Sie haben einen sehr Turbulenten Start hinter sich. Erst die Krise zu Beginn, jetzt die Qualifikation für den Achtelfinal der Champions League. Was haben Sie in diesen ersten fünf Monaten als FCB-Trainer gelernt?

Ruhig zu bleiben, wenn es nicht so gut läuft. Während der schwierigen Zeit die wir hatten, versuchten wir, immer ruhig zu bleiben. An das zu glauben, was wir machen. Als Trainer muss man von seinen Ideen überzeugt sein und trotzdem offen, um Dinge zu korrigieren. Doch die Ruhe ist zentral. Denn im Fussball kann man nicht alles erklären. Nach der Niederlage gegen YB haben wir dreimal in Serie gewonnen, haben gut gespielt. Auch gegen Sion haben wir eine gute erste Halbzeit gespielt, wir müssten 3:0 führen, aber es steht nur 1:0. Und dann gleichen sie aus. Und dann verlieren wir Punkte gegen Lugano und Lausanne. Wir wissen nicht warum.

Sie sind fünf Monate Trainer und stehen jetzt im Achtelfinal der Champions League. Das ging ganz schon schnell, oder?

Ja, es ist alles extrem schnell gegangen. Ich muss das alles noch verarbeiten. Ich bin einfach stolz auf uns. Die Mannschaft, den Staff. Ich arbeite sehr eng mit meinem Staff zusammen. Ich brauche diese Leute nicht dafür, dass sie nur Hütchen aufstellen im Training. Ich brauche die ihre Meinung. Es sind extrem viele Leute, die mir da helfen. Und dann freue ich mich auch für die Fans, für die Menschen in Basel, dass sie diese Emotionen erleben können. Für mich ging es schnell. Aber ich wusste ja, auf was ich mich einliess, als ich die Mannschaft übernahm.

Können Sie im Achtelfinal eine Überraschung schaffen?

Jetzt geniessen wir zuerst einmal. Denn was die Mannschaft geleistet hat, ist unglaublich. Darauf dürfen wir stolz sein. Der Achtelfinal ist noch weit weg. Zuerst haben wir nun noch vor der Winterpause zwei Ligaspiele. Wir, also das Trainerteam, sind aber bereits daran, den Samstag vorzubereiten. Dann wartet St. Gallen. Darauf liegt nun der Fokus. Wir müssen gegen St. Gallen drei Punkte holen und nicht mehr gross an die Champions League denken. Denn noch beträgt unser Rückstand auf YB vier Punkte. 

Hatten Sie eigentlich Angst, dass Sie scheitern könnten?

Nein, ich hatte keine Angst. Wir sind ruhig geblieben. Ich lese, wie mehrfach erwähnt, keine Zeitungen. Ich weiss nicht, was über mich und die Mannschaft geschrieben wurde. Das hat mir sehr geholfen und hilft, ruhig zu bleiben, fokussiert auf das, was ich mache. Ich wusste, dass es Kritik gab. Das ist doch logisch. Wir waren nicht so gut, wie man das von uns gewohnt war. Aber ich und der Staff sind ruhig geblieben. Wir haben immer die Unterstützung von Marco Streller gespürt.

Im Sommer kams zum grossen Umbruch. Ist dieser Achtelfinal die Belohnung für das Risiko, das Sie und der Klub eingegangen sind?

Ich glaube nicht, dass es ein Risiko war. Ich bin stolz, dass der Klub auf einen jungen Trainer wie mich setzen wollte. Und warum würde ich all die Diplome machen, wenn ich dann nicht zusagen würde? Ich wusste, dass es hart wird. Das habe ich von Anfang an betont. Denn es gab viele Veränderungen im Klub. Wir haben eine neue Philosophie, es sind viele neue Spieler gekommen, wir haben etliche Offensivspieler verloren, dann trat unser Captain zurück. Wir wussten, dass es Zeit braucht und nicht einfach sein wird.

Viel Zeit haben Sie nicht gebraucht. 

Ich bin sehr zufrieden mit der Entwicklung und den Fortschritten der ganzen Truppe. Wir haben sehr, sehr viele junge Spieler in unserem Kader. Es ist wunderbar, diese Fortschritte zu sehen. Wir sind viel stabiler geworden. Aber wir dürfen nicht nachlassen. Niemals. Wenn man das tut, macht man keine Fortschritte mehr.

Haben Sie sich eigentlich auch einen Schluck Bier in der Kabine gegönnt wie die Spieler?

Ja, einen Schluck oder zwei. Ich konnte nicht fertigtrinken, weil ich danach zum TV gehen musste. Ich konnte ja nicht mit einer Bierbüchse vor den Kameras stehen (lacht). Aber im Hotel gab es für uns noch ein Glas Wein. So gegen 3 Uhr war dann aber Schluss für mich. 

Wie war dieser Abend, dieser letzte Schritt in den Achtelfinal eigentlich für Sie?

Das waren für mich die gefühlt längsten 90 Minuten als Trainer. Nach dem 1:0 wollte die Zeit einfach nicht vorbeigehen. Aber ich blieb relativ ruhig an der Seitenlinie. Ich kann nicht mehr gross Einfluss nehmen auf das Team, wenn das Spiel mal läuft. Kurz vor der Halbzeit haben wir mitgekriegt, dass auch ZSKA 1:0 führt. Das ist natürlich nicht die Nachricht, die man in der Pause unbedingt hören will. Da wussten, dass wir noch einmal 45 Minuten leiden müssen. Dann wurde es sehr, sehr schwierig. Benfica war gut, sie sind unglaublich trickreich, immer gefährlich bei Standards.Das 2:0 kam genau zum richtigen Zeitpunkt. In einer sehr schwierigen Phase. Das hat allen ein bisschen mehr Sicherheit gegeben. Dann kam auch die Meldung zu uns auf die Bank, dass Moskau 1:2 hinten liegt.

Eigentlich hat man nicht allzu viel von Ihrem Team erwartet vor der Kampagne. Und dann holen Sie mehr Punkte als jemals zuvor. Haben Sie ein Erklärung dafür?

Nein. Erklärungen sind im Fussball nicht immer möglich. Wir haben von Anfang an gesagt, dass es eine sehr schwierige Gruppe ist und dass wir gerne europäisch überwintern möchten. Denn wir wussten auch, dass wir Qualität in der Mannschaft haben. Aber es ist schon erstaunlich nach diesem Umbruch. Beim ersten Spiel in Manchester – drei Tage nach dem wir gegen Lausanne verloren hatten – hat die Mannschaft ein sehr gutes Spiel gemacht, sehr solid. Auch wenn wir 0:3 verloren hat uns das Spiel irgendwo gezeigt, dass wir etwas erreichen können, wenn wir solidarisch auftreten. Dass es dann gleich so rauskommt, damit hat niemand gerechnet.

Hat die Mannschaft Ihre Erwartungen übertroffen?

Ich glaube, wenn jemand gesagt hätte, dass wir in der Champions League mit zwölf Punkten rechnen, wären wir für verrückt erklärt worden. Das kann ja nicht die Erwartung sein. An einen Schweizer Klub. Aber wir wussten schon, dass wir die Qualität haben, etwas zu erreichen, das schon. Wir arbeiten ja jeden Tag mit diesen Spielern. Wir wissen, was sie können. Wir hatten im Sommer schon eine sehr gute Vorbereitung. Wir spielten gegen Athletic Bilbao, Sporting Lissabon. Wir hatten gute Resultat. Das zählt zwar nichts, aber man sah, so schlecht funktioniert das nicht. Wir wussten, dass das Team verschiedene Systeme spielen kann. Dreierkette, Viererkette.

Wie wichtig ist dieser Erfolg auch im Hinblick auf die Meisterschaft?

Diese Erfolge haben den Spielern unglaublich viel Selbstvertrauen gegeben. Aber was mich fast am meisten freut, ist die Reaktion nach der Heimniederlage gegen Moskau. Das war doch ein sehr harter Schlag für alle. Wir wussten, dass es nicht einfach wird. Aber wir waren in der Halbzeit so nahe dran, führten 1:0 und verlieren dann. Die Reaktion danach – in der Meisterschaft oder in der Champions League – war unglaublich reif und erfreulich. Es ist schön zu sehen, dass die Mannschaft in diesen Momenten nicht auseinanderfiel. Wir gingen durch viele schwierige Phasen. Das ist ja durchaus normal bei einem solchen Umbruch. Vor allem wenn man nach dem ersten Spiel auch noch den Captain verliert. Das war schwierig. Wir haben viel miteinander gesprochen. Und wir wussten auch, dass nach diesen ersten Siegen gegen Lissabon und ZSKA wieder schwierige Phasen kommen werden. Aber wir wussten, dass wir dann einfach ruhig bleiben und weitermachen müssen.

Sie mussten selbst in Ihre neue Rolle reinwachsen. Wie schwierig war es für Sie?

Natürlich war es für mich auch ein Reinwachsen. Ich war und bin froh, dass ich meinen Staff habe. Einige haben schon viel Erfahrung. Wir sind immer ruhig geblieben. Das ist extrem wichtig, glaube ich. Und das ist für mich die wichtigste Lehre aus diesen ersten Monaten. Man darf nicht stur sein, muss miteinander reden, ein, zwei Dinge ändern. Aber vor allem an das glauben, was man macht. Und ich glaube, jeder Trainer wird mit der Erfahrung besser, wenn er offen bleibt für Neues.

Wie einfach fiel es Ihnen ruhig zu bleiben in der Krise?

Natürlich war ich nicht zufrieden. Auch ich will gewinnen. Dann hinterfragt man sich. Aber ich war eigentlich immer sehr ruhig. Mir hilft es halt extrem, dass ich wirklich keine Zeitungen lese. Dann kriege ich die ganzen äusseren Einflüsse nicht mit. Ich weiss nicht, wer was schreibt, wer seine Meinung zu was gibt. Das sind nicht nur die Journalisten. Da gibt es Experten, Ehemalige und und und. Mir hilft es, wenn ich das nicht mitkriege. Dann bin ich unbefangen, kann mit meinen Leuten arbeiten, Leuten, denen ich vertraue und mit denen ich sprechen kann. Das half extrem, um ruhig zu bleiben und es ist für mich der richtige Weg, diesen Job zu machen. ​