde Ittigen ein neues Kapitel Radgeschichte aufzuschlagen.

Dass der 17-Jährige das Zeug dazu hat, einst vielleicht gar in die Fussstapfen des Ende Saison abtretenden Cancellara zu treten, ist seinem Umfeld nicht erst seit den beiden Gesamtsiegen am GP Patton sowie am GP Rüebliland im letzten Jahr bewusst. Ueli Kohler, der sportliche Leiter des Teams Roth, hatte seinen Schützling schon auf dem Radar, als dieser zwölf Jahre alt war.

Die Königin der Klassiker

Jedes Jahr im April bahnen sich dutzende Radprofis den Weg von Paris ins kleine Städtchen Roubaix an der französisch-belgischen Grenze. Das Rennen geniesst bei Fans wie auch Rennfahrern Kult-Status. Wie gut kennen Sie sich mit dem legendären Eintagesrennen Paris-Roubaix aus?

Paris-Roubaix schaut auf eine lange Tradition zurück. Wann fand die erste Ausgabe des legendären Radrennens statt?

1918

1904

1896

1886

Welche vier anderen Rennen gehören neben Paris-Roubaix zu den fünf Monumenten des Radsports?

Flandern-Rundfahrt, Lüttich-Bastogne-Lüttich, Mailand-Sanremo, Lombardei-Rundfahrt

Flandern-Rundfahrt, Lüttich-Bastogne-Lüttich, Mailand-Sanremo, Gent–Wevelgem

Flandern-Rundfahrt, Lüttich-Bastogne-Lüttich, Mailand-Sanremo, Wallonischer Pfeil

Flandern-Rundfahrt, Lüttich-Bastogne-Lüttich, Mailand-Sanremo, Amstel Gold Race

Wie wird das Rennen im Volksmund auch genannt?

Das Schönste von Flandern (Vlaanderens mooiste).

Die Hölle des Nordens (L'Enfer du Nord).

Die grosse Schleife (Grande Boucle).

Die Älteste (La Doyenne).

Was macht Paris-Roubaix zu einem speziell schwierigen Rennen?

Die aussergewöhnlich lange Strecke.

Die schwierig zu fahrenden Kurven.

Der steile Schlussaufstieg.

Die langen Pavé-Abschnitte (Kopfsteinpflastersteine).

Welche beiden Fahrer halten zusammen den Rekord für die meisten Siege?

Tom Boonen und Fabian Cancellara

Tom Boonen und Roger De Vlaeminck

Fabian Cancellara und Octave Lapize

Tom Boonen und Eddy Merckx

Welcher Radrennfahrer konnte neben Fabian Cancellara (drei Siege) als einziger Schweizer den Klassiker gewinnen?

Ferdy Kübler

Hugo Koblet

Heiri Suter

Oscar Camenzind

Wie oft stand Fabian Cancellara bereits auf dem Podest von Paris-Roubaix?

5-mal

7-mal

4-mal

6-mal

Wo ist seit 1977 der offizielle Startpunkt von Paris-Roubaix?

Avenue des Champs-Élysées (Paris)

Schloss Compiègne (Compiègne)

Schloss Versailles (Versailles)

Stade de France (Saint-Denis)

Von wem stammt das Zitat „Es ist Schwachsinn, dieses Rennen. Du arbeitest wie ein Tier, du hast keine Zeit zum Pinkeln, du machst dir in die Hose. Du fährst in diesem Matsch, du rutscht aus. Es ist ein Haufen Scheisse.“

Theo De Rooy

Miguel Indurain

Alex Zülle

Jan Ullrich

Welcher Pavé-Abschnitt gilt als vorentscheidende Schlüsselstelle?

Gruson (Sektor 3)

Saint-Python (Sektor 24)

Camphin-en-Pévèle (Sektor 5)

Trouée d’Arenberg (Sektor 18)

Wer gewann den Klassiker letztes Jahr?

Zdeněk Štybar

Niki Terpstra

John Degenkolb

Juan Antonio Flecha

Schlusslicht

Mit Paris-Roubaix, oder allgemein dem Radsport, kommen sie gar nicht zurecht. Obs nur an den Pflastersteinen liegt?

Hauptfeldfahrer

Einer unter vielen. Im Hauptfeld können Sie gerade noch so knapp mithalten. Den Anschluss zur Spitze und zur ersten Verfolgergruppe haben Sie aber längstens verloren.

Spitzengruppe

Eine ganz knappe Entscheidung, aber für ganz nach vorne reicht es Ihnen noch nicht. Trotzdem dürfen Sie sich glücklich schätzen, das gesamte Hauptfeld weit hinter sich gelassen zu haben.

Paris-Roubaix-Sieger

Sie fühlen sich auf den endlosen Pavé-Abschnitten wohler als zuhause im Wohnzimmer und kennen jede Kurve vom Schloss Compiègne bis ins  Vélodrome von Roubaix auswendig. Herzliche Gratulation zum verdienten Sieg!

«Ich entdeckte ihn damals auf der Bahn in Aigle», bleibt Kohler die erste Begegnung unvergessen. Obwohl er als Kantonalverantwortlicher primär mit Junioren im Alter zwischen 17 und 18 Jahren zusammenarbeitete, integrierte er den jungen Hirschi rasch ins Team – und dieser dankte das Vertrauen mit starken Leistungen.

Er könne sich, so Kohler, an ein Handicap-Rennen im Frühling erinnern. Hirschi startete als Anfänger mit einer Zeitvorgabe auf die Junioren und Elitefahrer. Als Letztere von hinten aufschlossen, biss sich der Ittiger fest und liess sich bis ins Ziel nicht abschütteln. «Diese Leistung hat mir definitiv die Augen geöffnet», sagt Kohler über diesen verblüffenden Auftritt.

Mit seiner Meinung ist der frühere Berner Kantonaltrainer nicht alleine. Beeindruckt vom ausserordentlichen Talent Hirschis ist auch Daniel Gisiger. «Einen Fahrer mit einem so grossen Potenzial hat man als Nationaltrainer selten», kann sich Gisiger nicht daran erinnern, in seinen acht Jahren als Junioren-Verantwortlicher mit einem ähnlich talentierten Fahrer zusammengearbeitet zu haben.

Bereits mit seinem Solosieg an den Schweizer Meisterschaften 2015 verwies er die Gegner auf einer anspruchsvollen Strecke klar auf die Plätze, ehe er mit dem Sieg am GP Patton «bewies, dass er international bestehen und mit den Besten der Welt mithalten kann», so Gisiger, der in Hirschi gewiss das grösste Talent seit Stefan Küng (22) sieht.

Versteckte Qualitäten

Noch etwas weiter zurück führt der Vergleich bei Ulrich Kohler, welcher damals schon den Junior Cancellara unter seinen Fittichen hatte. «Bei ‹Fäbu› hat man immer gewusst, dass er es einmal schaffen würde. Und auch Marc bringt die Qualitäten und den Ehrgeiz dazu mit», ist Kohler überzeugt.

Allein, vergleichen kann man die beiden Berner nicht. Während Cancellara, wie auch Küng, dank seiner Postur ein Spezialist für Zeitfahren und Eintagesrennen ist, hat Hirschi das Zeug zum starken Allrounder. Logisch, dass der 56 kg leichte und nur 1,73 Meter grosse Absolvent einer Sport-KV-Lehre sich in erster Linie als Bergfahrer sieht – und damit als Spezialist für längere Rundfahrten.

Die Gegner tun gut daran, sich vom Erscheinungsbild des 17-Jährigen nicht täuschen zu lassen. Wenn Gisiger, liebevoll, von einer «halben Portion» spricht, so ist das keinesfalls despektierlich gemeint; vielmehr streicht er damit die Unscheinbarkeit Hirschis hervor.

Rennintelligenz und Tempofestigkeit

Schliesslich ist er sich als Bahn-Nationaltrainer gewohnt, etwa mit einem Stefan Küng zu arbeiten, welcher, bei einer Körpergrösse von 1,93 Metern, satte 27 kg mehr auf die Waage bringt als Hirschi: «Wenn man Marc so anschaut, könnte man wirklich nicht meinen, dass er solches Potenzial hat.» Gisiger spricht deshalb von versteckten Qualitäten, hebt aber auch die offensichtlichen Stärken des Ittigers hervor. «Beim GP Rüebliland beispielsweise hat er Rennintelligenz bewiesen, das heisst, er kann ein Rennen sehr gut lesen. Dazu ist er tempofest und kann ein Loch schliessen.»

Wo man auch hinhört: Es hagelt Komplimente für den jungen Berner. Doch dieser will nichts überstürzen, schon gar nicht abheben, nachdem ihm der Auftakt in seine zweite Saison als Junior mit Rang 3 bei Gent–Wevelgem sehr gut gelungen ist. Er spricht vielmehr davon, sich in den nächsten zwei Jahren auf seine Lehre konzentrieren zu wollen und sportlich keinen Schritt auszulassen. Was ganz im Sinne ist von Daniel Gisiger.

«In der Schweiz setzen wir auf Sport plus Ausbildung, das darf man nicht ausser Acht lassen. Wichtig ist jetzt, dass es für Marc nicht zu schnell geht, dass er sich in Ruhe weiterentwickeln kann. Bei uns gibt es nicht so viele gute Fahrer. Jene, die Qualitäten haben, muss man schützen.»