Vier Bodyguards und eine Armada von Betreuern

Wer wie Roger Federer, 37, ein Gesicht hat, das auf der ganzen Welt erkannt wird, der kann sich nicht einfach in einem Park warm machen. Also bestreitet der Baselbieter einen Teil seiner Vorbereitung jeweils bereits im Hotel. «Dort habe ich auch Zeit, um in Ruhe mein Morgenessen zu mir zu nehmen, und meine Sachen zu packen.»

Denn sobald er die Anlage im Westen der Stadt betritt, bricht wieder der Wahnsinn um ihn herum aus. Als er sich um 11.30 Uhr für eine halbe Stunde mit Henri Laaksonen einspielt, stehen seine zwei Trainer, Ivan Ljubicic und Severin Lüthi, Bespanner Nate Ferguson und Physiotherapeut Daniel Troxler auf dem Platz. «Es fühlte sich ein wenig wie vor einem Final an. Die Vorfreude, das Prickeln und dass mich das Publikum vermisst hat.» Für die rund 100 Meter zurück in den Bauch des Court Philipp Chatrier erhält er von vier Bodyguards Geleitschutz.

Roger hier, Roger da, Roger überall: Roger Federer hat in Paris kaum eine ruhige Minute.

Roger hier, Roger da, Roger überall: Roger Federer hat in Paris kaum eine ruhige Minute.

Dort nimmt er auch sein Mittagessen ein. Er habe sich den ganzen Tag entspannt gefühlt, «nur am Abend vor dem Spiel, als ich an den Gegner gedacht habe, wurde ich etwas nervös». Die beiden vor ihm angesetzten Spiele sind schnell beendet, «da bleibt nicht viel Zeit, nervös zu werden. Erst zwei Minuten, bevor ich auf den Platz gelaufen bin, ging mir durch den Kopf: «Wow, diese Leute sind alle meinetwegen gekommen.»

«Roger, Roger, Roger»-Rufe

Um 14.31 ist es so weit: Roger Federer läuft nach 1454 Tagen Abstinenz von Roland Garros auf dem Court Philipp Chatrier ein, begleitet von stehende Ovationen und «Roger, Roger, Roger»-Rufen. Sein erster Gegner, der Italiener Lorenzo Sonego (ATP 73), spielt zum ersten Mal überhaupt bei den French Open im Hauptfeld. Federer hingegen bestreitet bereits sein 76. Grand-Slam-Turnier – Rekord.

Immer wieder stürmt er ans Netz, reisst das Publikum mit seinem Tennis, das aus der Zeit gefallen scheint, von den Sitzen. Nach 1:41 Stunden steht der 6:2, 6:4, 6:4-Erfolg fest. Doch sein Arbeitstag ist damit noch längst nicht beendet. Es folgen: Interview auf dem Platz, Auftritte bei Eurosport, dem französischen Fernsehen und dem Tennis-Channel. «Das ist nicht ideal, denn eigentlich sollte ich so schnell wie möglich duschen und etwas essen», sagt Federer.

Um 18.35 Uhr, zwei Stunden nach dem Spiel, beantwortet er letzte Fragen. «Nur gegessen habe ich noch immer nichts.» Im Hotel stehen noch Dehnen und Massage an. Erst am Dienstag wird er wieder trainieren. Am Mittwoch trifft er erstmals auf den Deutschen Oscar Otte (ATP 145). Der Paris-Neuling ist dann Gast in einer Welt, in der alles noch etwas grösser und bedeutungsvoller erscheint. In der Welt des Roger Federer.

Rennen im Park und Essen beim Mexikaner

Gemachte Pläne wirft Belinda Bencic gerne einmal über den Haufen. Statt im Hotel zu wohnen, mietete sie kurzerhand ein Appartement in Gehdistanz zur Anlage. «Wie im Märchen ist es dort.» Noch vor dem Morgenessen läuft sie sich im nahen Bois de Boulogne warm. «Ich mag es, mich am Morgen schon etwas zu bewegen.» Belinda Bencic bleibt dabei unerkannt.

Wie Federer spielt sich die 22-Jährige um die Mittagszeit ein, zusammen mit der Russin Anna Blinkova. Ihnen steht nur eine Platzhälfte zur Verfügung, auf der anderen trainiert die Amerikanerin Bernarda Pera. Nur wenige Zaungäste verfolgen das Treiben. Wen Bencic kennt, den begrüsst sie mit einem Winken. Es ist fast schon familiär. Anders als Federer ist Bencic nur mit Vater und Trainer Ivan nach Paris gereist. Ihr Freund und Fitnesstrainer, Martin Hromkovic, bereitet sich in der Slowakei auf Prüfungen vor.

Obschon sie die Nummer 15 der Welt ist und als Mitfavoritin auf den Sieg in Roland Garros gehandelt wird, bleibt Bencic selbst auf der Anlage praktisch unerkannt. Niemand dreht sich nach ihr um, als sie, im Zwiegespräch mit Vater Ivan, zurück in den Spielerbereich geht. Ihre Tasche trägt sie selber.

Belinda Bencic kann sich auf der Anlage in Paris praktisch unerkannt aufhalten.

Belinda Bencic kann sich auf der Anlage in Paris praktisch unerkannt aufhalten.

«Das ist schon krank»

Wie Federer nimmt sie dort das Mittagessen ein, «Reis mit Olivenöl, Salz und Avocado», sagt sie. Weil sich im direkt vor ihr angesetzten Spiel ein schnelles Ende anbahnt, muss Bencic das Essen abbrechen. «Als ich den Teller gefüllt hatte, sah ich, dass es 6:3, 6:0, 2:1 steht. Also musste ich mich aufwärmen und konnte nur die Hälfte essen.» Doch der Start verzögert sich, weil der im Rückstand liegende Spieler die zwei folgenden Sätze gewinnt. Es beginnt das grosse Warten. «Ich war fast am Verhungern», sagt Bencic.

Ihre Partie gegen Jessika Ponchet (WTA 187) findet auf Court 1 statt. Das Rund ist zwar nur bis zur Hälfte gefüllt, aber die Ambiance gut, die Zuschauer Connaisseurs. Hier hört man das Zischen der Bälle, den Atem der Spieler, ihre Monologe. Bencic gewinnt den Startsatz in 21 Minuten, macht im zweiten einen 1:3-Rückstand wett und setzt sich 6:1, 6:4 durch. Es ist erst ihr dritter Sieg in Roland Garros. Ihre nächste Gegnerin ist Laura Siegemund (WTA 95).

Anders als Federer gibt Bencic kein Platzinterview, kann direkt zum Duschen und in die Massage. «Dann kann ich am Abend ohne Zeitdruck essen», sagt sie, am liebsten beim Mexikaner. Zurück im Appartement dreht sich wieder alles um Tennis. «Wenn ich nach Hause komme, schaue ich auf dem Fernseher, auf dem Tablet und auf dem Handy drei Matches parallel. Das ist schon etwas krank», sagt Bencic lachend.