Heinz Günthardt, wie beurteilen Sie das Viertelfinal-Aus von Roger Federer in Wimbledon?

Heinz Günthardt: Er hat längstens nicht so aggressiv Vorhand gespielt, wie er das kann. Und er hat gegen einen sehr guten Gegner gespielt, das darf man nicht vergessen. Anderson serviert sehr gut, das heisst, du kannst nur bedingt beeinflussen, was läuft. Anderson spielt nicht jeden Tag so. Aber wenn er gut drauf ist, dann macht es bumm, bumm, bumm, Hallelujah.

Hat sich das in der ersten Woche auch etwas abgezeichnet?

Nein, Roger hat einfach so extrem gut serviert, dass die Hälfte der Punkte gar nicht stattgefunden haben. Er konnte immer vorlegen, dann ist es auch viel einfacher, befreit aufzuspielen.

Federer gewann den ersten Satz mit 6:2. Danach habe er sich aber nie mehr richtig wohlgefühlt, wie kann so ein Bruch passieren?

Ein Bruch ist ein zu starkes Wort. Der Unterschied war, dass er angefangen hat, Ballwechsel zu verlieren. Warum? Plötzlich hatte Roger vier, fünf Abflieger. Danach gab er den Bällen ein bisschen mehr Drall. Plötzlich hatte Anderson Ruhe und sich wohlgefühlt, wie man das sonst nicht hat gegen Roger.

Kevin Anderson kämpfte Roger Federer in fünf Sätzen nieder. Nun trifft er im Wimbledon-Halbfinal auf John Isner.

  

Federer hat zuvor in Wimbledon 34 Sätze gewonnen. Wieso verlor er dann so schnell die Sicherheit?

Offensichtlich sind ihm diese Fehlschläge eingefahren. Du kannst das ultimative Gefühl plötzlich verlieren, wenn du die Bälle nicht mehr so sauber triffst.

Fehlte ihm also die Lockerheit?

Das ist gut möglich. Roger wollte dieses Turnier unbedingt gewinnen. Vielleicht hat er sich im Unterbewusstsein gesagt: Das ist vielleicht meine letzte Chance. Klar, das ist Spekulation, aber er hat sich enormen Druck gemacht. Erstaunlich war: Es war das erste Mal, dass Federer Gegenwehr hatte. Interessant war, dass er dann abwartend spielte. Ich hatte den Eindruck, dass er nicht das gleiche Selbstvertrauen hatte wie im Vorjahr, diese Momente gibt es.

Federer hatte dennoch Matchball

Gewinnt er in drei Sätzen, hätten alle gesagt: Wow, er ist unglaublich drauf. Auch diese Geschichte wäre wahr gewesen. Aber man muss schon auch vor Anderson den Hut ziehen, denn er war schon im zweiten Satz der bessere Spieler. Federer gewinnt ihn und man fragt sich wie so oft: Wieso eigentlich?

Spielten die Bedingungen eine Rolle?

Wenn es heiss und trocken ist, springen die Bälle höher ab. Der gleiche Ball springt vielleicht zehn Zentimeter höher ab, das macht etwas aus. Das ist ein Vorteil für Nadal, der es nicht mag, wenn er tief runter muss. Auch Djokovic mag das nicht. Andererseits hilft es den Aufschlägern. Bist du gross und die Bälle springen höher weg: Hallelujah.

Wie oft kann Federer in Wimbledon noch gewinnen?

Physisch ist er in einer unglaublichen Verfassung, hat sich gut bewegt. Ich sehe keinen Grund, wieso er nicht im nächsten Jahr um den Titel spielen soll.

Wen favorisieren Sie im Halbfinal zwischen Nadal und Djokovic?

Ich habe das Gefühl, Novak sieht sich auf dieser Unterlage als Favorit. Er hat das Gefühl, dass er gewinnt, wenn es schnell ist, weil er Nadal in den letzten Jahren auf schneller Unterlage extrem im Griff gehabt hat. Für ihn ist das ein Déjà-vu. Darum sehe ich ihn auch in der Favoritenrolle. Und: Ich denke, für Djokovic war es die grössere Hürde, wieder so weit zu kommen. Im Final kann es wieder etwas anderes werden. Wenn er da auf Anderson trifft, hat er das Gefühl: Da muss ich jetzt einfach gewinnen. Dann ist es wieder ein ganz anderes Thema.

Heinz Günthard sieht Novak Djokovic im Wimbledon-Halbfinal gegen Rafael Nadal im Vorteil.

Heinz Günthard sieht Novak Djokovic im Wimbledon-Halbfinal gegen Rafael Nadal im Vorteil.

Welche Chance geben Sie Isner oder Anderson im Final?

Gute, aber sie müssen im Final sehr gut servieren, das ist klar. Wenn das der Fall ist, hat der Gegner praktisch keinen Rhythmus, die Servicegames sind schnell durch. Das ist mental schwierig. Isner und Anderson sind sicher nicht die Schnellsten, aber sie können Tennis spielen. Aber es ist schon so: Wären die Bedingungen anders, würde Isner hier keinen Blumentopf gewinnen. Es ist hart wie Beton. Das war übrigens auch 1976 so, als ich bei den Junioren gewonnen habe. Plötzlich spielte Björn Borg super auf Rasen. Und warum? Weil es einfach knochentrocken war.