Es gibt einen Umstand, auf den Roger Brennwald besonders gern und zu Recht mit Stolz hinweist: 26 verschiedene Spieler zierten in der Geschichte des Männertennis einmal die Spitze der Weltrangliste. Und nur einer davon spielte nicht mindestens einmal bei seinem Turnier: der Australier John Newcombe.

Das ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, in welch kompetitivem Umfeld sich die Swiss Indoors seit je bewegen und mit welcher Konkurrenz man sich zu messen hat – mit Metropolen wie Washington, Peking, Tokio, Dubai, Wien oder London.

Doch Roger Brennwald sagt auch: «Für mich als Turnierdirektor sind Fragen zur Infrastruktur, zur Sicherheit, zur Halle, zu dieser gigantischen Logistik, die dieser Koloss mit sich bringt, viel zentraler.» Spielerverpflichtungen seien zwar wichtig, aber nicht sein Kerngeschäft.

Roger Brennwald (72) ist ein Doyen, ein Patron alter Schule. Auch wenn er immer den Teamgeist beschwört: Noch immer gibt es keine wichtige Entscheidung, die ohne seine Zustimmung getroffen wird. Doch geht es um die Verpflichtung von Spielern, lässt er einem seiner engsten Vertrauten praktisch freie Hand.

Wer verstehen will, weshalb die Weltbesten Jahr für Jahr in Basel aufschlagen, stösst früher oder später auf ihn: Sergio Palmieri, 72-jährig, Italiener, inzwischen weisses Haar, schelmisches Lächeln. Kaum einer kennt die Tennis-Karawane besser als er. Während 20 Jahren war Palmieri Manager von John McEnroe. Heute ist er Turnierdirektor des Masters-1000-Turniers von Rom, aber eben auch: Spieleragent von Roger Brennwalds Gnaden.

«Tony Godsick? Mein Freund»

In Basel weilt er immer nur wenige Tage. Seine Arbeit findet anderswo statt: in Paris, New York, London oder Schanghai. Dort, wo die Tennis-Karawane gerade ihre Zelte aufschlägt. Palmieri ist seit Jahrzehnten einer der mächtigsten Strippenzieher im Welttennis. Er begann bei der Agentur IMG, wo Tony Godsick, heute Manager von Roger Federer, sein Ziehsohn war.

«Er ist einer meiner besten Freunde», sagt Palmieri über den Amerikaner. Das Wort fällt oft. So ist Sergio Palmieri. Ein gewiefter Taktiker, ein Pokerspieler, der sich nie in die Karten schauen lässt, mit allen Wassern gewaschen. Und immer mit einem Ass im Ärmel, wie es scheint.

Sergio Palmieri weiss: «Auch Roger Federer hört auf seine Frau. Alle hören auf ihre Frauen. Das ist doch völlig normal.»

Sergio Palmieri weiss: «Auch Roger Federer hört auf seine Frau. Alle hören auf ihre Frauen. Das ist doch völlig normal.»

Für Basel ist Palmieri ein Segen. Er setzt die Philosophie um, die sich Brennwald seit Jahren auf die Fahne geschrieben hat: Er will die Stars von morgen präsentieren. In der Hoffnung, sie kehren nach Basel zurück, wenn sie zu Stars von heute gereift sind. Immer wieder ist diese Rechnung aufgegangen.

«Ich wollte Danke sagen», sagt Alexander Zverev, 21-jährig, die Nummer drei der Welt und neben Roger Federer das Aushängeschild der diesjährigen Swiss Indoors, auf die Frage, weshalb er in Basel spielt. Danke dafür, dass man ihm 2014 als damals 17-Jährigem eine Wildcard für das Hauptfeld gegeben hatte. Damals, als er nur die 135 der Welt war.

Die Jungen im Zentrum

Ganz ähnlich war es bei Rafael Nadal. Auch der Spanier spielte 17-jährig erstmals in Basel, als Nummer 48 der Welt. 2004 trat er erneut bei den Swiss Indoors an, danach zehn Jahre nicht mehr. Palmieri sagt: «Wir wollen die Besten in Basel, aber auch die besten Jungen.» Damit sie wiederkommen. Wie Nadal: 2013 unterschrieb er einen Vertrag über drei Jahre.

Zwei Mal fehlte er verletzt, ein Mal spielte er trotz einer Blinddarmentzündung. Doch auch Nadal zeigte sich dankbar. Weil er unter den Erwartungen geblieben war, bot er an, seinen Vertrag auf ein weiteres Jahr auszudehnen – zu gleichen Konditionen. Die Jungen – sie standen auch in den letzten Jahren im Zentrum.

Denis Shapovalov erhielt eine Wildcard, Stefanos Tsitsipas, der 20-jährige Grieche, der in diesem Jahr für Furore sorgt und bereits an die Tür zu den Top Ten klopft, spielte vor zwei Jahren erstmals in Basel. Erst 18-jährig und als Nummer 207 der Welt erhielt er eine Wildcard für die Qualifikation.

Persönlichkeit und Charakter

Worauf achten Palmieri und Brennwald bei der Verpflichtung junger Spieler? «Es geht um Persönlichkeit», sagt Palmieri. «Du musst nicht die besten Spieler haben, sondern jene, die am besten zu deinem Turnier passen.» Auch darum hat sich das Duo jahrelang um Nick Kyrgios bemüht.

«Er passt perfekt, er ist ein Bad Guy», sagte Palmieri vor einem Jahr zu dieser Zeitung. Doch der Trumpf stach für einmal nicht: Kyrgios spielte nie in Basel. 2015 sah man von einer Verpflichtung ab, weil Kyrgios wenige Wochen zuvor in Montreal den Schweizer Stan Wawrinka mit einer Obszönität brüskiert hatte. Im Jahr darauf verbüsste der Australier eine Sperre.

Auf der Prioritätenliste von Palmieri stehen längst andere Namen: Alexander Zverev (21) zum Beispiel. Oder der Kanadier Félix Auger-Aliassime (18). Und sicher auch ein paar Talente, die noch nicht im Fokus der Öffentlichkeit stehen.

Nick Kyrgios ist gemäss Palmieri ein «Bad Boy».

Nick Kyrgios ist gemäss Palmieri ein «Bad Boy».

Bereits heute laufen die Planungen für die Swiss Indoors 2019 auf Hochtouren. Denn die Verhandlungen sind schwieriger geworden. «Zverev hat seinen Vater, den Bruder, Ivan Lendl, den Therapeuten, den Manager. Vielleicht noch eine Freundin. Auf alle hört er. Auch Roger hört auf seine Frau. Sie hören alle auf ihre Frauen.»

Das Leben richtig schwer machen ihm die Manager. Zu ihnen gehört auch sein einstiger Ziehsohn, Tony Godsick. Dass sein Verhältnis zu Federer getrübt sei, verneint Palmieri zwar. Das Wort Freund fällt aber nicht. Sicher ein Freund ist Roger Brennwald. «Er fällt jede Entscheidung. Aber ich vertraue ihm und er vertraut mir.» Wer sieht, wie erfolgreich Palmieri in den letzten Jahren im Spiel um die Stars war, versteht, weshalb das so ist.